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Ein Tag mit einer 13-Jährigen : Wie das Handy die Zeit auffrisst

  • -Aktualisiert am

Erst kürzlich entdeckte Nadia Soundcloud, eine App, mit der man kostenlos Songs herunterladen kann. Seitdem hört sie auf dem Weg zur Straßenbahn Musik, im Moment gerade Jessie J und OMFG. Sie möge fröhliche Musik, weil sie ein fröhlicher Mensch sei. In der Straßenbahn spielt sie „Helix Jump“ oder „Temple Run“ oder andere kostenlose Spiele, die auch offline funktionieren.

Bei „Helix Jump“ ist man ein kleiner Ball, der von einem Turm fällt. Immer wieder tauchen Hindernisse auf, die den freien Fall stoppen könnten und denen man ausweichen muss. Bei „Temple Run“ wird man in einer Tempelanlage von irgendwelchen Viechern verfolgt, man rennt um sein Leben und muss aufpassen, nicht in den Abgrund zu stürzen.

„Ich habe also keine Freizeit“

Nadia könnte auch einfach nichts tun. Aber stimmt das? Warum tut sie es dann nicht? Nadia sagt, nichts zu tun sei langweilig. Am Handy vergehe die Zeit viel schneller. Sie habe ein schönes Gefühl am Handy. Sie kann nicht genau beschreiben, was so schön ist. Das Handy lenke halt vom normalen Leben ab.

Einmal zählt Nadia auf, was alles innerhalb einer normalen Woche bei ihr so ansteht: natürlich Schule, an drei Tagen auch nachmittags; montags und freitags nur bis Viertel vor zwei. Am Montag geht sie reiten, am Freitag trifft sie den Vater. Am Abend kurze Pause, dann Hausaufgaben und lernen für die Tests, bis acht oder länger. Die Wochenenden verbringt Nadia bei den Großeltern. So hat die Mutter etwas Zeit für sich. „Ich habe also keine Freizeit“, endet Nadia. Es klingt weder traurig noch vorwurfsvoll. So ist es halt.

Am Abgrund: Hans und sein Handy

Zu Nadias Leben gehört auch, dass die Mutter neuerdings ein Zimmer in der Wohnung an eine Studentin vermietet, um Miete zu sparen. Nadia musste zu ihrer Schwester ins Zimmer ziehen. Jetzt ist es eng zu Hause, und es ist immer jemand Fremdes da. Man dürfe sich dann nicht schlecht benehmen, sagt Nadia, müsse öfter staubsaugen, abstauben, Klo putzen. Normal ist auch, dass Nadia vor jedem Test in der Schule zittert, seitdem sie mal einen Blackout hatte. Oder dass sie nie ganz sicher ist, ob der Vater am Freitag auch wirklich kommt, um sie abzuholen.

Sie gehört in ihrer Klasse zu den „Unmodernen“

Nadia will glauben, dass das Handy sie da rausholt. Aber eigentlich weiß sie auch, dass das nicht klappt. Sie sagt es nie so deutlich, sagt nur einmal mit einem großen Seufzer, sie sehne sich nach Ruhe. Sie erzählt dann vom Wald in der Nähe des großelterlichen Hauses. Nadia geht gern dort spazieren, lauscht den Geräuschen, versucht zu erraten, was sich hinter welchem Geräusch verbirgt. Manchmal packt es sie; dann rennt sie los, spürt die Anstrengung, den Atem. Das sei so befreiend. Am liebsten würde Nadia jedes Wochenende im Wald spazieren gehen, aber die Oma erlaubt das nicht. Nadia sagt, sie verstehe die Oma. Im Wald würden die Schuhe schmutzig.

Die Schule beginnt um acht. Nadia erzählt, dass es in ihrer Klasse zwei Gruppen gibt, die „Modernen“ und die „eher Unmodernen“. Sie selbst gehört zu den Unmodernen, alle ihre Freunde auch. Sie zeigt ein Klassenfoto: Viele Mädchen, die zu den Modernen gehören, tragen Leggings, bauchfreie Tops, eng am Hals anliegende Kettchen, die geglätteten Haare offen.

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