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Ein Tag mit einer 13-Jährigen : Wie das Handy die Zeit auffrisst

  • -Aktualisiert am

Oft blinken über den Videos Whatsapp-Nachrichten auf. Nadia öffnet sie, liest manche, schaut dann weiter. Nimmt zwischendurch einen Happen. Einmal erhält sie innerhalb von zwanzig Minuten fünfundsechzig Nachrichten, viele davon über den Gruppenchat der Klasse. Es geht um Hausaufgaben oder darum, wo der Werkunterricht stattfindet; jemand schickt ein Video von sich beim Eislaufen, andere kommentieren das. Nadia schaut nicht mal hin – „der will nur angeben“. Sie öffnet den Klassenchat nur, um mit einem kurzen Blick abzuschätzen, ob was Wichtiges dabei ist.

„Was ist dein Lieblingsemoji?“

Die meisten Nachrichten erhält Nadia von ihren Freunden aus der Gruppe der Unmodernen. Sie sehen sich zwar jeden Tag in der Schule, aber Nadia sagt, dass sie in den Pausen keine Zeit hätten, um zu reden. Außerhalb der Schule trifft sich Nadia fast nie mit ihren Freunden, nur wenn jemand Geburtstag hat oder bei Fasching oder Halloween. Ihre Freunde wohnten nicht in der Nähe, erklärt sie. Um ihre beste Freundin zu besuchen, müsse sie zum Beispiel eine Viertelstunde mit der Straßenbahn fahren. Am Abend nach der Schule erlaube die Mutter das aber nicht. Sowieso hätte am Abend niemand Zeit, und am Wochenende oder in der Ferien mache jeder sein eigenes Programm, sie selbst ja auch.

In den Nachrichten der Freunde geht es oft um Hausaufgaben. Nadia erfährt etwa, welchen Stoff sie verpasst hat, während sie krank war. Noch öfter schreiben sich die Freunde aber, wenn ihnen langweilig ist. Sie werfen dann „Mir ist langweilig“ in die Runde oder nur ein traurig dreinblickendes Emoji. Einer reagiert immer, antwortet, ihm sei auch langweilig, ein anderer schickt ein Bild mit einem blöden Spruch – „Ich war heute beim Psychologen, er will euch auch kennenlernen!“ –, bis irgendwann alle ihren Senf dazugeben.

Nadia mag Mangas. Auch der Hintergrund ihres Handys ziert ein Manga.

Sie würden aber nicht nur rumblödeln, sondern auch über ernste Dinge schreiben, sagt Nadia. Dann aber nicht in der Gruppe. Ihre beste Freundin habe ihr zum Beispiel vor einigen Tagen geschrieben, sie hätte sich im Zimmer eingesperrt, sie sei traurig, weil die Eltern die ganze Zeit gestritten hätten. Um die Freundin aufzuheitern, schrieb Nadia zurück: „Was ist dein Lieblingsemoji?“ Lange schickten sie sich gegenseitig lustige Emojis und noch lustigere Kommentare dazu. Bis die Freundin meinte, jetzt habe sie wieder gute Laune. Auch Streit ist was Ernstes. Nadia sagt Konflikt. Für Konflikte, um sich bei jemandem zu beschweren, sei Whatsapp perfekt. Weil es einfacher sei, jemanden schriftlich zu kritisieren, als es ihm direkt ins Gesicht zu sagen. Und weil es oft zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rausgehe, wenn man etwas nur sage.

Einmal lachte ein Freund sie aus. Sie sei dumm, wenn sie nicht Französisch als Wahlfach nehme. Sie erzählte ihrer besten Freundin davon, die aber nur meinte, Nadia könne nicht mit anderen Meinungen umgehen. Nadia war enttäuscht, nagte lange daran. Dann schrieb sie ihrer Freundin, sie fände sie ungerecht. Sie sei doch nicht dumm, nur weil sie kein Französisch nehme. Sie schrieben ein paar Mal hin und her, irgendwann entschuldigte sich die Freundin.

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