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Westjordanland : Heiligabend auf dem Hirtenfeld

Die meisten Pilger kommen weiterhin nur zu einem Blitzbesuch aus Israel nach Bethlehem und aufs Hirtenfeld. In ihren klimatisierten Bussen rollen sie durch das einzige Tor der Betonmauer oft direkt zur Geburtskirche – mit israelischen Reiseleitern, die über den palästinensischen Alltag nichts wissen. Unterwegs halten sie an einem Geschäft für Olivenholzschnitzereien. Die Krippenfiguren sind weltberühmt. In den mehr als 400 Schnitzwerkstätten arbeiten viele Menschen aus Bethlehem und Umgebung. Doch für sie bleibt wenig übrig. „Das sind alles Räuber“, schimpft Aisa Musleh, der unweit des Hirtenfelds einen Großhandel für Holzfiguren betreibt. Er meint damit die unheilige Allianz zwischen Busfahrern, Reiseleitern und -agenturen. Mehr als ein Drittel des Preises der Jesuskinder, Hirten und Elefanten machten die Provisionen aus, wenn sie ihre Gruppen in bestimmte Läden bringen, sagt Aisa Musleh, der unter seinem langen Bart ein Holzkreuz trägt. „Das ist doch Korruption.“

Seit einiger Zeit aber bleiben manche Pilger etwas länger. In Jerusalem sind die Hotels teuer und oft ausgebucht. In Bethlehem hat deshalb ein regelrechter Hotelbauboom begonnen. Mit einem ausländischen Pass können die Besucher problemlos zwischen den heiligen Städten pendeln. Davon können Palästinenser wie Rami Kassis nur träumen. Er hat von der israelischen Armee seit 14 Jahren keinen Passierschein mehr bekommen, um zum Beispiel in Jerusalem am Weihnachtsgottesdienst teilzunehmen, den der Bischof in der evangelischen Erlöserkirche in der Altstadt feiert. „In anderen Familien erhalten oft nicht alle eine israelische Genehmigung, um an Weihnachten oder Ostern nach Jerusalem zu fahren“, berichtet Kassis. Auch deshalb ist es schwierig, wenn man in Bethlehem oder Beit Sahour geboren wurde. Die hochschwangere Mutter der beiden Mädchen, die auf dem Couchtisch der Awads Weihnachtsplätzchen aus Knetgummi backen, besitzt eine „Jerusalem ID“. Mit dem Ausweis darf sie nach Jerusalem fahren und dort bleiben, ohne Erlaubnis. Obwohl für die Christin Beit Sahour ein besonderer Ort ist, soll auch das dritte Kind in Jerusalem zur Welt kommen. Wer als Palästinenser „Jerusalem“ im Ausweis stehen hat, ist klar im Vorteil. Dann sind Betonmauer und Sperrzaun leichter zu überwinden. Ob die Reise nach Jerusalem pünktlich zu den Wehen klappt, steht aber noch in den Sternen.

Herbergen bei Bethlehem

In Beit Sahour vermittelt die „Alternative Tourism Group“ Unterkünfte bei Familien. Die Organisation ist per Mail über die Adresse info@atg.ps sowie telefonisch unter der Nummer 00972-2-2772211 zu erreichen. In Bethlehem hilft das „Visitor Information Center“ am Krippenplatz bei der Herbergssuche (Mail: Vicbethlehem@gmail.com, Telefon: 00972-22754235). In Bethlehems Nachbarort Beit Jala bietet die deutschsprachige Familie Mukarker in ihrem Haus neue Privatzimmer mit Altstadtblick an, auf Wunsch auch mit einer Stadtführung (Mail: Kamal_Mukarker@hotmail.com, Telefon 00972-597806477).

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