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Ein Tag mit einer 13-Jährigen : Wie das Handy die Zeit auffrisst

  • -Aktualisiert am

Nadia trägt eine bunte Bluse, einen locker gebundenen Zopf, ihre beste Freundin ein blaues Kleid. Nadia, die ihren Tonfall sonst immer zähmt, spricht abschätzig über die Modernen, nennt sie oft „Möchtegern-Coole“, sagt, diese Mädchen stellten sich dumm, kreischten, wenn Jungs in der Nähe seien, sprächen nur in der Assi-Sprache. Sie äfft sie nach: „Hey Opfa komm, bin U-Bahn-Station!“, verdreht die Augen. Alle hätten ein iPhone, möglichst aus der neusten Generation, dazu teure, stylishe Hüllen; alle seien auf Instagram, posteten ständig Selfies und heulten fast, wenn sie für ein Foto mal nur zehn Likes bekämen.

Vor drei Jahren war Nadia mit den Mädchen noch eng befreundet. Dann wurden Handys, Instagram, Klamotten immer wichtiger. Nadia wollte nicht mitziehen, konnte auch nicht. Sie benutzte damals ein uraltes, ausrangiertes iPhone ihrer Mutter, wurde dafür verspottet. Nichts Schlimmes, beteuert sie sofort. Sie könne sich wehren. Inzwischen hat sie ein Huawei-Smartphone. Es steckt in einer durchsichtigen Hülle, die sie mit Einhorn-, Stern- und Mondaufklebern verziert hat.

Wenn aus wenigen Sekunden mehrere Minuten werden: Kinder können ihre Zeit am Smartphone nur schwer einschätzen.

Auf Instagram ist sie nicht, das findet sie doof. Alle würden auf den Selfies gleich aussehen, große Augen, Duckface, völlig bescheuert. Nadia macht kaum Selfies, und wenn, dann verschickt sie die nicht. Sie sagt, sie und ihre Freunde wollten mit den anderen in der Klasse nichts zu tun haben. Umgekehrt gelte dasselbe. Das sei gut so.

Einmal kamen innerhalb von 20 Minuten 65 Nachrichten

Im Klassenzimmer müssen die Handys ausgeschaltet sein. Nicht alle halten sich dran, aber Nadia schon. Sie sitzt in der zweiten Reihe und hat Schiss, sie könnte ertappt werden. Erst in der Mittagspause schaltet sie ihr Handy wieder ein. Sie fährt mit der Straßenbahn nach Hause, spielt dabei. Zu Hause bleibt ihr eine halbe Stunde, bevor sie wieder los muss in die Schule. Die Mutter und der Hund sind noch im Kindergarten.

Meistens kocht sich Nadia was, Suppe, Nudeln. Während sie kocht, schaut sie Youtube-Videos, auch beim Essen. Vor einigen Wochen stieß sie auf den Kanal „Snake Discovery“, der einer Amerikanerin gehört, die mit Schlangen zusammenlebt und mit einer Reptilienshow auftritt. In den Videos füttert sie Schlangen oder zeigt, wie man die Tiere zähmen kann, wie sie aus einem Ei schlüpfen. Nadia liebt diese Videos. Sie wünscht sich nun auch eine Schlange, aber die Mutter wird wütend, wenn Nadia das sagt. Sie meint, Nadia sei verrückt.

Nadia hat inzwischen alle Videos des Kanals gesehen. Jetzt schaut sie sich das an, was Youtube ihr aufgrund ihrer bisherigen Vorlieben empfiehlt. Vieles davon findet sie mies. Sie weiß nicht, warum sie sich das überhaupt antut. Manchmal sei sie halt zu müde, um aufzustehen. Oder sie denke, es mache sowieso keinen Sinn, in dieser kurzen Zeit was Richtiges anzufangen. Oft schaut sie die Videos nicht fertig. Sobald ihr langweilig wird, klickt sie das nächste an, klickt und klickt. Das sei nervig, aber auch spannend, weil es ja möglich sei, dass sie wieder einen Volltreffer lande, wie damals mit dem Schlangenkanal.

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