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Düsseldorf : Explosive Altlasten im Flugfeld

  • -Aktualisiert am

Nach den Feuerwerkern kam der Radlader und schüttete das Erdloch, in dem die Bombe unschädliche gemacht wurde, wieder zu. Bild: dpa

Bomben mit chemisch-mechanischem Langzeitzünder sind der Schrecken aller Kampfmittelbeseitiger. Auf dem Düsseldorfer Flughafen musste ein Exemplar kontrolliert gesprengt werden. Weitere könnten folgen.

          Den dumpfen Knall konnte man am Montagmorgen rings um den Düsseldorfer Flughafen deutlich hören. Es war eine 125-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die zwei Feuerwerker des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Rheinland um 8.45 Uhr mit einer kontrollierten Sprengung unschädlich machten. Auf dem Flugfeld des Düsseldorfer Flughafens wird zur Vorbereitung eines Tiefbauvorhabens zurzeit systematisch nach Blindgängern gesucht. Fünf Verdachtsstellen hatten die auf die Auswertung historischer Luftbildaufnahmen spezialisierten Fachleute des nordrhein-westfälischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes identifiziert.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          An einer der Stellen, nahe der Start- und Landebahn, wurden die beiden Feuerwerker dann am frühen Montagmorgen tatsächlich fündig. Weil die Bombe einen Langzeitzünder hatte, musste möglichst umgehend gehandelt, also kontrolliert gesprengt werden. Zwischen 7.50 Uhr und 8.50 Uhr ruhte der Flugbetrieb am Düsseldorfer Flughafen komplett; 34 Starts oder Landungen mussten verschoben werden, sieben Flüge wurden gestrichen.

          Bomben mit chemisch-mechanischem Langzeitzünder sind der Schrecken aller Kampfmittelbeseitiger. Sie sind so konstruiert, dass Aceton allmählich einen Zelluloidring zersetzt, der den federgespannten Schlagbolzen hält. Die im großen Umfang sowohl von der britischen als auch von der amerikanischen Luftwaffe eingesetzten Bomben sollten nicht direkt beim Aufschlag, sondern je nach Dicke des Zelluloidrings mit einer Verzögerung von Stunden, manchmal Tagen zünden. Es ging um Zerstörungsmaximierung und Schreckensverlängerung: Lösch- und Bergungsarbeiten sollten behindert werden, und Personen, die nach der Entwarnung aus den Luftschutzkellern hervorkrochen, mussten damit rechnen, dass weitere Bomben detonieren.

          Explosionsgefahr bei der geringsten Verlagerung

          Blindgänger mit Langzeitzünder (die fälschlicherweise auch „Säurezünder“ genannt werden, obwohl Aceton keine Säure ist) sind durch die Alterung heute mitunter noch unberechenbarer als vor sieben Jahrzehnten. Sie können bei der geringsten Verlagerung explodieren. Deshalb werden heute zumindest die amerikanischen Weltkriegsexemplare an Ort und Stelle kontrolliert gezündet. Doch aus das ist sehr gefährlich. Im Sommer 2010 kamen drei niedersächsische Feuerwerker auf dem Göttinger Schützenplatz ums Leben, als eine amerikanische Langzeitzünder-Bombe explodierte, ohne dass einer der Sprengmeister an ihr gearbeitet hätte. Im Sommer 2012 gerieten bei der Sprengung einer der gefährlichen Bomben im Münchner Stadtteil Schwabing Häuser in Brand.

          Nur drei Wochen später hatte dann auch der nordrhein-westfälische Kampfmittelbeseitigungsdienst einen solch brisanten Einsatz zu bestehen: In der Innenstadt von Viersen war ein Baggerfahrer auf eine der gefährlichen Bomben gestoßen und hatte sie auch schon bewegt. Dank der noch umfangreicheren Sicherungsmaßnahmen als in München blieb der Schaden durch die kontrollierte Detonation in Viersen vergleichsweise gering. Die Langzeitzünder-Bombe, auf welche die Kampfmittelbeseitiger am Montagmorgen weitab von Terminals, Hangars und Wohnbebauung im Untergrund des Düsseldorfer Flugfelds gestoßen waren, war ziemlich klein. Gebäude mussten nicht evakuiert werden. Zur Sicherheit schachteten Arbeiter eine mehrere Meter tiefen Grube aus, um die Bombe darin abzudecken und die Auswirkungen der Sprengung so gering wie möglich zu halten.

          Fast jeden Tag ein Fund

          Auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende vergeht kaum ein Tag, ohne dass irgendwo in Deutschland Weltkriegs-Blindgänger gefunden werden. Allein in Nordrhein-Westfale waren es im vergangenen Jahr mehr als 10.000 Bomben, Granaten und andere Sprengmittel. In vielen Fällen werden die zunächst harmlos erscheinenden Altlasten zufällig gefunden. Erst in der vergangenen Woche steckte ein Jogger am Rheinufer in Neuss einen Brocken ein, den er für einen Bernstein hielt. Wenig später entzündet sich der Brocken in der Hosentasche des Mannes – es hatte sich um Überreste einer Phosphor-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gehandelt.

          Spreng-Bomben werden heute in der Regel bei der systematischen Suche des Kampfmittelbeseitigungsdienstes gefunden. Bei Bauvorhaben wie nun am Düsseldorfer Flughafen werten Fachleute Luftbilder aus. Gibt es Verdachtspunkte wie Bombentrichter, überprüfen Entschärfer den Baugrund. Auf dem Gelände des Flughafens in Düsseldorf sind an diesem Dienstag, am Donnerstag und kommenden Montag außerhalb der Flugzeiten weitere Grabungen geplant. Falls weitere Bomben gefunden werden, soll jeweils am späten Vormittag von etwa elf Uhr an entschärft werden, denn in dieser Zeit gibt es vergleichsweise wenige Flugbewegungen in Düsseldorf. Sollten die Kampfmittelräumer allerdings abermals auf Bomben mit Langzeit-Zünder stoßen, müssten sie wie am Montagmorgen umgehend handeln und gefährlichen Altlasten kontrolliert sprengen.

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