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Welterschöpfungstag : Die Ressourcen von morgen gibt es nicht mehr

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Hamburg, Gänsemarkt: Teilnehmer der Klima-Demonstration am Welterschöpfungstag fordern einen nachhaltigeren Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Bild: dpa

Von heute an ist die Erde „erschöpft“: Der 29. Juli 2019 markiert das Datum, an dem die Menschheit global mehr natürliche Ressourcen verwendet hat, als die Erde in diesem Jahr produzieren kann. Es gibt aber auch Kritik an der Kampagne.

          Augenscheinlich unterscheidet den heutigen Tag nicht viel vom morgigen, denn auch morgen wird noch Wasser aus dem Hahn laufen und es werden weiter Bäume im Wald stehen – natürliche Ressourcen also, die unser Überleben auf der Erde sichern. Nach Angaben der Non-Profit-Organisation „Global Footprint Network“ ist das ein fataler Trugschluss. Denn der heutige Tag markiert den Zeitpunkt, zu dem alle Ressourcen aufgebraucht sind, die die Erde innerhalb dieses Jahres wiederherstellen kann. Laut dem Bericht wären 1,75 Erden vonnöten, um dem Ressourcenverbrauch der Menschen im Jahr 2019 auf lange Sicht kompensieren zu können.

          Das „Global Footprint Network“ berechnet seit 1961 jährlich den „Earth Overshoot Day“, im Deutschen auch Welterschöpfungstag oder Erdüberlastungstag genannt. Dieser Tag verschiebt sich von Jahr zu Jahr weiter nach vorne, in diesem Jahr liegt er so früh wie noch nie zuvor, am 29. Juli. „Der Tag steht symbolisch dafür, dass wir über unsere Verhältnisse leben“, sagt Sebastian Scholz, Teamleiter Energie und Klima beim Naturschutzbund Deutschland. Symbolisch deshalb, so Scholz, weil die Menschheit nicht nur bis zum heutigen Tag, sondern permanent das Maß überschreiten würde. Durch die Berechnung des Tages lasse sich mediale und politische Präsenz generieren, die auf die Problematik aufmerksam mache.

          Demonstrationen in Deutschland

          Das Ausmaß des ökologischen Fußabdrucks, auf dem der Welterschöpfungstag basiert, ist von Land zu Land unterschiedlich. So war der Erdüberlastungstag in Deutschland in diesem Jahr bereits am 3. Mai. 2019. „Der globale Erdüberlastungstag verzerrt die Verantwortung und relativiert die Last, die Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern trägt“, sagt Scholz. Filtert man den Ressourcenverbrauch nach Ländern, weisen diese einen großen Unterschied auf. Würden alle Menschen auf der Welt wie in Deutschland leben, würde man den Berechnungen zufolge drei Erden benötigen. Spitzenreiter ist Qatar. Bereits am 11. Februar 2019 hat der Wüstenstaat seine Jahresressourcen aufgebraucht. Hochgerechnet bräuchte man 8,84 Erden, um diesen Bedarf nachhaltig decken zu können.

          Ebenso ermitteln die Forscher des „Global Footprint Network“ auch, wie groß die Fläche eines Landes sein müsste, um die verbrauchten Ressourcen wiederherzustellen. Deutschland würde eine dreifach so große Fläche benötigen. Qatar steht auch ganz oben in dieser Liste und müsste 15 Mal größer sein, um eine nachhaltige Umweltbilanz vorzuweisen.

          In deutschen Großstädten wie Hamburg und Berlin gingen am Nachmittag Umweltschützer auf die Straße, um auf den verschwenderischen Umgang mit den Ressourcen aufmerksam zu machen. „Wir wollen ein Umdenken und schnelles Handeln vorantreiben. Wir können diese Lebensweise auf Kosten der Umwelt und den nachfolgenden Generationen nicht länger fortführen“, sagt Franziska Ostertag, Referentin der Naturschutzjugend. Die Jugendorganisation war auf der Demonstration in Hamburg vertreten.

          Auch auf Twitter rufen internationale Umweltschutzorganisationen unter dem Hashtag #MoveTheDate („Verschiebe das Datum“) zum klimabewussteren Handeln auf. 1970 fiel der Tag noch auf den 29. Dezember des Jahres – zur Jahrtausendwende lag er bereits im September. „Der Erdüberlastungstag muss sich wieder weiter nach hinten schieben, an das Ende des Jahres oder sogar ins nächste Jahr“, so Scholz. „Und ja, das ist realistisch, weil es nötig ist. Die Treibhausgase steigen und zahlreiche Tierarten sterben aus. Man darf jetzt nicht denken: 'nach uns die Sinnflut'“.

          Der ökologische Fußabdruck deckt nicht alles ab

          Der Tag findet auch politische Unterstützung: „Der Erdüberlastungstag ist Anlass für Denkanstöße, gesellschaftliche Debatten und zeigt die Notwendigkeit für politisches Handeln zum Thema Nachhaltigkeit“, sagt Bernd Westphal, SPD-Bundestagsabgeordneter und Sprecher der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Energie. „Bei der Gestaltung von Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Gesellschaft sollten wir uns nicht auf Verbote fokussieren.“ Stattdessen sei es sinnvoll, mit einem innovationsfreundlichen Umfeld in einer Technologieoffensive die Antworten für die globalen Herausforderungen zu suchen.

          Immer wieder wird auch Kritik am Erdüberlastungstag laut. Eine Forschergruppe kam in einer Studie aus dem Jahr 2013 zum Entschluss, dass die verantwortlichen Wissenschaftler vor allem C02-Emissionen zur Berechnung des ökologischen Fußabdrucks einen Landes verwendeten und andere Aspekte außen vorließen. Laut der Forschergruppe würde das Ausmaß der Ressourcenverschwendung so unterschätzt.

          Auch die Wissenschaftler von „Global Footprint Network“ selbst weisen darauf hin, dass in die Berechnungen nicht alle Einflüsse des Menschen auf die Umwelt einfließen. Lediglich die Naturnutzung wird in dem Index berücksichtigt. Entwicklungen wie die zunehmende Luftverschmutzung und die Entstehung von Giftmüll, denen keine biologischen Prozesse zugrunde liegen, werden in die Analyse nicht einbezogen.

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