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In Zeiten des Terrors : Und plötzlich ist da diese Angst

  • Aktualisiert am

Panik in Paris nach Gerüchten um eine weitere Terrorattacke Bild: Polaris/laif

Jetzt erst recht! Das ist nach den Anschlägen von Paris das Gebot der Stunde. Aber so leicht lässt sich die Angst nichts ausblenden. Sieben Autoren machen sich Gedanken über das Leben in Zeiten des Terrors.

          Gedanken über Berlin

          Ich schalte von einem Programm zum nächsten, weil ich denke, dass mir irgendein vermaledeiter Sender doch endlich erklären muss, was da gerade in Paris passiert, als mir dämmert, dass es tatsächlich noch niemand weiß. Ungewissheit gehört zum Wesen des Terrors, und dank Liveberichterstattung entfaltet sich diese zersetzende Kraft auch in meinem Wohnzimmer. Ich klebe vor dem Fernseher und denke: Warum eigentlich nicht Berlin? Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum es auch diesmal wieder nicht mein Land, meine Stadt getroffen hat, und plötzlich glaube ich zu ahnen, wie sich das anfühlen würde, wenn es in Berlin passierte. Am liebsten würde ich aufspringen und ins Kinderzimmer rennen, um den schlafenden Kleinen über den Kopf zu streichen. Aber beide sind nicht da, weil sie bei Freunden übernachten, weshalb wir im Kino waren, als die Eilmeldungen auf dem Handy einliefen.

          Wie ferngesteuert gehe ich durch die Wohnung, spüle die Töpfe vom Abendessen und putze Zähne, während der Fernseher weiter läuft. Es fühlt sich an, als würde sich alles in mir auflösen und gleichzeitig brodeln, totale Leere und Adrenalinflash zugleich. Das ist anmaßend jenen gegenüber, die sich gerade in Frankreich fragen, ob ihre Lieben noch am Leben sind. Aber ich stelle mir vor, wie ich meine Eltern und Geschwister anrufe und SMS verschicke an Freunde.

          Wie lange dauert es, bis man Antwort hat? Und wie hält man aus, wenn keine kommt? Vor meinem Augen ziehen Bilder aus Berlin vorbei. Das Olympiastadion. Das Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt. Bars und Restaurants in Mitte. Wen kenne ich, der in der Nähe wohnt? Und hilft es, auf dem Smartphone herumzutippen, um den Hauch einer Gewissheit zu erhalten, wer diesen Abend wo verbracht hat? Es fühlt sich falsch an, ins Bett zu gehen. Hoffentlich sind wenigstens die Kinder zu Hause, sollte der Schrecken jemals nach Berlin kommen.

          Julia Schaaf

          Unsere Plätze

          „Wir wollen auch weiterhin ins Bundesligastadion gehen, wir wollen auf Weihnachtsmärkte und ins Theater gehen und uns auf Marktplätzen treffen, und wir wollen weiterhin Volksfeste feiern“, sagte Innenminister Thomas de Maizière nach der Absage des Fußballspiels in Hannover. Aber wollen und sollen wir das wirklich? Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, hält das für richtig. Er will „deeskalieren und keine Ängste schüren“, und er will offensiv auf die Bedrohung reagieren. Zusätzliche Sicherheitskräfte wird es im Thalia nicht geben, lediglich eine höhere Aufmerksamkeit. Wie die Zuschauer reagieren werden – ob viele zu Hause bleiben –, weiß er natürlich nicht. In seinen Augen wäre der wahre Sieg der Terroristen, dass sie das öffentliche Leben zum Erliegen bringen.

          Genau das will auch Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, nicht hinnehmen. Er ist gerade mit seinem Ensemble in Paris, für ein Gastspiel, und alle Vorstellungen sind ausverkauft. Er sei am Tag nach den Anschlägen zur Kasse gegangen und habe gefragt: „Hat jemand seine Karte zurückgegeben?“ Und der Kassierer habe gesagt: „Nein, es haben nur Leute angerufen, um sich zu versichern, dass die Vorstellung nicht ausfällt.“ Dafür liebt Ostermeier die Pariser: „Dieser trotzige Widerstand, dieser Stolz, diese Würde“, ruft er ins Telefon. Die Deutschen hingegen seien schon immer begabt dafür gewesen, irrationale Ängste zu haben. „Es kann auch passieren, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt“, sagt Ostemeier und klingt ein wenig genervt. Von den Berlinern wünscht er sich, dass sie „die Werte unserer Zivilgesellschaft verteidigen“ – und sich weiterhin auf die Straße trauen.

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