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Wiederaufbau der Kathedrale : Keine Experimente an der Notre-Dame

Die Umweltorganisation Greenpeace hat ein Spruchband mit der Forderung nach mehr Klimaschutz an einem der Kräne über dem Bauwerk befestigt. Bild: dpa

Allmählich zeichnet sich ab, wie die Kathedrale von Notre-Dame in Zukunft aussehen soll. Präsident Macron hat nach Kritik an seinem „innovativen Wiederaufbau“ eingelenkt.

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          Der Wettstreit der originellsten Ideen zum Wiederaufbau der Kathedrale von Notre-Dame neigt sich dem Ende zu, will man der neuen französischen Kulturministerin Roselyne Bachelot glauben. Die 73 Jahre alte Opernliebhaberin, der überraschend die Verantwortung für das Ministerium übertragen wurde, sieht einen „breiten Konsens“ für einen originalgetreuen Wiederaufbau des Gotteshauses. Im Radiosender France Inter nahm sie am Donnerstag schon das Ergebnis der Beratungen des Ausschusses aus Architekten und Denkmalschützern vorweg, der am selben Tag zusammentrat. Insbesondere der von Eugène Viollet-le-Duc 1844 entworfene Vierungsturm solle originalgetreu nachgebaut werden, da er sich „zeitlos“ in das mittelalterliche Ensemble von Notre-Dame einfügte. Mit Blick auf neue Techniken und Materialien schränkte die Ministerin aber ein: „Es ist immer schwierig, von identisch zu sprechen.“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Kritik übte Bachelot, die aus der rechtsbürgerlichen Partei der Republikaner (LR) kommt, daran, dass die Umweltorganisation Greenpeace ein Spruchband mit der Forderung nach mehr Klimaschutz an einem der Kräne über dem Bauwerk befestigt hat. Sie verlangte „Respekt“ für die Bauarbeiten. Aufgrund der Corona-Pandemie ist der Zeitplan in Verzug geraten. Derzeit wird das stählerne Baugerüst abgebaut, das durch die Feuersbrunst im April vergangenen Jahres teils geschmolzen war und mit größter Sorgfalt zerlegt werden muss. Noch immer gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, dass das Gewölbe nicht an Stabilität verloren hat.

          Die Kulturministerin korrigierte elegant die hochschweifenden Pläne Präsident Emmanuel Macrons, der sich unmittelbar nach dem schweren Brand für eine „Modernisierung“ des Dachreiters ausgesprochen hatte. Macron wirkte begeistert von Plänen des Architekten Alexandre Chassang, der den feinen Spitzturm als massiven und modernen Pfeil aus Glas wieder aufbauen wollte. Dem Präsidenten gefiel es auch sichtlich, wie sich andere Architekten mit Vorschlägen über ein Schwimmbad, einen Dachgarten mit Treibhaus oder eine Glaskuppel für die Kathedrale überboten.

          Altbewährtes gilt wieder

          Doch die Corona-Pandemie hat am Selbstverständnis des jungen Staatschefs gerüttelt. Zwar hält er immer noch am ehrgeizigen Wiederaufbauplan fest, der vorsieht, die Kathedrale pünktlich zu den Olympischen Sommerspielen 2024 wieder für die Besucher zu öffnen. Aber er sucht nicht mehr nach einem Wahrzeichen, das die „Start-up-Nation Frankreich“ symbolisiert. Macron kann sich nicht einmal sicher sein, dass er im Olympiasommer noch Präsident ist. Auch deshalb gilt im Elysée-Palast Altbewährtes wieder. In der französischen Öffentlichkeit waren die Zweifel an Macrons „innovativem Wiederaufbau“ von Anfang an groß. Als Ministerin Bachelot nun von einem Konsens für einen originalgetreuen Wiederaufbau sprach, fügte sie aber hinzu: „Am Ende wird wohl der Präsident entscheiden.“

          Als abschreckendes Beispiel für einen „innovativen Wiederaufbau“ gilt in Paris der Kölner Dom. Chefarchitekt Philippe Villeneuve führt die Anfang der fünfziger Jahre beschlossene Modernisierung des Vierungsturms des Doms als Lehrbeispiel an, an dem man sich nicht orientieren sollte: „Das ist eine Warze an einem alten Baudenkmal.“ Villeneuve plädiert seit langem dafür, sich beim Wiederaufbau an den detaillierten Plänen des Architekten Viollet-le-Duc zu orientieren. Alle Zeichnungen der letzten großen Restaurierung der Kathedrale sind erhalten.

          Villeneuve will nicht nur den Vierungsturm originalgetreu wieder aufbauen. Er spricht sich auch für einen Dachstuhl aus Holz und ein Bleidach aus. Einer Kontroverse über die Verwendung des gesundheitsschädlichen Bleis will er nach eigenen Worten nicht ausweichen. Von der Idee eines internationalen Architektenwettbewerbs für den Turm scheint sich Frankreich leise zu verabschieden. Das Parlament hatte bereits zugestimmt, die gewöhnlichen Denkmalschutzregeln auszusetzen, um beim Wiederaufbau der Kathedrale schneller vorangehen zu können.

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