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Wetter macht Geschichte : Revolution in Frankreich 1794: »Ein Revolutionstraum endet im Platzregen«

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Schuld war wieder mal das Wetter: Die Jahre 1787 und 1788 brachten ganz Frankreich schwere Mißernten wie schon im katastrophalen Hungerjahr 1709.

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          Schuld war wieder mal das Wetter: Die Jahre 1787 und 1788 brachten ganz Frankreich schwere Mißernten wie schon im katastrophalen Hungerjahr 1709. Der harte Winter 1788/89 tat sein übriges. Alsbald brachen im ganzen Land Hungersnöte aus, von denen auch die städtische Bevölkerung nicht verschont blieb. Nicht nur, daß die Steuerlast seit langer Zeit unerträglich hoch geworden war, jetzt stiegen auch noch die Brotpreise. Das völlig verarmte Volk war verzweifelt. Anfang 1789 kam es zu ersten Auflösungserscheinungen der öffentlichen Ordnung und Plünderungen von Lebensmitteln im Zuge lokaler Hungeraufstände. Wer konnte helfen?

          Vom Staat war wenig zu erwarten. Im Gegenteil, das feudalistische Frankreich stand vor dem Bankrott. Über die Hälfte des Haushalts wurde allein für Schuldzinsen benötigt. Eine nahezu hoffnungslose Situation. Der ängstliche und kränkliche Ludwig XVI. sieht nur eine Möglichkeit, die Pleite abzuwenden. Es muß ihm gelingen, die bislang privilegierten Stände zum Zahlen zu zwingen. Ein schwieriges Vorhaben. Ludwig muß es aber wenigstens versuchen. Im Juni 1788 wurden die Generalstände erstmals nach fast 175 Jahren wieder ausgeschrieben. Es handelte sich um eine im Mittelalter entstandene Ständeversammlung, die zum letzten Mal 1614 getagt hatte und 1615 von Maria von Medici aufgelöst wurde. In ihr versammelten sich die Repräsentanten des Adels, der Kirche und des 3. Standes. Getrennt, versteht sich.

          Gemeinsam war dem 1. und 2. Stand lediglich die Steuerfreiheit; eben jenes Privileg, das Ludwig zu beseitigen trachtete, um an den nötigen Zaster zu kommen. Doch das war leichter verkündet als getan. Denn zum Widerstand der Privilegierten gegen die vom König benötigten Steuerreformen gesellte sich nun auch die entschlossene Verweigerungshaltung des 3. Standes, der endlich die Gunst der Stunde nutzen wollte, um seine Forderungen nach politischer und sozialer Gleichstellung durchzusetzen. Von diesem Augenblick an war das ganze Gebäude der Monarchie bedroht!

          Man könnte auch sagen: Schon mit der Einberufung der Generalstände erlebte die absolute Monarchie ihren Untergang. Am 19. November konnte der König zwar vor dem Pariser Parlament erklären: »Diese Maßnahme (die künftige Steuerpflicht des Adels) ist legal, weil ich es will.« Aber in Wirklichkeit wurde seine absolute Herrschergewalt mehr und mehr in Frage gestellt. Noch hatten die privilegierten Schichten nicht begriffen, daß sie mit dem Angriff auf das Königtum auch sich selbst in Gefahr brachten.

          Die Revolution beginnt

          Das Jahr 1789 machte Geschichte. Die Parlamente widersetzten sich den Entscheidungen des Königs. In den Provinzen kam es zu Aufständen. Die Weigerung, dem König weiterhin Geld zu zahlen, war für die Monarchie eine lebensgefährliche Bedrohung.

          Sie sah sich nun einer geschlossenen Front gegenüber, die von den Bauern bis zu den Aristokraten und von den Mitgliedern des 3. Standes bis zu den städtischen Massen reichte. Als am 5. Mai 1789 die Generalstände schließlich in Versailles zusammentraten, brach in Paris die Hölle los. Politische Clubs schossen wie Pilze aus dem Boden, Reden wurden geschwungen und Fraktionen gebildet.

