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Weltausstellung 2005 : Fußgänger im Stau vor dem Toyota-Pavillon

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Der japanische Drachen auf der Eröffnungsfeier der Expo 2005 Bild: AP

Das technikverliebte Japan beschwört auf der Expo 2005 die „Weisheit der Natur“. Die Regierung will das Image des Landes aufbessern - und noch eines möchte sie: Vor der Expo 2010 in Schanghai den Rivalen Maßstäbe setzen.

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          Sanft und schnell gleitet der Shinkansen von Tokio nach Nagoya, dicht vorbei an Hochhäusern und Wohnwaben, Großraumbüros und Schlafzimmern. Eintönig fließen Städte ineinander, ein Gewirr aus Einfamilienhäusern, Fabriken, Schloten, aufgeständerten Autobahnen. Über den Dächern wuchern Strom- und Telefonkabel. Hier und da rast der Zug über einen Fluß, der in ein schnurgerades Zementkorsett gezwungen wurde.

          Grau, grau, grau ist der Weg zur „Weisheit der Natur“, zu Japans neuem Themenpark, der Expo 2005. Das Japan der Touristenwerbung - Tempel, Bambus, Zen-Gärten, weite Strände - sieht man auf dieser Reise nicht. Doch Aichi, die Präfektur, die von Nagoya und Toyota regiert wird, beschwört nun aufs neue das verlorene Ideal eines Lebens im Einklang mit der Natur.

          Mythos von der geliebten Natur

          In der üblichen Weltausstellungslyrik schwärmen die Ausstellungsmacher von Symbiose, Harmonie und Koexistenz. Erstes Opfer dieser Koexistenz war ein 173 Hektar großes ehemaliges Naherholungsgebiet, das in eine Kunstlandschaft mit kleinen Seen, Wäldchen und Grünflächen verwandelt wurde. Jenseits des Ausstellungsrummels finden die Besucher hier den Ruhe ausstrahlenden japanischen Garten, die geschwungenen Holzbrückchen, bemooste Steinlaternen und natürlich auch ein Teehaus. Auf Wanderwegen, wie man sie in Japan sonst meist vergeblich sucht, begegnet man nun zweibeinigen Robotern.

          Sumo-Ringer Konishiki winkt bei der Eröffnungsfeier dem Publikum zu

          Der Mythos von der geliebten Natur hält sich hartnäckig, obwohl Japans Modernisierung, sein Wachstum und Wirtschaftswunder, auf ihrem Rücken ausgetragen wurde. Die Städte wucherten, Wälder wurden abgeholzt und durch Monokulturen industriell genutzter Zedern ersetzt, fast alle großen Flüsse mit Staudämmen gebändigt.

          Staatlich finanzierter Vandalismus

          Man kennt das auch von anderen Industrienationen, doch in Japan erscheinen die Fehler besonders kraß: Um die Provinzpolitiker bei Laune zu halten, wurden öffentliche Aufträge mit der großen Gießkanne über das Land verteilt. Es wurden Straßen geteert, die niemand braucht, malerische Küsten zubetoniert. Die Industrie verstand es, die Gewalten der Natur, die Japan wieder und wieder heimsuchen, für ihre Interessen einzuspannen: Wegen der Erdbeben müsse noch stabiler gebaut, wegen der Tsunamis müßten noch höhere Wellenbrecher gelegt werden. Die Exzesse der Bausucht haben inzwischen aber auch Kritiker auf den Plan gerufen, die - nicht zu Unrecht - von staatlich finanziertem Vandalismus sprechen.

          Ein Musterbeispiel dafür, daß es auch anders geht, ist der ganz aus natürlichen Materialien gebaute Japan-Pavillon Nagakute. Eingehüllt in einen Kokon aus Bambus nutzt er fließendes Wasser als natürliche Klimaanlage. Die Wände und Steine der seitlichen Außenhaut sollen nach der Expo wieder der Natur zurückgegeben werden, aus ihnen sprießt noch junges Bambusgras. Die ersten Gäste glauben an Plastik. „Ist das echt?“ Zaghaft recken sich Hände aus der Warteschlange und berühren die lebende Wand.

          Die Peinigung von Mutter Natur

          Langsam gleitet die Schlange der geduldig Wartenden in die Krisenzone, läuft schwankend über optische Unebenheiten und bekommt dann auf fast zweihundert Bildschirmen die Gefahren vorgeführt, die der Menschheit drohen: Klimaveränderung, Gletscherschmelze, Dürre, saurer Regen. Der nächste Erlebnisraum ist ein Zeitraffer, der immerhin von gewisser Selbsterkenntnis zeugt: die Peinigung von Mutter Natur, dargestellt auf sieben Leinwänden anhand der Evolution eines japanischen Dorfes. 1945 liegt das Bächlein noch in einem natürlichen Bett, 1980 ist es nicht mehr zu sehen, fließt in Röhren unter Tage, darüber Hochhäuser. Über dem Bild des Jahres 2000 steht in hellen Lettern: „Erste Anstrengungen zur Entwicklung von Ökokommunen.“

          2000 war auch das Jahr, in dem japanische Naturschützer die Expo-Veranstalter in ihre Schranken wiesen: Der Plan, im anliegenden Kaisho-Wald im Zuge der Weltausstellung eine Wohnsiedlung für 6000 Menschen zu errichten, stieß auch im Bureau International des Expositions (BIE) in Paris auf Mißfallen und wanderte schließlich in den Papierkorb. Generalsekretär Vicente Gonzalez Loscertales zeigte sich erleichtert, daß der Kaisho-Wald durch die Expo statt 47,2 nur noch 10,4 Hektar verlor. In Aichi hört sich die Geschichte heute etwas selbstgefälliger an: Nur 10.000 Bäume seien gefällt oder umgesetzt, der Lebensraum seltener Vögel bewahrt worden.

