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Schneemassen in den Alpen : Ächzen unter dem Pappschnee

In St. Koloman, Österreich schaufeln Bundesheer-Soldaten Schnee von einem Dach. Bild: dpa

Der Schnee in den bayerischen und österreichischen Alpen ist nass und schwer, das macht große Probleme. Die Kombination aus Schnee und Wind erhöht zudem die Lawinengefahr. Und es soll weiter schneien.

          In Österreich ist von einem „Jahrzehntereignis“ die Rede: Die Schneemenge wird also als durchaus ungewöhnlich, aber nicht als absolut außerordentlich eingeschätzt. Das Besondere sei, so äußerten Meteorologen, dass nun eine zweite Welle starken Schneefalls auf die bereits in sehr kurzer Zeit gebildete Schneedecke zu erwarten sei. Die österreichische Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) gab zum zweiten Mal binnen vier Tagen die höchste Warnstufe Rot aus. Dabei konzentriert sich der Schneefall auf die Nordseite der Alpen. In Kärnten, Teilen der Steiermark und im Osten des Landes gibt es keine oder kaum Beeinträchtigungen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Bis Donnerstag seien verbreitet 20 bis 60 Zentimeter Neuschnee zu erwarten, auf den Bergen auch mehr als ein Meter, sagte ZAMG-Meteorologe Alexander Ohms. Das gelte vor allem für Vorarlberg, Nordtirol, Salzburg, die nördliche Obersteiermark, die Oberösterreichischen Voralpen und das Mostviertel. „Außerdem weht zeitweise kräftiger, auf den Bergen teils auch stürmischer Wind aus West bis Nordwest.“ Die Kombination von viel Schnee und starkem Wind erhöht die Lawinengefahr erheblich. In den betroffenen Regionen sind daher viele Straßen gesperrt worden. Feuerwehr, Bergrettung und Straßendienst sind im Dauereinsatz. Außerdem wird in Österreich in solchen Fällen regelmäßig das Bundesheer hinzugezogen. Soldaten schaufeln Dächer frei, besonders bei öffentlichen Gebäuden, um sie vor einem Einsturz unter dem Gewicht des Schnees zu schützen. Auf manchen Dächern lagen mittlerweile zwei bis drei Meter Schnee. Auch beim Räumen von Straßen von umgestürzten Bäumen wird das Militär eingesetzt. Hubschrauber werden für Erkundung und Versorgung genutzt, Spezialisten lösen dort, wo das möglich ist, mit abgeworfenen Sprengladungen gezielt Lawinen aus, um den Abgang zu kontrollieren und zu dosieren.

          Bei Abtenau im Bundesland Salzburg nutzten am Dienstag fünf Skifahrer ein kurzes Wetterfenster, um selbständig aus einer eingeschneiten Berghütte abzufahren, auf der sie seit Tagen festsaßen. In St. Koloman hatte die Bergrettung bereits am Montagabend elf Touristen befreit, die ohne Strom und bei zu Neige gehenden Vorräten eingeschlossen waren. Im steirischen Sölktal versorgten Leute der Bergrettung zu Fuß und mit Skidoo Eingeschlossene mit Medikamenten. In Vorarlberg hat ein 45 Jahre alter Skifahrer, der sich offenbar verirrt hatte, die Nacht auf Montag im Freien verbracht, ohne aber Schäden davonzutragen. In Niederösterreich werden zwei Tourengeher vermisst. Wegen der Lawinengefahr kann die Suche, auch mit Unterstützung des Heeres, frühestens an diesem Mittwoch fortgesetzt werden.

          Im bayerischen Landkreis Miesbach, wo am Montag der Katastrophenfall ausgerufen worden war, ist nicht der Schnee das Problem, sondern eher dessen Konsistenz. Denn Schnee, auch eine ganze Menge davon, ist man dort gewöhnt, durchaus auch Höhen von 70 Zentimeter Neuschnee, wie Sophie-Marie Stadler erläutert, Sprecherin des Landratsamtes. Doch der Schnee, unter dem Südbayern seit Tagen im Wortsinne ächzt, ist nass, pappig und somit sehr schwer. „Mit Pulverschnee haben die Räumdienste leichtes Spiel, der wird einfach zur Seite geschoben.“ Aber der Pappschnee ist ungleich schwerer zu beseitigen. Er lässt zudem Äste wegen des Gewichts abbrechen, Bäume umstürzen und stellt eine zusätzliche Gefahr für Autofahrer, Fußgänger und Skifahrer dar. Generell wird davor gewarnt, sich im Wald oder unter Bäumen aufzuhalten. Viele Pisten und Lifte wurden schon gesperrt.

          Im Landkreis Miesbach hat man sich zunächst darauf konzentriert, die Hauptverkehrswege zu räumen, damit Rettungsdienste durchkommen können. Die Bürger sollen jedoch generell Fahrten auf das „notwendigste Maß“ beschränken, denn viele Straßen sind weiterhin unpassierbar. Ebenso viele Bushaltestellen und Gehwege, die aber zugleich die Schulwege der Kinder sind. „Gerade die jüngeren Schüler können die Schneemassen kaum bewältigen, auch der Schneebruch stellt eine Gefahr dar.“ Da die Sicherheit der Schulwege nicht gewährleistet ist, bleiben die Schulen bis Ende der Woche noch geschlossen, auch der Schulbusverkehr wurde eingestellt. Geschlossen bleiben die Schulen vorerst auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und in der schwäbischen Stadt Memmingen. Auch in den Landkreisen Unterallgäu und Traunstein sind einige Schulen betroffen. Es gibt jedoch zumeist eine Notbetreuung für diejenigen Kinder, deren Eltern berufstätig sind. Das Landratsamt Miesbach hat zudem seinen Mitarbeitern kurzerhand gestattet, die Kinder mit zur Arbeit zu bringen.

          Wie lange der Katastrophenfall im Landkreis Miesbach noch andauern wird, steht noch nicht fest. Zwar hat sich die Lage am Dienstag etwas entspannt. „Wir sind jedoch nach wie vor in Alarmbereitschaft.“ Aus gutem Grund: Nach den Vorhersagen ist in den nächsten Tagen mit Sturmböen, Schneeverwehungen und Neuschnee zu rechnen. Der Deutsche Wetterdienst rechnet an den Alpen bis zum Freitag mit unwetterartigen Schneefällen. Erwartet werden 30 bis 70 Zentimeter, in den Staulagen, vor allem im Allgäu, bis zu 90 Zentimeter. Laut Bayerischer Lawinenwarnzentrale könnten dann große, talgefährdende Lawinen auch von alleine abgehen.

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