https://www.faz.net/-gum-86ep7

Edersee : Das hessische Atlantis

  • -Aktualisiert am

Eine Brücke taucht auf: Nur in sehr trockenen Jahren ist das alte Bauwerk, das vor einem Jahrhundert in den Fluten des Stausees versank, zu sehen. Bild: dpa

Weil das Jahr so trocken ist, verliert der Edersee in Hessen zunehmend Wasser – und gibt frei, was vor gut 100 Jahren für immer verloren schien. Ein Schauspiel, das Touristiker von einem „Atlantis“ sprechen lässt.

          4 Min.

          Der Edersee ist für Generationen von Urlaubern das Synonym für Ferien in Deutschland. Camping, Lagerfeuer, Grillen, der erste Schwips beim ersten Ausflug ohne Eltern und vor allem Wasser, Wasser, Wasser. Davon gibt es reichlich in dem künstlichen Binnensee. Doch bei Vöhl, wo sich die Eder im Frühjahr noch zu einem See zu weiten begann, fließt jetzt wieder ein Fluss: Denn an der Staumauer im Osten wird Wasser abgelassen. Indem sich die Eder aber in ihr ursprüngliches Bett zurückzieht, taucht Versunkenes auf.

          Von einem „Atlantis“ sprechen die Touristiker in Hessens beliebtester Ferienregion. Und das Schauspiel, das sich in trockenen Jahren immer wieder einmal vollzieht, hat seinen Reiz und seinen Grusel, wenn zutage tritt, was vor gut 100 Jahren für immer verloren schien. Bei einem Pegel von 244,97 Metern über N.N. hat der See mit gut 199 Millionen Kubikmetern Wasserinhalt den Vollstau erreicht. Bei einem Pegel von 235,10 Meter kommt die Aseler Brücke zum Vorschein. Schon gehen die Gäste wieder auf ihr spazieren, durchfahren Ruderboote die vierbogige Konstruktion.

          Das Bauwerk spannt sich 60 Meter weit über den alten Flusslauf, als sei es nie geflutet worden. Von 1887 bis 1890 wurde die Brücke erbaut und trug fortan die Anwohner, ihre Wagen und ihr Gut über die Eder. Das Modell der Talsperre, anhand dessen sich der geplante Bau der Staumauer zu Beginn des 20. Jahrhunderts erläutern ließ, taucht erst bei einem Pegelstand zwischen 221,05 und 219,05 Metern auf - das könnte so in drei Wochen sein. Die Reste von Dörfern wie Berich zeichnen sich bereits vorher bei einem Pegel von 231 Metern ab, genauso wie der Friedhof von Alt-Bringhausen mit seinen Gräbern, in denen noch immer die Toten ruhen. Damals, als der See angestaut wurde, ließ man sie mit Betondecken sichern, damit die Leichen oder deren Reste nicht aufschwammen - und tatsächlich: Nichts dergleichen geschah.

          August 2008: Der Friedhof der alten Ortschaft von Bringhausen tauchte auch in früheren Jahren schon auf.

          All das Auf und Ab hat seinen Grund im eigentlichen Zweck des Edersees: der Regulation des Wasserstands auf der Oberweser und ursprünglich auch im Mittellandkanal. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden im westlichen Quellgebiet der Weser die Eder und die Diemel aufgestaut. Am 25. August 1914 wurde die Mauer im Edertal, 47 Meter hoch und 400 Meter breit, ihrer Bestimmung übergeben. Seither stauen sich westlich der Mauer auf 27 Kilometer Länge bis zu 199,3 Millionen Kubikmeter Zuschusswasser für den Mittellandkanal und zur Niedrigwasseraufhöhung der Oberweser.

          Die Staumauer verhinderte ungezählte Hochwasser an Eder, Fulda und Weser, sie stellt aufgestaute Kraft zur Erzeugung von Strom bereit und wurde zum Nukleus eines Freizeitparadieses. Und doch ist sie nur ein kleiner, wenn auch entscheidender Baustein in einem Gesamtbauwerk von kontinentalem Rang, das Duisburg-Ruhrort als größten Binnen- und Dortmund als den größten Kanalhafen Europas über künstliche und natürliche Wasserstraßen mit Bremen, Hannover, Magdeburg, Berlin, Stettin und Dresden verbindet. Wegen der nationalen Bedeutung sind Eder- und Diemelsee die einzigen Talsperren in Obhut der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Arbeiter mit Mundschutz entladen am Flughafen Wien-Schwechat Schutzausrüstung aus einem Flugzeug der Fluggesellschaft Austrian Airlines, das aus China gelandet ist.

          Corona-Krisenhilfe : China jetzt nicht auf den Leim gehen

          Peking inszeniert sich als Helfer in der Corona-Not. Dankbarkeit dafür ist in Ordnung. Es muss aber möglich bleiben, die wahren Verhältnisse in China offen anzusprechen.
          Menschenschlange vor einem Geschäft in Hongkong

          Wege aus der Krise : Sollte bald jeder eine Maske tragen?

          Es werden wieder mehr Schutzmasken hergestellt, in Deutschland, aber auch in China. Wären sie für alle ein guter Kompromiss, sobald die Kontaktverbote gelockert werden?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.