https://www.faz.net/-gum-9zj5o

Legendärer Kiosk in Bonn : Budenzaubers Neubeginn

Bockwürste, Frikadellen und Zeitungen: Am Sonntag kehrte das Büdchen zurück, zu dessen Stammkunden einst viele Spitzenpolitiker zählten. Bild: Edgar Schoepal

Das legendäre Bundesbüdchen ist endlich ins Zentrum der alten Bonner Republik zurückgekehrt. Mehr als ein Jahrzehnt musste Betreiber Jürgen Rausch darauf warten.

          3 Min.

          Am Freitag war Jürgen Rausch noch einmal auf dem Bauhof in Bornheim. Seit 13 Jahren gammelte dort sein denkmalgeschütztes Bundesbüdchen vor sich hin. Völlig fertig sei er danach gewesen, sagt der 64 Jahre alte Rausch. Nicht nur, weil der Kiosk mittlerweile in erbarmungswürdigem Zustand ist. „Mit einem Mal ist mir auch klargeworden, dass sich der irrwitzig lange Kampf doch noch gelohnt hat.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am Sonntagmorgen, die Sonne ist noch nicht lange aufgegangen, nähert sich dann im Schritttempo ein Schwerlastkonvoi dem ehemaligen Bonner Regierungsviertel. Auf einem siebenachsigen Tieflader ist das Bundesbüdchen festgezurrt. Es ist wirklich nur noch ein Schatten seiner selbst: Der Putz bröckelt, die Fenster sind mit Holzplatten verkleidet. Aber als der Kran den Kiosk an seinen neuen Ort am Rand des Platzes der Vereinten Nationen hievt, strahlt Rausch.

          „Aber ich bin einfach nicht der Typ, der sich mit Promis schmückt“

          Das Bundesbüdchen ist ein ovaler Kiosk mit gekacheltem Brüstungssims und eleganten konvexen Scheiben; es ist „ein charakteristisches Merkmal für die Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Bebauung im Regierungsviertel und Ausdruck des ,Provisoriums‘“, wie es im offiziellen Gutachten des Rheinischen Amts für Denkmalpflege heißt. Wie beiläufig stand die Bude im Zentrum der „Bonner Republik“. Der Bundestag lag direkt gegenüber, der Zaun des Kanzleramts lief nur einen Katzensprung entfernt vorbei und einige hundert Meter weiter reckte sich das „Langer Eugen“ genannte Abgeordnetenhaus in den Himmel. Rausch, der das Büdchen 1984 von seiner Mutter übernahm, hätte sich fühlen können wie der Oberpförtner der Republik, aber so ein Typ ist er nicht.

          Alter Glanz: 2006 musste der historische Kiosk abgebaut werden, jetzt nach der Rückkehr wird es restauriert.

          Auch mit all den Namen der Politiker hat er nie geprahlt, obwohl sie doch alle seine Kunden waren. Kanzler Helmut Kohl schickte seinen Fahrer, um belegte Brötchen und Frikadellen holen zu lassen. Als Joschka Fischer noch nicht Außenminister war, kaufte er regelmäßig einen dicken Stapel Zeitungen. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm unterhielt sich bei einer Bockwurst an Rauschs Büdchen in schönster Harmonie mit politischen Konkurrenten, bevor es zum Schlagabtausch ins Parlament ging. Und als Klaus Kinkel nicht mehr an der Spitze des Auswärtigen Amts stand, kam er einmal atemlos an den Kiosk. Es war der Nachmittag des 11. März 1999, gerade war Oskar Lafontaine im heftigen Streit mit Kanzler Gerhard Schröder zurückgetreten. „Sie haben keinen Finanzminister mehr!“, rief Kinkel schadenfroh. Rausch antwortete trocken: „Na, Sie haben jetzt auch keinen mehr.“

          Heute ärgert sich Rausch doch ein bisschen, dass er kein Goldenes Buch geführt oder sonst irgendwie Autogramme gesammelt hat. „Aber ich bin einfach nicht der Typ, der sich mit Promis schmückt.“ Erst auf Drängen von Freunden hat er sich Ende 2013 ein Markenzeichen eintragen lassen: „Jürgen Rauschs Bundesbüdchen“. In Wirklichkeit hatte Rausch fast schon die Hoffnung aufgegeben, weil es seit Jahren nicht mehr voranging.

