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Frankfurt : Wie Prostituierte

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FRANKFURT, im April. Sechs Uhr morgens an der Hanauer Landstraße. Der Verkehr auf einer der Haupteinfallsrouten nach Frankfurt rollt um diese Zeit noch ruhig und ohne Stauungen. In der Nähe des Ostbahnhofs haben sich rund zwanzig ...

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          FRANKFURT, im April. Sechs Uhr morgens an der Hanauer Landstraße. Der Verkehr auf einer der Haupteinfallsrouten nach Frankfurt rollt um diese Zeit noch ruhig und ohne Stauungen. In der Nähe des Ostbahnhofs haben sich rund zwanzig Männer in löchrigen Jeans, T-Shirts, Anoraks und Turnschuhen am Straßenrand versammelt. Sie blicken angestrengt auf die nahenden Fahrzeuge. Dann und wann bremst ein Autofahrer, wechselt aus dem Seitenfenster heraus ein paar Worte mit den Wartenden, einer oder mehrere steigen in den Wagen, der Fahrer gibt Gas und ist so schnell mit ihnen verschwunden, wie er gekommen ist.

          Viele Frankfurter nennen diesen Abschnitt der Hanauer Landstraße im Ostend noch immer "Polen-Strich", obwohl Polen unter denen, die hier auf eine Beschäftigung als Schwarzarbeiter warten, längst eine Minderheit sind. Männer jeden Alters stehen für nahezu jede Art von Arbeit bereit. Hier kann man sich eine Mannschaft zusammenstellen, die den Garten präsentabel macht, einen Dachboden oder Keller entrümpelt, das Auto für die TÜV-Kontrolle vorbereitet, eine Wohnung renoviert oder auf einer Baustelle mit anpackt.

          Anfang und Mitte der neunziger Jahre waren es vor allem Polen mit Besuchervisa, die hier ihre Arbeitskraft schwarz für ein paar Mark in der Stunde anboten. Inzwischen stammen die meisten aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion, aus der Ukraine, Weißrußland, Rußland, Aserbaidschan oder aus Rumänien, Bulgarien und dem früheren Jugoslawien. Viele von ihnen lagern im Sommer unter Brücken am Main und schlafen im Winter in abbruchreifen Gebäuden. Rund um den Ostbahnhof stehen sie dann frühmorgens wie Prostituierte am Straßenrand, warten auf Unternehmer und Privatleute, die sie mit dem Auto für einen Halb- oder Ganztagsjob anheuern - daher die Bezeichnung "Arbeiter-Strich".

          Auch Deutsche sind hier gelegentlich zu finden, solche, die zwar arbeitslos gemeldet sind, sich aber "brutto für netto" ein kleines oder größeres Zubrot verdienen möchten. Vier bis fünf Euro in der Stunde böten die meisten, erzählt "Boris", der angeblich aus Aserbaidschan stammt. Die Aussichten, mitgenommen zu werden, stehen nicht schlecht. Die Arbeiter sind begehrt, zum Tragen, Graben, Putzen, Anstreichen, Tapezieren, und obwohl im Laufe des Morgens noch einige Männer zu den Wartenden hinzustoßen, ist der Gehweg um neun Uhr wie leergefegt.

          "Kannst du Möbel machen?" fragt ein Mann, der in einem Kleinlastwagen mit Frankfurter Kennzeichen vorgefahren ist, einen Stämmigen mit Baseballkappe. "Malen ja, bauen nix gut", lautet die Antwort. "Nein, tragen! Ich brauche Möbelpacker." Ach so! Alles klar! Der Angesprochene und gleich darauf vier weitere Männer springen auf die Ladefläche des Pritschenwagens. "Das reicht", macht der Fahrer den Nachdrängenden klar und gibt Gas. Nur Minuten später hält ein heller Mercedes am Straßenrand, der Fahrer bietet bezahlte Bewegung an frischer Luft: "Garten umgraben, Beete pflegen." Zwei steigen ein.

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