https://www.faz.net/-gum-7kj2i

Westjordanland : Heiligabend auf dem Hirtenfeld

Die Menschen in Beit Sahour sind stolz auf ihre kleine Stadt. Das liegt nicht nur daran, dass der Evangelist Lukas die Vorfahren der Bewohner in der Weihnachtsgeschichte erwähnte. In keinem anderen Ort der Palästinensergebiete leben mehr Christen, nicht einmal nebenan in Bethlehem. Die Einwohner waren auch kreativ, wenn es darum ging, gewaltlos Widerstand gegen die israelischen Besatzer zu leisten. „Im vergangenen Sommer fuhren hinter unserem Haus auf einmal israelische Militärjeeps vor. Dieses Mal wurde aber nur der Film ,Die gesuchten Achtzehn‘ gedreht“, sagt Hunaida Awad. Hauptfiguren in dem Film sind keine Terroristen, sondern 18 Kühe. Die Einwohner versteckten sie während der ersten Intifada jahrelang vor der israelischen Armee. Sie wollten nicht mehr teure Milch aus israelischen Molkereien kaufen, sondern sich selbst versorgen. Doch die israelischen Generäle erklärten die Kühe zu einem Sicherheitsrisiko. Sie ließen sie mit Hubschraubern suchen und fanden sie trotzdem nicht.

Grenzüberschreitende Begegnungen

Im Jahr 1989 traten die Einwohner von Beit Sahour in einen Steuerstreik. Sie nahmen sich die „Tea Party“ während des amerikanischen  Unabhängigkeitskriegs zum Vorbild und deren Wahlspruch „Keine Besteuerung ohne politische Vertretung“: Sie wollten nicht länger mit ihren Abgaben die israelische Besatzungsmacht finanzieren. Wieder wusste die israelische Armee nicht, wie sie gegen diesen gewaltlosen Akt des Widerstands vorgehen sollte. Sie verhängte eine Ausgangssperre, die mehr als 40 Tage dauerte. Soldaten räumten ganze Wohnungen und Werkstätten leer, um auf diese Weise Steuerschulden einzutreiben.

„Beit Sahour wurde berühmt, weil die Vereinigten Staaten im UN-Sicherheitsrat ein Veto gegen eine Resolution einlegten, die von Israel verlangte, das beschlagnahmte palästinensische Eigentum zurückzugeben“, sagt Rami Kassis. Er leitet die „Alternative Tourism Group“, die in Beit Sahour die privaten Unterkünfte vermittelt. Solche grenzüberschreitenden Begegnungen haben in dem Ort eine lange Geschichte. Nachdem der spätere israelische Ministerpräsident Itzhak Rabin als Verteidigungsminister dazu aufgerufen hatte, notfalls die Knochen der protestierenden Palästinenser zu brechen, begann man in Beit Sahour die Kampagne „Brecht Brot, nicht Knochen“:
Palästinenser aus dem Ort luden Israelis ein, um gemeinsam den Beginn des jüdischen Schabbat zu feiern.

Heute warnen riesige rote Schilder Israelis davor, die palästinensischen Autonomiegebiete zu betreten. Wer dennoch nach Beit Sahour oder Bethlehem kommt, macht sich strafbar. Rami Kassis’ Organisation konzentriert sich auf Reisende aus dem Ausland: „Wir wollen unsere Besucher in Botschafter und Anwälte eines gerechten Friedens in Palästina und Israel verwandeln.“ Daher begnügen sich Kassis und seine Mitarbeiter nicht damit, Zimmer zu vermitteln, die den Gastgebern eine kleine zusätzliche Einnahme verschaffen. Gäste sind auch für längere Zeit willkommen, um zum Beispiel im Herbst bei der Olivenernte mitzuhelfen, oder wenn sie auf ihrer Wanderung auf dem „Nativity Trail“ von Nazareth nach Bethlehem eine Ruhepause einlegen wollen. Aber diese Art von Tourismus hat auch mit palästinensischen Widerständen zu kämpfen.

Weitere Themen

Suche nach Mutante läuft Video-Seite öffnen

Bayreuther Klinikum : Suche nach Mutante läuft

Am Klinikum Bayreuth sind mindestens 100 Mitarbeiter und 80 Patienten positiv auf das Coronavirus getestet worden, auch gibt es mehrere Verdachtsfälle auf die britische Mutante.

Topmeldungen

Schlag gegen Cyberkriminelle : Das Ende von Emotet

Unter Führung deutscher Ermittler ist die wohl gefährlichste Schadsoftware der Welt lahmgelegt worden. Die Spur führte bis in die Ukraine. Die Suche nach Tätern geht indes weiter.
EU-Kommissarin Stella Kyriakides am Mittwoch in Brüssel

Produktionsprobleme : Impfstreit zwischen der EU und Astra-Zeneca eskaliert

Hat das britische Unternehmen der EU feste Lieferzusagen gemacht? Der Chef streitet dies ab. Am Mittwochabend soll es nun ein Krisengespräch geben. Zuvor appelliert Kommissarin Kyriakides an das Unternehmen: „Wir verlieren jeden Tag Menschen.“
Corona-Impfung: Viele Deutsche haben Zweifel, dass die Krise dadurch schnell überwunden wird.

Allensbach-Umfrage : Viele Deutsche zweifeln an der Impfstrategie

Die Impfbereitschaft in der Bevölkerung ist gewachsen, aber das Vertrauen in die schnelle Verteilung des Impfstoffs ist gering. Und der Rückhalt für den politischen Kurs in der Pandemie schwindet.
Gewagter Vorstoß: Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU)

Aussagen zur Schuldenbremse : Grüne Freude über Helge Braun

Im Superwahljahr stehen die Grünen vor einer strategischen Herausforderung: Sie müssen sich von der Laschet-CDU abgrenzen und möglichst viele Merkel-Wähler zu sich holen. Brauns Vorstoß zur Schuldenbremse kommt da gerade recht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.