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Motivierende Erziehung : Ist doch Standard!

Ausreichend Bewegung ist für Schulkinder wichtig. Aber mit Zwang geht das nicht. Bild: dpa

Der perfekte Mittelschichtsnachwuchs pflegt ein sportliches Hobby – und lernt noch ein Musikinstrument. Aber wie kriegt man die Kinder dazu? Unsere Autorin ist an ihren Ansprüchen gescheitert.

          Es geht hier nicht um Förderwahn. Eltern, die auf dem Rücken ihrer Kinder eigene Abstiegsängste bekämpfen oder ihr Ego aufplustern, sind mir nicht geheuer. Bilinguale Kitas, obwohl niemand zu Hause etwas anderes spricht als Deutsch, finde ich genauso übertrieben wie den Atelierkurs in der örtlichen Gemäldegalerie, Baby-Shiatsu oder den Wochenend-Workshop „Spielplatzphysik“. Ich zwinge meine Kinder samstags nicht ins Museum und bin überzeugt, dass jedes Schülerleben von einer gelegentlichen Portion Langeweile profitiert.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur: Ein bisschen Musik und Bewegung müssten eigentlich sein. Ist doch irgendwie Standard. Einmal die Woche kommt der Musiklehrer, einmal die Woche geht es zum Training - zu meiner Vorstellung einer glücklichen Mittelschichtskindheit gehört das so selbstverständlich dazu wie Baden im Sommer und Schlittenfahren bei Schnee, wie Geburtstagskuchen, Faschingspartys, Ferienfahrten. Ich erwarte keine Spitzenleistungen. Nur ein Minimum an musikalischer Grundbildung, das die Schulen nicht vermitteln, sowie die Förderung eines vernünftigen Körpergefühls zusammen mit einer gewissen Fitness.

          „Machst du Sport?“

          Bei der letzten Vorsorgeuntersuchung meiner damals elfjährigen Tochter fragte die Kinderärztin zum Schluss beinahe beiläufig: „Machst du Sport?“ Meine Tochter ist groß und schlank, sie ernährt sich vegetarisch und hatte damals längst das Schwimmabzeichen in Silber. Jetzt druckste sie herum. Wollte erklären, dass sie sich für Fußball interessiere, aber das Training bei Verein A fange an, wenn sie noch Schule habe, und der Sportplatz von Verein B sei so weit weg, dass sie und ihre Freundin da nicht allein hinkämen, weder mit dem Rad noch mit der U-Bahn, und dann bei Dunkelheit, ansonsten finde sie Basketball ganz cool, aber da mache niemand mit . . . Die Kinderärztin hörte gar nicht zu und verabschiedete uns mit strengem Blick: Wir wüssten ja, wie wichtig das sei, gerade heutzutage. Jungen und Mädchen in Deutschland bewegten sich viel zu wenig.

          Musik berührt das Emotionale im Menschen. Die ewige Frage, ob das Kind genug übt, hat damit nichts zu tun.

          Nun spielt meine Tochter seit der zweiten Klasse Akkordeon und singt schon viele Jahre im Chor. Wenn ein großes Konzert ansteht, geht sie auch dreimal die Woche zur Probe, ohne Murren. Aber Sport?

          Eine Freundin von mir, die drei Kinder im Abstand von je zwei Jahren hat und die ich auch sonst für ihre patente, resolute Art bewundere, hat eine einfache Regel aufgestellt: Jedes Kind lernt ein Instrument und entscheidet sich für eine Sportart. Basta.

          Eltern müssen Richtung vorgeben

          Mein Sohn war keine vier, als ich ihn zum ersten Mal beim Kinderchor anmelden wollte: „Nein.“ Seitdem versuche ich es regelmäßig wieder: „Nein.“ Wie deine Schwester, flötete ich. „Nein.“ Ich warb: Du singst doch gern! „Nein.“ Komm, ermutigte ich. Einfach mal ausprobieren! Es wird bestimmt ganz toll! „Nein.“ Vielleicht lieber ein Instrument?, fragte ich. „Nein.“ Dein bester Freund hat einen super Gitarrenlehrer! Du könntest einfach mitgehen! „Nein.“ Fritz spielt neuerdings Schlagzeug und hat total viel Spaß! Wäre das auch etwas für dich? „Nein.“ Als der Großvater ein Cajón zum Geburtstag schenkte, war ich begeistert: ein organischer Einstieg, eine Einladung, um auf den Geschmack zu kommen. Jetzt steht das Ding im Kinderzimmer herum und dient als Landeplatz für Raumschiffe.

          Nicht einmal ein Drittel der Kinder bewegt sich mindestens eine Stunde täglich.

          Ich habe genug Erziehungsratgeber gelesen, um zu wissen, dass es ein Fehler ist, Kinder ständig zu fragen, was sie gerne tun wollen: Theresa, mein Schatz, wollen wir jetzt vom Spielplatz nach Hause gehen? Malte-Liebling, magst du heute Nudeln mit Tomatensauce? Greta, bist du jetzt bereit zum Fingernägelschneiden oder lieber später? Kann nur schiefgehen. Die Gören tanzen einem auf der Nase herum, und man fühlt sich wie der letzte Depp. Führung in der Familie, schreibt Jesper Juul, habe etwas damit zu tun, eine Richtung vorzugeben. Ergo: Gewisse Dinge entscheide ich und sorge dann dafür, dass sie tatsächlich passieren. Lieb, aber bestimmt. Klappt wirklich.

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