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Historie mit Smartphone : Als Petrus dem Heiland entfolgte

Mit einem Smartphone hätte die Dame sich das lange Modellsitzen erspart: Aus der Fotoserie „Museum of Selfies“ der dänischen Künstlerin Olivia Muus. Bild: Action Press

Unser Leben wäre ohne Smartphone und Social Media undenkbar. Wie wären ausgewählte geschichtliche Ereignisse verlaufen, hätte es all das auch schon früher gegeben? Eine Satire.

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          Um 2500 vor Christus. Schon zum zwanzigsten Mal an diesem Tag öffnet Noah auf seinem Smartphone die Wetter-App: brütende Hitze und Sonnenschein in den nächsten zehn Tagen. So wie meistens in dieser Gegend. Was soll er dann mit dieser Mail anfangen, Dringlichkeit hoch!, dass er ein riesiges Boot bauen soll, weil es 40 Tage und 40 Nächte am Stück regnen werde? Und wie sollten selbst auf einem Schiff von 300 Ellen Länge sämtliche Tierarten Platz finden, von denen es, wie Noah sich ergoogelt hat, Millionen gibt? Er beschließt, erst mal abzuwarten. Als es – blöde Wetter-App – plötzlich doch zu schütten beginnt, schafft er es gerade noch, einen mickrigen Holzkahn zu zimmern und die Liste der Tierarten abzuarbeiten bis zum B. Dummerweise gehen damit auch die Biber und die Borkenkäfer an Bord.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jerusalem im Jahre 33. Jesus von Nazareth, religiöser Aktivist und Social-Media-Phänomen, wird verhaftet. Statthalter Pontius Pilatus erntet für seine Einschätzung, der Kerl sei doch eigentlich harmlos, einen gewaltigen Shitstorm, welcher Petrus – einen von Jesus’ ältesten Followern – nicht unbeeindruckt lässt: Hastig entfolgt er Jesus auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram. Ein Hahnenschrei – von Petrus als Erinnerungston seines Handys gewählt – macht ihm sein Versagen schmerzlich bewusst. Als Manager der brachliegenden Social-Media-Kanäle Jesus’ leistet Petrus fortan Wiedergutmachung und macht vor allem durch die offenen Briefe von sich reden, die er in alle Welt schickt.

          Kein Glück beim Posten: Martin Luther
          Kein Glück beim Posten: Martin Luther : Bild: dpa

          Eisenach, 1522. Auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das gesamte Neue Testament aus dem Altgriechischen ins Deutsche – in elf Wochen. Verrückt, finden seine Kritiker: Mit Google Translate wäre das doch wesentlich schneller gegangen. Als dann noch herauskommt, dass Luther sich bei der Übersetzung künstlerische Freiheiten genommen hat und versucht hat, dem Volke „auf das Maul zu schauen“, wird sein Werk als unpräzise und populistisch gescholten und von den Verlegern Cranach und Döring rasch wieder eingestampft. Für Luther ist es schon der zweite große Misserfolg, nachdem die 95 Thesen, die er auf der Website von Wittenberg gepostet hat, von der Stadt schnurstracks gelöscht worden waren.

          Salzburg, 1762. Die Tiktok-Videos der Familie Mozart gehen viral. Tochter Nannerl, elf, und Söhnchen Wolferl, sechs, spielen so flink Klavier, dass es eine Freude ist, und zwar nicht nur über die klassische Tiktok-Länge von 15 Sekunden, sondern bisweilen gar über eine volle Minute. Der Familie bringt dies viel Ruhm, doch auch reichlich Kritik ein: Gerade das kleine Wolferl werde auf eine Weise vor der ganzen Welt zur Schau gestellt, die dem Kind offensichtlich nicht guttue, was dessen Zappeligkeit und unflätige Ausdrucksweise belegten. Als der Knabe ankündigt, eines Tages auf Tiktok eine dreistündige Oper veröffentlichen zu wollen (insgesamt 720 Filmchen à 15 Sekunden), starten besorgte Follower eine Internetpetition namens „Der Junge muss an die frische Luft“. Schließlich beugen sich die Eltern dem öffentlichen Druck, löschen den Tiktok-Kanal und verordnen den Kindern Leibesübungen. Auch mit dem Ball erweist sich Wolferl als hochbegabt, findet aber leider einen viel zu frühen Tod – tragischerweise 123 Jahre vor Gründung des ersten Salzburger Fußballvereins.

          Protzen kommt nicht an: Schmuck von Marie Antoinette
          Protzen kommt nicht an: Schmuck von Marie Antoinette : Bild: dpa

          Versailles, 1789. Auf ihrem Instagram-Account lässt die französische Königin Marie Antoinette das Volk tagtäglich an ihrem schillernden Leben teilhaben, präsentiert atemberaubenden Schmuck, kostbare Kleider und Frisuren, so steil, dass man sie auf dem Handy nur im Hochformat betrachten kann. Was die leichtsinnige Königin nicht beachtet: Wer auf Instagram permanent am vermeintlich perfekten Leben anderer teilhat, wird in seinem eigenen, vergleichsweise kärglichen Dasein schnell unglücklich – zumal dann, wenn er selbst, wie die meisten Franzosen in dieser Zeit, nicht mal schnelles WLAN daheim hat. Als Marie Antoinette ihren Account löscht, ist es schon zu spät: Die Franzosen blasen zur Revolution und kappen ein für allemal ihre Internetverbindung.

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