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Welterbe : „Es ist ein Bilderbuch der Menschheitsgeschichte“

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Der Dom zu Köln gehört seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Bild: dpa

Der Drang zum Titel ist auch bei Natur- und Kulturstätten ungebrochen: Man ist gerne „Welterbe“. Im Sommer wird neu entschieden. Fachfrau Britta Rudolff über die Tücken der Auswahl, den unglücklichen Fall Dresden und künftige Kandidaten.

          Frau Rudolff, was kann alles Welterbe werden?

          Welterbe der Menschheit kann immer nur ein Ort mit einem herausragenden universellen Wert werden; er darf also nicht nur lokal oder regional bedeutsam sein. Man muss sich die Welterbe-Konvention wie ein Bilderbuch der Menschheitsgeschichte vorstellen. Jede Seite darin, jede wichtige Epoche oder Entwicklung wird durch eine Stätte auf der Welt repräsentiert, an der sich der universelle Wert am besten ablesen lässt.

          2012 stehen das Opernhaus Bayreuth als Zeugnis des Barock und das Schloss Schwetzingen als kurfürstliche Sommerresidenz zur Wahl. Welche Vorteile hat ein Welterbe-Titel?

          Finanziell erst mal keine, da die Unesco kein Geld dafür zahlt. Allerdings gibt es andere Quellen für die Erhaltung, in Deutschland etwa ein nationales Förderprogramm für Welterbestätten. Darüber hinaus ziehen Welterbestätten durchaus Investoren an - Firmen wegen des kulturellen Umfelds und touristische Anbieter.

          Ist ein Welterbetitel die Lizenz für mehr Besucher?

          Das erhoffen sich viele. Es hängt jedoch sehr davon ab, was die Titelträger daraus machen. Studien in Deutschland haben gezeigt, dass es in den ersten zwei, drei Jahren nach der Titelvergabe bis zu 40 Prozent mehr Besucher gibt, danach pegelt sich das häufig leicht über dem Ausgangsniveau ein. Es gibt Ausnahmen, wie die Zeche Zollverein in Essen, die ihre Besucherzahl seit Aufnahme 2001 verdoppelt hat. Dort sind die Betreiber sehr rührig und machen viele Aktionen. Dem Mittelrheintal dagegen, das seit 2002 auf der Liste steht, hat der Titel langfristig kaum mehr Gäste gebracht.

          Aber der Drang zum Titel ist offenbar ungebrochen.

          Ja, in Deutschland kann noch bis zum Sommer jedes Bundesland zwei Vorschläge bei der Kultusministerkonferenz einreichen, und soweit ich weiß, gab es allein in Bayern mehr als 30 und in Sachsen und Nordrhein-Westfalen gut zehn Bewerber für die jeweils zwei Plätze. Aber selbst von denen überstehen nicht alle die Experten-Prüfung und kommen auf die Vorschlagsliste für die Unesco. Das Welterbe-Komitee tagt dann einmal jährlich, dort entscheiden 21 Vertreter der Mitgliedstaaten über die Einschreibung - leider nicht immer Fachleute, sondern häufig Vertreter der Botschafter oder Juristen.

          Der Loreleyfelsen bei St. Goar (Rheinland-Pfalz) liegt inmitten des Weltkulturerbegebiets Mittelrheintal.

          Wurde die Titelvergabe auch deshalb in den vergangenen Jahren politischer?

          In der Tat weicht das Komitee immer häufiger von den Empfehlungen der Beraterorganisationen ab. Viele Länder wählen gegenseitig ihre Stätten, selbst wenn diese als nicht reif für die Einschreibung angesehen werden. Darunter waren in den letzten Jahren Lehmdörfer in der Nähe von Riad in Saudi-Arabien, das Altai-Gebirge in der Mongolei oder die Kaffee-Kulturlandschaft in Kolumbien.

          Was fehlte diesen und anderen Stätten?

          In den meisten Fällen war der herausragende universelle Wert nicht zu erkennen, oder die Gutachter waren davon nicht überzeugt. Häufig sind auch Unterlagen schlecht vorbereitet, die Stätten im Land nicht betreut und nicht ausreichend geschützt.

          Wird das Welterbe durch solche politischen Entscheidungen entwertet?

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