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Wiener Opernball : Schwarze Maschen und ein It-Girl

Dieses Jahr diese: „Mörtel“ zeigt seine Opernball-Dame 2014 Bild: dpa

Heute Abend steigt der Wiener Opernball und ist wieder allgegenwärtig. Doch Kenner tanzen gern anderswo.

          Einen Tag lang sah es so aus, als werde die Wiener Staatsoper in das Logistikzentrum einer Spedition umfunktioniert. Dann waren die hässlichen Containerstapel vor dem Eingang mit einer roten Fassade verhüllt, rechtzeitig, um an diesem Donnerstagabend das Entree für den Opernball zu bilden: ein Schutz vor dem scharfen Wind, der im Februar gern durch die Stadt pfeift (dieses Jahr aber recht lau ausfällt), und zugleich eine Kulisse für die Aufnahmen, die von den Personen von Rang und Namen gemacht werden. Denn der Opernball ist nicht nur ein Gesellschafts-, sondern längst auch ein Medienereignis von erstem Rang. Mehr als 1,5 Millionen Zuschauer haben im vergangenen Jahr die Übertragung im ORF eingeschaltet.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Wenn Bundespräsident Heinz Fischer in seine Loge einzieht, erklingt eine Fanfare. Mit sich bringt er den Friedensnobelpreisträger und früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan. Auch die Spitzen der Regierung geben sich die Ehre, Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP). Ferner erwartet werden der Regisseur Stefan Ruzowitzky, der deutsche Musical-Star Anna Maria Kaufmann, die Schauspieler Sunnyi Melles und Tobias Moretti, der Maler Christian Ludwig Attersee, der Fernsehkoch Johann Lafer, das Model Melanie Scheriau und Hubertus Hohenlohe, dessen Funktionsbezeichnung von der Nachrichtenagentur APA mit „Tausendsassa“ angegeben wird.

          Die Bedeutsamkeit der Kleiderordnung

          Aufmerksamkeit zieht regelmäßig der Wiener Bauunternehmer Richard Lugner auf das Ereignis und auf sich, indem er jedes Jahr eine Person zu sich in die Loge einlädt, die man aus den Heften beim Frisör kennt. Dieses Jahr schmücken Kim Kardashian und Ivian Sarcos die Loge des Unternehmers, dem der Boulevard den Spitznamen „Mörtel“ verpasst hat. Ivian Sarcos stammt aus Venezuela und war 2011 Miss World. Kim Kardashian wird als „It-Girl“ bezeichnet, was im Wesentlichen bedeutet, dass sie Darstellerin ihrer selbst ist, insofern für die Rolle, die sie in Wien spielen soll, die ideale Besetzung. Wochenlang lieferte Lugner den bunten Blättern Zitate über die angeblichen Launen seines Gastes, der nebenbei mit einer Signierstunde Werbung für sein Kino und Einkaufszentrum machen soll.

          Dieserart Aufmerksamkeit hilft gewiss bei den Einschaltquoten, sie prägt aber auch ein wenig den Charakter des Balls, der deshalb für die Wiener Gesellschaft nicht unbedingt im Zentrum der Saison steht. Da hat dann jeder seine eigene Präferenz. An erster Stelle ist der Philharmonikerball zu nennen, der Ende Januar in den Sälen des Musikvereins gefeiert wird. Statt einer Ansprache zur Eröffnung spielen die Philharmoniker ein kurzes Stück, ehe wie beim Opernball die Debütantenpärchen ihre einstudierten Formationen zum Besten geben dürfen. „Für die Wiener ist das der bedeutendste Ball“, sagt Thomas Schäfer-Elmayer, Leiter der traditionsreichen Tanzschule Elmayer. Er könnte als befangen gelten, weil er dort den Conférencier geben darf und es bei den Philharmonikern „seine“ Debütanten sind. Doch wird das Urteil von vielen anderen Wienern geteilt. Die Tanzschule hat natürlich auch ihren eigenen Ball, das Elmayer-Kränzchen.

          Auf den großen Bällen herrscht in der Regel eine strenge Kleiderordnung. Sie lautet für die Herren Frack, allenfalls Smoking, und für die Damen langes Kleid. „Die Kleidung ist etwas ganz Wichtiges“, sagt Schäfer-Elmayer und fügt unter Bezug auf die Fliege, die man zum Frack (weiß) wie zum Smoking (schwarz) trägt, hinzu: „Wenn man eine Masche umhat, bewegt man sich gleich anders.“ Insgesamt gebe es übers Jahr fast 500 Bälle allein in Wien.

          Exklusive Privatbälle

          In der Hofburg wird auf dem Ball der Wiener Kaffeesieder getanzt. Auch hier war dieses Jahr ein Stargast angekündigt, die Punk- und neuerdings Gospelsängerin Nina Hagen, die aber von einer Grippe niedergeworfen wurde. Überhaupt halten die Innungen auf sich. Die Apotheker feiern seit gut 70 Jahren den Pharmacieball, die Wiener Stadtgärten seit bald 100 Jahren den Blumenball, der Juristenverband am kommenden Wochenende den Juristenball. Den kuriosen, aber inoffiziellen Namen „Mistball“ trägt die Tanzveranstaltung der Wiener Magistratsabteilung 48, die für die Abfallentsorgung zuständig ist. Der 48er Ball soll nächstes Jahr wieder stattfinden. Das lustigste Ereignis ist nach einer nichtrepräsentativen Umfrage dieser Zeitung besonders bei den jüngeren Semestern der Jägerball, veranstaltet vom Verein „Grünes Kreuz“. Dorthin geht man im Trachtenanzug und Dirndl. Er ist mit 6.500 Teilnehmern auch der größte der Wiener Bälle. Einen Hexensabbat an „linken“ Gegendemonstrationen ruft regelmäßig der Ball der Burschenschaften hervor, seit 2013 von der Partei FPÖ veranstaltet. Seit 20 Jahren gibt es den Life-Ball, eine Benefizveranstaltung zugunsten Aids-Kranker. Im Mai im Rathaus veranstaltet, hat er einen womöglich noch größeren Prominentenfaktor als der Opernball, dem er sonst weniger gleicht.

          Neben den öffentlichen gibt es zahlreiche Privatbälle, zu denen man sich nur auf persönliche Einladung (durchaus mit Bezahlung, meist für einen wohltätigen Zweck) anmelden darf. Als am elegantesten gilt der Ball des St. Johanns Clubs, einer aristokratischen Veranstaltung, selbstverständlich ohne Aristokraten, weil es diese in Österreich seit dem Adelsaufhebungsgesetz von 1919 nicht mehr geben darf. Der TC-Ball des Techniker-Cercle findet im Musikverein statt, der Szent-István-Ball in der ungarischen Botschaft. Und vielleicht sind die kleinen und „örtlichen“ Bälle diejenigen, die den eigentlichen Ballcharakter Wiens ausmachen. Jede Schule, die auf sich hält, hat ihren Ball, und so manche Kirchengemeinde. Benachbarte Gemeinden feiern auch mal zusammen. Dann eröffnen die Pfarrer gemeinsam den Ball. Doch tanzen müssen sie nicht miteinander.

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