https://www.faz.net/-gum-8fg2t

Ernährungsstreit : Die Hysterie um die Milch

Die Fragen zum Calcium

Bleiben Fragen zum Calcium. Dass dieses für Wachstum und Entwicklung der Knochen unverzichtbar ist, bezweifelt niemand, auch Veganer nicht. Man kann sogar Mandelmilch kaufen, der extra Calcium zugesetzt ist. Das hält Kritiker der Milch aber nicht davon ab, dem Mineralstoff vorzuwerfen, er schütze im Alter nicht vor Knochenbrüchen. Ist dieser Vorwurf gerecht? Müsste man nicht viel eher fragen: Wie früh und wie oft würde es im Leben zu Knochenbrüchen und Osteoporose kommen, wenn wir kein Calcium aufnehmen würden? Außer für die Knochen benötigen wir den Mineralstoff auch noch für Muskeln, Blutgerinnung und Nerven. Milch kann also nicht nur zu starken Knochen beitragen.

Milch und Milchprodukte können das Krebsrisiko beeinflussen: Das Dickdarmkrebsrisiko durch vermehrten Milchkonsum wird gesenkt, dem steht eine Erhöhung des Prostatakrebsrisikos entgegen.

Alle bis zu dieser Stelle genannten Studien, Argumente und Zahlen sind nur Momentaufnahmen, ein Ausschnitt der Debatte, die zum Thema Milch gerade in unserer Gesellschaft oder in Teilen davon hartnäckig geführt wird und die bei anderen Teilen Unsicherheiten schürt. Jeder wird am Ende Daten finden, die seiner Meinung entsprechen.

Dabei geht es bei dem Diskurs schon lange nicht mehr um richtig, falsch oder gar Wissenschaft. Die Wahrheit ist nämlich ziemlich banal: Nicht die Milch, sondern die Mischung macht’s. Der menschliche Körper ist für eine ausgewogene Ernährung geschaffen, die ihm alle nötigen Nährstoffe bietet. Er verträgt auch mal etwas Schlechtes oder zu viel des Guten. Manches Mal entwickelt er Allergien, an anderer Stelle ist er ausgesprochen robust. Unser Körper hält Überfluss und Dürrephasen aus. Daran hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Was sich geändert hat, ist unsere Einstellung zur Nahrung. Aus Fakten wie Banalitäten werden Ideologien. Essen ist heute oft eine Glaubensfrage, eine Weltanschauung. Trieb früher Hunger zum Essen, ist es heute die Frage nach einem tieferen Sinn.

Ernährungsdiskussion

Über unsere Ernährung und die Diskussion darum verhandeln wir den Klimawandel, Genmanipulationen, den Tierschutz, soziale Ungerechtigkeit, Niedriglohn, Globalisierung, Fitness- und Erziehungsfragen. Sicher, unsere Nahrung erhält heute mehr künstliche Zusatzstoffe, die man kritisch hinterfragen sollte. Wir wissen heute mehr über den Körper, Hygiene und Inhaltsstoffe. Das alles sind Thematiken, die man nicht beiseiteschieben darf; einseitige, pauschale Stimmungsmache gegen bestimmte Lebensmittel ist aber nicht der richtige Weg.

Es gibt Menschen, die ernstzunehmend unter Nahrungsmittelallergien oder Unverträglichkeiten leiden. Ihnen muss geholfen werden. Alles andere sind selbstgemachte Probleme, Luxusfragen der Oberschicht. Vegane, gluten- oder laktosefreie Ernährung ist teuer, benötigt Zeit. Wer früher nach Weißbrot oder Milchreis Bauchschmerzen bekam, hat davon eben nicht mehr häufig gegessen. Das war die einfache Konsequenz, ganz ohne große Aufregung und Ideologie. Heutzutage aber wollen wir alles und auf nichts verzichten.

Neben zahllosen weltanschaulichen bis fanatischen Ernährungstrends legen wir heute übrigens auch große Anstrengungen da hinein, wieder mehr Natürlichkeit in unser Leben zu bringen. Wohnen, Reisen, Kosmetik - alles steht unter dem Motto back to nature. Das sind zwei parallel verlaufende gesellschaftliche Trends, die sich doch eigentlich widersprechen. Auf Berghütten, auf die wir heute ziehen, um uns eine Auszeit zu nehmen, um abzuschalten und achtsam mit uns selbst zu sein, gibt es natürlicherweise keine Mandelmilch.

Weitere Themen

Selbsttest in Berliner Corona-Praxis Video-Seite öffnen

Kein Kontakt mit Personal : Selbsttest in Berliner Corona-Praxis

Hausärztin Sibylle Katzenstein hat ihre Berliner Praxis wegen der Coronavirus-Pandemie komplett umgebaut. Patienten, die Anzeichen einer Infektion zeigen, können mit Hilfe ihrer Praxis einen Selbsttest machen - am besten in den eigenen vier Wänden, aber auch in der Praxis selbst. Mit den Mitarbeitern kommen sie nicht in Kontakt.

Topmeldungen

Ungarn im Notstand : Ein schaler Sieg für Orbán

Die Regierung Orbán schlägt wegen der umfassenden Selbstermächtigung international Misstrauen entgegen. Es gibt große Zweifel, ob Ungarn zur Normalität zurückkehrt.
Schutz vor Ansteckung: Eine Mitarbeiterin eines „Konsum“-Supermarktes desinfiziert in Leipzig die Henkel von Einkaufskörben.

Kolumne : Fünf Dinge, die JETZT als Supermarktkassierer nerven

Im Januar hatte uns ein Supermarktkassierer zu Protokoll gegeben, was ihn in seinem Berufsalltag nervt. Jetzt berichtet er, was ihn in der Corona-Krise besonders stört: zum Beispiel die Heldenverehrung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.