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Westjordanland : Heiligabend auf dem Hirtenfeld

Der Nahostkonflikt macht auch vor den hohen Feiertagen keinen Halt

Wer bei einer einheimischen Familie zu Gast ist, lernt schnell, dass der Alltag im Heiligen Land wenig mit Engeln, Sternen und Halleluja zu tun hat. Nicht weit von den Höhlen des Hirtenfeldes entfernt, durchschneidet die israelische Sperranlage Olivenhaine und Felder. Hinter dem Hochsicherheitszaun, der bei Bethlehem zu einer fast neun Meter hohen Betonmauer wird, erheben sich die Häuser der israelischen Siedlung Har Homa. Israelis und Palästinenser sehen sich nur noch aus der Ferne.

Es ist noch nicht lange her, da rollten israelische Panzer durch die engen Straßen von Beit Sahour und ließen die Wände der Häuser erzittern. Simon Awad und seine Familie erfuhren am eigenen Leib, dass der Nahostkonflikt auch vor den hohen Feiertagen keinen Halt macht. An Ostern vor elf Jahren stürmten israelische Soldaten die Treppe zum Haus der Familie Awad hinauf und hämmerten an die Tür. Es war die Zeit der zweiten Intifada. Wegen des Palästinenseraufstands herrschte seit Tagen Ausgangssperre. Die Soldaten zerrten Simon Awad im Schlafanzug aus dem Haus. „Sie schickten mich als menschlichen Schutzschild ins Rathaus nebenan. Die Israelis vermuteten, dass sich dort palästinensische Kämpfer verschanzt hielten“, erinnert sich Simon Awad. Als sie draußen Schüsse hörten, glaubten seine Frau Hunaida und die kleinen Kinder, die Soldaten hätten Simon erschossen. Sie konnten nicht nachsehen, weil sie die Fenster des Hauses mit Sandsäcken verbarrikadiert hatten. „Ich dachte, Simon ist tot“, sagt Hunaida Awad.

Zimmer für Zimmer musste Simon Awad das Rathaus durchsuchen. Am Ende hatten sich dort keine bewaffneten Palästinenser versteckt. Bis zum Schluss wusste er nicht, ob er lebend wieder zu Frau und Kindern zurückkehren würde. Er brauchte Jahre, bis er am Rathaus neben seiner Wohnung vorbeigehen konnte, ohne dass die Erinnerungen hochkamen. Hunaida Awad hat den Schock bis heute nicht verkraftet: Seit diesem Tag leide sie an Diabetes und müsse zusätzlich ein Herzmittel nehmen.

Nicht einmal in Bethlehem leben mehr Christen

Schon der erste Palästinenseraufstand Ende der achtziger Jahre hat Spuren im Leben von Simon Awad hinterlassen. Als Student an der Universität von Bethlehem hatte ihn die Armee immer wieder festgenommen. Er musste lange warten, bis er endlich sein Biologie-Studium abschließen konnte. Ihm fehlte nur noch ein einziger Seminarschein, als die israelischen Besatzungstruppen die Hochschule jahrelang schlossen. Simon Awad aber erfüllte sich einen Traum und bildete sich zum ersten palästinensischen Ornithologen weiter. „Vögel sind frei“, sagt er. „Sie fliegen einfach über Grenzen und Kontrollpunkte hinweg.“ Er holt ein Buch aus dem Wohnzimmerschrank. Als erster palästinensischer Wissenschaftler hat er alle Vogelarten beschrieben, die in seiner Heimat leben oder als Zugvögel im Jordantal einen Zwischenstopp einlegen; es sind mehr als 500 Arten. Im Herbst und im Frühjahr ist er in Jericho und beringt als Mitarbeiter eines Umwelterziehungsprogramms der evangelischen Kirche einige der Vögel, um ihre Reisen besser zu verstehen. Früher arbeitete er dabei mit israelischen Kollegen zusammen. Heute hält er nichts mehr von solchen Kontakten. Erst müssten die Israelis ihren Staat im Westjordanland anerkennen.

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