          Kosten von mehr als 400.000 Euro

          Als Kanzler, Bundestag, Bundesrat und auch die meisten Mitarbeiter der Ministerien nach Berlin umgezogen waren, gelang es Bonn – dank üppiger Fördergelder – das Beste daraus zu machen. Heute gibt es in der Stadt sogar mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze als zu Zeiten der „Bonner Republik“. Weil die Stadt auch zum kleinen, aber feinen Standort der Vereinten Nationen mit vielen internationalen Fachleuten und Konferenzen wurde, musste das ehemalige Regierungsviertel umgestaltet werden. Kernstück ist das World Conference Center Bonn (WCCB) – für das allerdings auch das Grundstück des Bundesbüdchens gebraucht wurde. Also schnitt 2006 eine Spezialfirma den Kiosk aus dem Boden und mottete das Bauwerk ein. Zwei, drei Jahre, dann sollte Rausch sein Büdchen ganz in der Nähe wieder aufgestellt bekommen, hieß es damals. So lange dürfe er in einem Blockhaus weitermachen.

          Rausch dachte, die Hütte sei nur für kurze Zeit sein persönliches Bonner Provisorium. Doch dann stellte sich der koreanische Investor, von dem sich Bonn sein WCCB zum Nulltarif bauen lassen wollte, als gerissener Betrüger heraus. Einer Insolvenzwelle folgte eine Ermittlungswelle. Ewig lange tat sich auf der Baustelle so gut wie nichts mehr. Auch der zwischenzeitlich gefasste Plan zerschlug sich, das Büdchen zum Fest am Tag der Deutschen Einheit, das 2011 in Bonn stattfand, zurück ins einstige Zentrum der Macht zu holen. Im Mai 2013 beschloss der Rat der Stadt, dass Wiederaufbau, Sanierung und Unterhalt vom gemeinnützigen Verein „Historischer Pavillon“ finanziert werden soll. Dessen Sprecher Peter Storsberg war in den achtziger Jahren Assistent eines FDP-Bundestagsabgeordneten und selbstredend Bundesbüdchen-Stammkunde.

          Büdchenbetreiber: Jürgen Rausch ist froh darüber, dass die Bude wieder steht.

          Am Sonntagmorgen nun beobachtet Storsberg gemeinsam mit Jürgen Rausch, wie der Spezialkran den Kiosk behutsam an seinen neuen Platz positioniert, der sich in Sichtweite des alten Standorts befindet. In den kommenden Wochen müssen noch das Dach, die Zwischenwände, die Einrichtung und die elegant-gewölbten Scheiben denkmalgerecht rekonstruiert werden. Mehr als 400.000 Euro werden für die lange Lagerung, den Transport, die Tiefbaumaßnahmen und die Sanierung am Ende wohl zusammenkommen. Es ist ein Kraftakt, den der Verein nur dank der großzügigen Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der NRW-Stiftung stemmen kann.

          Wenn das Bundesbüdchen im Spätsommer endlich wieder öffnen soll, wird Jürgen Rausch nur noch selten hinter dem Tresen stehen. „Nach all den Jahren ist mir doch viel Kraft verlorengegangen“, sagt er. Der Förderverein hat das Bundesbüdchen deshalb an einen Bäckerei-Betrieb verpachtet. „Aber ich werde strikt darauf achten, dass ein Angebot wie in Zeiten der Bonner Republik vorgehalten wird“, verspricht Rausch. „Bockwürste, Frikadellen und Zeitungen zählen zum absoluten Kernbestand.“

          Weitere Themen

          Virtuelle Clubnacht im Berliner „Watergate“ Video-Seite öffnen

          „Yes we’re open“-Party : Virtuelle Clubnacht im Berliner „Watergate“

          Für Clubgänger, die das Feiern im Berliner Watergate vermissen, gibt es ab Freitag die Möglichkeit, über die neue Augmented-Reality-Plattform „Yes, we’re open“ Party zu machen. Nutzer können sich auf den verschiedenen Tanzflächen des Clubs bewegen und andere Besucher kennenlernen. Näher kommen, kann man sich auf der virtuellen Watergate-Toilette.

          Topmeldungen

          Eines der großen Anliegen unserer Zeit: Nach der Demo bleibt das durchweichte Schild.

          Kampf um Meinungsfreiheit : Das große Unbehagen

          Mehr als 150 Intellektuelle protestieren gegen ein erstickendes Meinungsklima und Repressalien gegen Andersdenkende. Dabei werfen sie vor allem dem Journalismus, den Wissenschaften und Künsten Intoleranz und Moralisieren vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.