          Politische Vielfalt

          Einen der ersten und auch wichtigsten Clubs bildeten die Jakobiner, die sich nach dem aufgelösten Dominikanerkloster St. Jakob benannten. Sie forderten die politische Gleichberechtigung aller und wandten sich gegen die Vorherrschaft des besitzenden Bürgertums. Die jakobinische Diktatur 1793/94 (»Terreur«) war eine der sehr blutigen Seiten der Revolution und stellt ihre radikale Phase dar. Ihre Anhänger rekrutierten sich vor allem aus den Reihen der Arbeiter und der sogenannten Stadt- und Dorfarmen. Zu den teilweise noch radikaleren Kräften und späteren Gegnern der Jakobiner gehörten da schon die Sansculotten. Es waren Vertreter der Handwerker, der Gesellen, der kleinbürgerlichen Berufe, des Haus- und Dienstleistungspersonals, die sich durch ihre langen Hosen (sans culottes; ohne Kniehosen) von den seidenen knielangen Hosen der Adligen und Großbürger unterscheiden wollten. Sie forderten vor allem das freie Wahlrecht für alle - unabhängig vom Besitz - und eine völlige Entmachtung des Königs. Dann gab es noch die Girondisten, benannt nach dem Departement Gironde, aus dem mehrere ihrer Führer kamen. Sie waren Vertreter des kleinen und des mittleren Bürgertums, die entschieden gegen eine Rückkehr zum Ancien régime, aber ebenso gegen eine soziale Demokratie eintraten. Nicht vergessen darf ich die Cordeliers, ein radikaler politischer Club des äußersten linken Flügels der Revolution, und die Feuillants, deren Mitglieder allesamt liberal eingestellte Adelige waren, die die konstitutionelle Monarchie unterstützten und eine Radikalisierung der Revolution verhindern wollten.

          Die Revolution ist in vollem Gange

          Die Vielfalt der politischen Clubs sorgte sehr bald für einen regen und auch ständeübergreifenden Meinungsaustausch. Schon bald vermischten sich die Stände. Geistliche und adlige Delegierte folgten den Versammlungen der gemeinen Bürger. Der 3. Stand wurde immer selbstbewußter und forderte ein gleichberechtigtes Abstimmungsverfahren zu den bevorstehenden Steuerfragen. Als der Adel und die Geistlichkeit diese Forderung ablehnten, erklärte der 3. Stand am 17. Juni 1789 seine Zusammenkunft kurzentschlossen zur Nationalversammlung, zur alleinigen Vertretung der Nation.

          Der König ließ alsbald Truppen um Paris zusammenziehen, um dieses aufflackernde neue Selbstbewußtsein gleich im Keim zu ersticken. Nun begann eine Zeit der Tumulte und Aufstände, die mit der Erstürmung der königlichen Festung, der Bastille, am 14. Juli ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Die Revolution war in vollem Gang und breitete sich auch auf das Land aus.

          Ordnung kehrt ein

          Da die Nationalversammlung nun einen vielfältig motivierten und damit chaotischen Umsturz befürchten mußte, stellt sie sich gleich an die Spitze aller revolutionären Bewegungen. Jetzt galt es zudem, die Errungenschaften der noch jungen Bewegung möglichst rasch in erste Gesetze zu gießen. Zur allgemeinen Beruhigung beseitigte man ganz schnell die feudalen Standesrechte und verkündete die Menschen- und Bürgerrechte. Der Erbadel wurde beseitigt; Frankreich wurde in 83 Departements eingeteilt. Eine neue Stadtverwaltung, die »Commune«, wurde gebildet. Ach, und beinahe hätte ich es ganz vergessen: Der Staatsbankrott wird auch behoben. Wie? Ganz einfach: Der Adel war Hals über Kopf ins Ausland geflüchtet. Hab und Gut hatte er in der Hast zurücklassen müssen. Und im allgemeinen Gewirr der Revolution nutzte man die Gunst der Stunde, indem man die Kirchengüter verstaatlichte.

