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Westjordanland : Heiligabend auf dem Hirtenfeld

Das Rezept für den Glühwein kommt aus Deutschland

Auf dem Wohnzimmersofa gibt es zur Begrüßung erst einmal ein Tässchen starken, süßen arabischen Kaffee. In der Küche nebenan köchelt auf dem Herd schon ein Topf mit Frike, einem gerösteten grünen Weizen, den man im Nahen Osten zu Hühnchen serviert. Das in Palästina beliebte Gericht hat Simons Frau Hunaida vorbereitet, gleich nachdem sie von der Arbeit heimgekommen ist. Sie ist Sozialarbeiterin und leitet eine Tagesstätte für Behinderte. Die temperamentvolle Palästinenserin will Zeit für ihre Übernachtungsgäste haben und nicht die ganze Zeit am Herd stehen: „Wir möchten unser Englisch verbessern.“ Sie kommt aber notfalls ohne Fremdsprachen zurecht. Lachend erzählt sie von drei Französinnen, die einmal bei ihr einquartiert wurden: Sie verständigten sich in Zeichensprache, denn die Gäste konnten kein Wort Englisch und sie kein Französisch. Sie versteht ein wenig Deutsch, denn einer ihrer Brüder lebt in Köln. Aus Deutschland hat sie auch das Rezept für den Glühwein mitgebracht.

„Die Orangen und Zitronen dafür stammen aus unserem eigenen Garten hinter dem Haus“, sagt sie stolz. Neben der Hollywood-Schaukel und dem Grill stehen ein Oliven- und ein Mandelbaum. Die Oliven gibt es zum Frühstück, die Mandeln wandern ins Weihnachtsgebäck. Bei Hunaida Awad gibt es in der Adventszeit nicht nur Glühwein, sondern auch Christstollen. Dazu erfindet sie jedes Jahr eine neue Sorte Weihnachtsgebäck. Ihrer jüngsten Kreation hat sie einen Schuss Cognac beigefügt. „Die Leute hier sind sehr engstirnig. Sie weigern sich, Neues auszuprobieren“, meint sie. Traditionell gibt es in Palästina zu Weihnachten wie an Ostern nur zwei Sorten Gebäck: mit Nüssen oder mit Datteln.

Palästinenser sind Familienmenschen

Hunaida Awad hat gerne Besuch. Am meisten freut sie sich, wenn zwei Mädchen aus der Nachbarschaft vorbeikommen. Sie stellt Kinderstühlchen vor den Wohnzimmertisch und holt die saftig grüne Knetmasse aus dem Schrank. Die Kleinen strahlen. Unter dem Bild vom letzten Abendmahl, das über dem Esstisch hängt, formen sie Plätzchen, während die Erwachsenen plaudern. Palästinenser sind Familienmenschen: Statt abends auszugehen, besuchen sie sich gegenseitig. So schauen später noch drei Klassenkameraden von Tochter Jasmin vorbei. Sie zeigen auf ihren Smartphones die Fotos ausgefallener Wasserpfeifen, die sie gerade in einem neuen Lokal in der Altstadt ausprobiert haben: Auf Wunsch wird der aromatische Rauch durch den Bauch einer ausgehöhlten Wassermelone geführt, die mit anderem Obst garniert ist. Auch Familie Awad raucht gerne Wasserpfeife mit Freunden – mit Apfelgeschmack, das sei gesund, sagt die Mutter. „Aber drinnen wird nicht geraucht, nur draußen auf der Terrasse.“

Nach einem Gläschen Anisschnaps begleitet Sohn Amir die Gäste über die Außentreppe ein Stockwerk tiefer zu ihrem Schlafzimmer. Auf dem Weg fängt er an, sein Deutsch auszuprobieren, das er in der protestantischen Schule in Beit Sahour lernt. Er zeigt, wo die Handtücher liegen und wo es zur Dusche geht (durch die Küche seiner Großmutter, in deren Wohnung sich das Gästezimmer befindet). Auf dem Nachttischchen neben den Betten mit den geblümten Überzügen wacht eine kleine Madonnenstatue über den Schlaf der Besucher. Auf dem alten Steinhaus seiner Mutter hat Simon Awad einfach ein weiteres Stockwerk für seine Familie errichtet. Auf diese Weise wachsen in Palästina viele Häuser immer weiter in die Höhe. Baugrundstücke kosten ein kleines Vermögen.

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