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Weltbevölkerung : Baby Six Billion

Adnan Mevic Bild: dpa

Vor zwölf Jahren erklärten die UN Adnan Mevic zum sechsmilliardsten Erdenbürger. Heute lebt der bosnische Junge in Armut. An diesem Montag hat die Weltbevölkerung die Sieben-Milliarden-Grenze überschritten.

          2 Min.

          Der Sechsmilliardste kommt am 11. Oktober 1999 zwei Minuten nach Mitternacht in Sarajevo zur Welt. Adnan Mevic ist das erste Kind in jener Nacht und in jener Stadt, in der es nach Berechnungen der Weltbevölkerungsexperten der Vereinten Nationen (UN) geschehen sollte. Nicht ganz zufällig war im rechten Moment auch Kofi Annan, der damalige UN-Generalsekretär, in Sarajevo, und so gab es nicht nur eine Pressekonferenz, Annan ließ es sich natürlich auch nicht nehmen, die nach einer schwierigen Geburt noch völlig erschöpfte Mutter Fatima im Krankenhaus zu besuchen und das "Baby Six Billion" auf den Armen zu schaukeln. Minister und Generäle überbrachten auch am ersten Geburtstag des Kindes Geschenke, und portugiesische UN-Soldaten sangen sogar ein Lied für Adnan, dessen Bild um die ganze Welt geht.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Später wird Adnans Mutter Fatima wütend sagen, wenn sie gewusst hätte, was sie nach der Geburt ihres Sohns erwarten würde, hätte sie ihre Fruchtblase später platzen lassen. Vom "Patenonkel" Annan ist dem inzwischen zwölf Jahre alten Adnan eine goldene Medaille geblieben - und 100 Euro, die dem "Weltehrenbürger" jeden Monat von der Stadt Sarajevo überwiesen werden.

          Heute lebt die Familie Mevic in dem kleinen Ort Visoko in einer einfachen Zweizimmerwohnung in einem noch immer vom Bosnienkrieg gezeichneten Betonkomplex. Vom einstigen Ruhm des Sohns ist kaum mehr etwas zu erahnen. Der Vater, Jasminko Mevic, der die Seinen mit Gelegenheitsjobs, etwa als Hausmeister eines Kinos oder Kranführer, über Wasser gehalten hatte, ist 48 Jahre alt und schwer an Krebs erkrankt. Die Mutter Fatima, acht Jahre jünger als ihr Mann, pflegt ihn. Würde an diesem Montag nicht nach UN-Berechnungen der siebenmilliardste Erdenbürger geboren und global vermarktet werden, die Welt hätte den Sechsmilliardsten vermutlich längst vergessen.

          Lange ging es der Familie noch besser als den meisten ihrer Landsleute. Erst seit der Vater krank ist, hat sich das Blatt so stark gewendet, dass die Mevic' inzwischen an der Armutsgrenze leben. In Bosnien und Hercegovina heißt das, sie haben noch immer etwas mehr als einen Euro am Tag zum Leben. Noch weniger hat zwar jeder fünfte Bosnier, und die allermeisten der in den vergangenen zwölf Jahren geborenen eine Milliarde neuen Erdenbürger dürften sogar noch wesentlich weniger zur Verfügung haben. Im Jahr des Siebenmilliardsten wäre die bosnische Familie aber dennoch dankbar, der Patenonkel, der angeblich den Namen für sein Patenkind ausgesucht hat, weil Adnan fast wie Annan klingt, würde sich mal wieder melden. So aber beklagen sie, dass sie nicht einmal eine Urkunde von den Vereinten Nationen bekommen hätten, die belege, welch berühmter Erdenbürger in Visoko lebe. Die UN aber sagen, das Ganze sei ja damals nur ein symbolischer Akt gewesen. Inzwischen wollen die Bevölkerungsexperten zudem herausgefunden haben, dass der Sechsmilliardste gar nicht erst am 11. Oktober, sondern schon Mitte Juni 1999 geboren wurde, und selbstverständlich auch nicht in Bosnien, sondern viel wahrscheinlicher irgendwo in Asien.

          Und trotzdem geht es Adnan wesentlich besser als vielen seiner gleichaltrigen Freunde, die ihn um das bisschen Aufmerksamkeit beneiden, das ihm dieser Tage wieder zuteil wird. Denn irgendwie hält die stolze Zahl, die untrennbar mit dem Sohn verbunden ist, die Mevic' auch in schlechten Zeiten über Wasser. Vor allem aus Sarajevo kommt immer mal wieder Hilfe: Kaum hatte das bosnische Fernsehen über die Notlage der Familie berichtet, da wurde Fatima Mevic schon ein Putzjob angeboten. Nun verdient die Mutter knapp 250 zu den 100 Euro monatliches "Stipendium" ihres Sohns dazu.

          Dass sich Kofi Annan oder der neue UN-Generalsekretär Ban Ki-moon nicht öfter bei den Mevic' meldet, liegt vermutlich auch daran, dass die Vereinten Nationen nicht gerade stolz auf ihre damalige Aktion sind. Die Idee, einen Jungen fürs ganze Leben zu zeichnen, indem sein Gesicht und seine Geschichte als Symbol auch für die großen Probleme der Bevölkerungsexplosion herhalten müssen, gilt inzwischen als nicht eben eine gute. Darum verzichteten die UN auch darauf, ein ganz bestimmtes Neugeborenes an diesem Montag zum offiziell siebenmilliardsten Erdenbürger zu erklären.

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