          Da saßen sie nun in der gesetzgebenden Versammlung: die Jakobiner, die Girondisten, die Cordeliers, die Monarchisten, die Sansculotten und all die anderen. Die Königstreuen rechts und die Radikalen links. (Daher stammt auch die heute noch gebräuchliche politische Zuordnung, die auch weitestgehend von den Abgeordneten der Paulskirche 1848 beibehalten wurde). Man debattierte und stritt, intrigierte und palaverte.

          Die Girondisten waren bereit, weiter mit dem König zusammenzuarbeiten. Sehr zum Leidwesen der Jakobiner, die sich weiterhin entschieden gegen den König und das immer noch vorherrschende Großbürgertum wandten. Zunächst setzten sich aber die Befürworter der noch jungen Verfassung durch. Am 14. September 1791 leistete der König endlich seinen Verfassungseid. Damit war der Absolutismus in Frankreich endgültig gestürzt. So weit, so gut.

          Robespierre betritt die Bühne

          Seit August 1792 sprechen wir von der Zweiten Phase der Revolution: »Tuilerien«-Erstürmung, Suspendierung des Königtums, Gefangennahme der Königsfamilie. Im Januar 1793 wird der erste Repräsentant der nun der Vergangenheit angehörenden absoluten Monarchie unter dem Fallbeil ermordet. Der Adel ist geflohen. Doch damit nicht genug. Im Juli übernimmt Maximilien Robespierre das Steuer und fährt einen noch schärferen Kurs.

          Robespierre ist ein junger Anwalt aus Arras und ein geschickter Taktiker und fähiger Redner, ein Jakobiner, wie er im Buche steht! Hager und bleich, ernst und enthaltsam, tugendhaft und unbestechlich. Allein seine krankhafte Empfindlichkeit macht es ihm schwer, sich nachhaltig mit der Kritik und der Ungeduld seiner Gegner auseinanderzusetzen. Bisweilen wirkt er verstört und verschlossen.

          Das soll nicht täuschen. Denn eben dieser Robespierre hat viel zum furchtbaren Blutvergießen dieser Jahre beigetragen, was im (über-)eifrigen Bemühen um die Glaubwürdigkeit und den Erfolg der jungen Republik erfolgte. Massenverhaftungen und Hinrichtungen waren jedoch kaum geeignet, Sympathien für die revolutionären Ideale im Ausland zu gewinnen. Nebenbei bemerkt: Terror erlebte die Französische Revolution auch vor und nach Robespierre.

          Der Terror beginnt

          Zurück zum Geschehen. Robespierre wird am 24. Juli erst einmal Mitglied des Wohlfahrtsausschusses. Aber dann geht es los: Schnell verabschiedet er ein Gesetz zur generellen Verdächtigung aller Revolutionsfeinde durch die Nationalversammlung. Die Folgen sind verheerend, der Grundstein neuerlichen Blutvergießens gelegt. Zuerst wird Marie Antoinette, der Königin, der Prozeß gemacht. Dann kommen die wenigen noch im Land verbliebenen Aristokraten an die Reihe und schließlich die Revolutionäre selbst. Zumindest diejenigen, die die Revolution »verraten« haben. Die Girondisten und Feuillants zum Beispiel. Innerhalb weniger Wochen wandern mehrere Tausend Menschen auf das Schafott. Frankreich versinkt in Chaos und Schrecken, und Robespierre legt nach. Ein neues Gesetz stellt die Verbreitung falscher Nachrichten unter Strafe. Was auch immer damit gemeint ist: Die Leute bleiben zu Hause und schweigen. Jede Rechtssicherheit ist aufgehoben, niemand seines Lebens mehr sicher.

