https://www.faz.net/-gum-a3ta2
Bildbeschreibung einblenden

Unbedarfte Bergsteiger : Bergretter an der Belastungsgrenze

Die Bergwacht im österreichischen Gemeindegebiet von Längenfeld bei einem Einsatz im Juli 2020 Bild: dpa

Der Outdoor- und Bergsport-Boom dieses Corona-Sommers hat es in sich: Wegen heldenhafter Laien können sich Bergretter vor Einsätzen kaum retten.

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Die Wetterprognose mit Schneefall bis auf 1100 Metern kannte eine deutsche Urlauberin offenbar. Trotzdem wanderte die Achtundfünfzigjährige am Freitag im Stubaital Richtung Regensburger Hütte. 14 Mann der Bergrettung Neustift waren sieben Stunden im Einsatz, weil die mutige Wanderin die Orientierung verlor. Wenige Tage vorher in Bayern: Eine Frau klagte auf einer Hütte über Herz-Kreislauf-Probleme. Die Bergwacht Krün machte sich samt Bergwachtarzt und Notfallsanitäter auf den Weg. Wie sich herausstellte: wegen eines Wespenstichs. Etwa zur gleichen Zeit hatten im Berner Oberland in der Schweiz die Retter alle Hände voll damit zu tun, drei Bergsteiger ins Tal zu bringen, die am Obertalgletscher in einen Bergschrund gestürzt waren und sich dabei schwer verletzt hatten.

          Der Outdoor- und Bergsport-Boom dieses Corona-Sommers hat es in sich. In den vergangenen Wochen und Monate gerieten die Bergretter im Alpenraum vielerorts an die Belastungsgrenze. „In diesem Sommer waren viele Menschen in den bayerischen Alpen unterwegs, dementsprechend viele Einsätze gab es für die Bayerische Bergwacht. Manchmal erscheint es überraschend, dass angesichts dessen nicht noch mehr passiert ist“, erklärt Bergwacht-Sprecher Roland Ampenberger. Das treffe auf den bayerischen Alpenraum und auch auf die Mittelgebirge zu. Die bekannten Hotspots wie Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen oder die Region um Berchtesgaden stechen laut Bergwacht Bayern allerdings besonders heraus. Die Bergwacht Bayern rechnet deshalb in einer ersten Zwischenbilanz mit einer sehr einsatzstarken Saison. Und das, obwohl die ehrenamtlichen Retter noch von einem Rückgang der Einsätze im März und April um mehr als die Hälfte, verglichen mit den vergangenen fünf Jahren, berichtet hatten. Abschließende Zahlen zur Einsatzsaison liegen noch nicht vor. Die Bergsaison ist trotz des Kälteeinbruchs am Wochenende noch nicht vorbei. Ein schöner Herbst wird auch in den nächsten Wochen noch zu zahlreichen Einsätzen führen.

          Besonders fiel den Bergrettern in diesem Sommer auf, dass auch viele unbedarfte Menschen in den Bergen unterwegs seien. „Wenn jemand das erste Mal am Berg unterwegs ist, reicht es unter Umständen, dass der Weg schmaler wird, ausgewaschen ist oder kein Schild mehr Orientierung gibt, um in Not zu geraten. Dann sind sie hilflos und wissen nicht mehr weiter“, erklärt Ampenberger. Die Folge: Sie rufen Hilfe. Neben klassischen Notfällen, also Verletzungen durch Stürze oder beim Versteigen im schwierigen Gelände, würden die Bergretter vermehrt auch zu internistischen Notfällen und anderen akuten Erkrankungen gerufen. „Notfälle, wie es sie im Tal gibt, spielen auch am Berg eine Rolle“, sagt Ampenberger. „In den bayerischen Alpen sind bei Weitem nicht nur ambitionierte Bergsportler unterwegs. Die Bandbreite beginnt beim Kleinkind geht weiter über den Hüttenbesucher und reicht bis zu betagten Menschen, welche die Berglandschaft genießen wollen. Der Berg ist dabei mehr oder minder nur zufälliger Notfallort.“

          Auf der anderen Seite der Grenze in Tirol das gleiche Bild: An einem Wochenende im August zählten die Leitstelle Tirol 112 Einsätze im alpinen Gelände. Waren Bergretter früher vor allem an den Wochenenden gefragt, werden sie jetzt immer öfter auch während der Woche zu Einsätzen gerufen. In Tirol unterstützen sich bei Überlastung mittlerweile sogar Ortsstellen der Bergrettung gegenseitig.

          Auch bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega spricht man von einem „intensiven Sommer“. Wobei man dort – die Rega arbeitet mit angestellten Rettern – die Lage nicht dramatisieren möchte. „Die Schwankungen der Einsatzzahlen spiegeln die Wetterverhältnisse wider. So sind in Jahren mit guten Verhältnissen mehr Menschen auf Wanderwegen unterwegs, was auch zu mehr Einsätzen führt“, erklärt ein Sprecher. Und dennoch zeigen die Zahlen vom zweiten Quartal, dass in diesem Jahr auch für die Mitarbeiter der Rega etwas anders war. 2017 zählte die Rega bei einem regenreichen Juli 226 Einsätze wegen verunfallter oder erkrankter Wanderer. 2018 waren es bei langen, warmen Schönwetterperioden 318. In diesem Jahr rückten allein die Rega-Einsatzkräfte zwischen Mai und Juli 376 Mal aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahlplakate in Berlin

          Nach der Wahl : Was spricht für welche Koalition?

          Wo sind Brücken, wo sind Hindernisse in den bevorstehenden Sondierungen? Ampel und Jamaika liegen gar nicht so weit auseinander. Insofern gilt: Grüne und FDP suchen sich den Kanzler.
          Urbanes Gärtnern auf dem Tempelhofer Feld in Berlin

          Wege aus der Wohnungskrise : Bullerbü statt Babylon?

          Der grüne Traum vom innerstädtischen Blühstreifen begeistert die Wohlhabenden in Prenzlauer Berg. Was ist aber mit Marzahn oder Hellersdorf? Bei der Wahl, nicht nur in Berlin, geht es darum, wie wir wohnen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.