          Wolken ziehen auf

          Inzwischen formiert sich im Wohlfahrtsausschuß eine heimliche Koalition derjenigen, die sich von Robespierre bedroht fühlen. Und das sind nicht wenige. Dem sensiblen Robespierre bleibt das nicht verborgen. Mit einer entschlossenen Rede versucht er am 26. Juli 1794, die Mehrheit des Konvents wieder auf seine Seite zu bringen. Dummerweise greift er dabei alle politischen Lager des Konvents zugleich an.

          Das kommt nicht gut an. Der Konvent fühlt sich in seiner Gesamtheit bedroht. Es folgt ein politischer Fehlgriff nach dem anderen. Er klagt die Extremisten an; er kritisiert die Finanzverwaltung. Kurz vor der Eskalation wird die Sitzung beendet. Robespierre geht nach Hause, die aufgerüttelten und wütenden Mitglieder der Ausschüsse bleiben und beraten sich die ganze Nacht. Man einigt sich darauf, Robespierre in der Sitzung am nächsten Tag einfach nicht mehr zu Wort kommen zu lassen. Eine ganze Nacht beraten, um zu solch einem dünnen und noch dazu undemokratischen Ergebnis zu kommen? Wir werden sehen. Am 27. Juli nimmt das parlamentarische Ränkespiel seinen Lauf. Wie geplant, unterbricht man Robespierre oft und unflätig. Man schreit ihn nieder, provoziert und demütigt ihn. Schließlich läßt man ihn verhaften und abführen.

          Der Himmel verdunkelt sich

          Die Spannungen übertragen sich rasch auf die Pariser Straßen. Der Mob strömt auf den Platz vor der Nationalversammlung. Die von den Jakobinern herbeigeholte Nationalgarde befreit Robespierre. Die Kommune bittet ihn, ins Rathaus zu kommen. Er weigert sich zunächst, dorthin zu gehen und sich damit an die Spitze des Aufstandes zu stellen; aber er gibt den Rat, » … die Gittertore zu schließen, … alle Druckpressen der Journalisten zu versiegeln, die Journalisten zu verhaften und ebenfalls die Verräter unter den Abgeordneten«. Im Rathaus wird diskutiert, erörtert und verworfen. Unternommen wird nichts.

          Robespierre steht im Regen

          Das Volk wartet nun bereits seit Stunden vor dem Rathaus. Dunkle Gewitterwolken ziehen sich über der Stadt zusammen. Unruhe macht sich breit; Gerüchte kursieren. Die Vertreter des Konvents versuchen diese - für sie gefährliche - Versammlung zu zerstreuen. Robespierre beschließt nun doch, kurzerhand ins Rathaus zu eilen und zur Menge zu sprechen, den Mob noch in die richtige Stimmung zu versetzen. Dazu kommt es nicht mehr. Urplötzlich entlädt sich über der Stadt ein heftiges Sommergewitter. Innerhalb von Sekunden steht die Stadt knöchelhoch unter Wasser. Sturzbäche von Wasser ergießen sich auf die Straßen und überschwemmen die Gassen. Eine Stunde lang schüttet es wie aus Eimern. Die Menschen eilen nach Hause oder suchen Schutz in Torbögen und Hauseingängen. Der Platz vor dem Rathaus leert sich schlagartig. Robespierre hat verloren. Der Regen hat ihm seine letzte Chance genommen. Sein Schutzschild, der Mob der loyal gesinnten Bezirke von Paris, hat sich aufgelöst. Ein Unwetter hat seinen Revolutionstraum zerstört.

          Das Ende

          Schon dringt die Abordnung des Konvents in den Saal ein … Jetzt bleibt nur noch der Tod. Es wird gemeinhin angenommen, daß Robespierre noch versucht hat, sich zu erschießen. Ob aber eine Kugel aus seiner eigenen oder einer fremden Pistole sein Kinn zerschmettert, kann nur gemutmaßt werden. Schwerverletzt wird er erneut festgenommen und am nächsten Tag hingerichtet.

          Die Schlacht der Revolution wurde nicht durch Kanonen, sondern durch Worte, Verrat und eine Laune des Wetters entschieden.

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