          Androide im Konzert

          Weisheit hin, Natur her - Japan wäre nicht Japan, würde diese Weltausstellung nicht als Leistungsschau seiner Industrie genutzt. Die Skyline der Expo beherrschen die Tempel der High-Tech-Unternehmen, die das Land groß gemacht haben: Hitachi, Mitsubishi, Toshiba und allen voran Toyota. Asiens größter Autokonzern, der seinen Stammsitz in Aichi hat, ist der eigentliche Gastgeber. Die Olympischen Winterspiele 1998 brachte der inzwischen umstrittene Großunternehmer Tsutsumi nach Nagano, Toyota holte die Expo 2005 nach Aichi.

          Das Verkehrsleitsystem für Ausstellungsbesucher warnt schon am ersten Tag auf dem gesamten Gelände: Stau vor Toyota. Der eigentlich für Fortbewegung auf vier Rädern bekannte Konzern zieht die Massen vor allem mit zweibeinigen Robotern an. Zur Auftaktshow in Toyotas 5000 Quadratmeter großem Areal, einem Rundbau aus Stahl und Papier, warten die Androiden mit einem Konzert auf: Jam-Session mit Tuba und Trompete.

          Mit inneren Werten dagegenhalten

          Der Elektronikgigant Hitachi nebenan hat mit seiner Pavillon-Architektur den Vogel abgeschossen: ein riesiger silberner Würfel, geteilt von einem rot-braunen Canyon, durch dessen Bett ein Wasserfall rauscht. Im Innern erleben die Besucher stille Bergwelt, trockene Savanne, feuchten Regenwald und die Tiefen des Ozeans. Das Besondere: bedrohte Tierarten, virtuell projiziert, zum Anfassen. Mitsubishi läßt bunte Kühe auf dem begrünten Dach eines Schneckenhauses grasen, und unter dem mächtigen Kegel des Fuji verbirgt sich ein Phantasie-Theater.

          Während die japanischen Aussteller mit futuristischer Architektur auf sich aufmerksam machen, können die 122 Gastnationen, die in fabrikartigen Wellblechhallen untergebracht sind, nur mit inneren Werten dagegenhalten. Nicht alle haben ihren Container so minimalistisch belassen wie Deutschland und Frankreich, die sich erstmals eine Behausung auf einer Expo teilen, allerdings mit getrennten Ausstellungen. Ägypten, Thailand und Kambodscha zeigen schon draußen, worauf es ihnen ankommt: Mehr japanische Touristen für Pyramiden, Chiang Mai und Angkor.

          Deutsches Image entstauben

          Österreich und die Schweiz locken mit dem Berg, die Schweizer füllen ihn mit einem unterhaltsamen Sammelsurium von Museumsstücken, die Österreicher lassen auf ihm rodeln. Deutschland dagegen setzt auf dieselbe Karte wie Japans Industrie, verbindet Technik und Wissenschaft mit Spaß. Dafür hat der bayerische Karussellbauer Zierer eine harmlose, aber eindrucksvolle Achterbahn konstruiert, die in einer dunklen, felsigen Höhle - mit Kulissen aus den Babelsberger Filmstudios - beginnt. Sechs Passagiere durchleben in einem „Wassertropfen“ aus Plexiglas die tobenden Elemente. Der Tropfen - neudeutsch „Experience Drop“ genannt - gleitet durch die Erdschichten, wird eins mit Flüssen und Meer und gondelt zu guter Letzt an Neuschwanstein, Loreley und Berlin vorbei.

          Nebenbei erfahren die Passagiere etwas darüber, wie sich die Technik die Beobachtung der Natur bei der Entwicklung von High-Tech-Produkten zunutze macht. Als Beispiele dienen ein Schwimmanzug, dessen Oberflächenstruktur der widerstandsarmen Haifischhaut abgeschaut ist, und ein Speichenrad für BMW-Motorräder, bei dessen Konstruktion sich die Ingenieure von einer geschwungenen Astgabel inspirieren ließen. Zum Schluß hebt ein Roboter den Tropfen in ein Labor, in dem die Eindrücke der sechsminütigen „Reise“ plastisch vertieft werden. Beim Rundgang wird die „deutsche Führungsrolle in der Bionik“ erklärt, natürlich steckt dahinter das Ziel, durch diesen Expo-Beitrag das deutsche Image zu entstauben. Kostenpunkt: 13 Millionen Euro.

          „Denn süß geht immer

          Die deutsche Gaststätte dagegen setzt ganz unbefangen auf das, was die meisten Japaner wirklich mit Deutschland verbinden, und höchstwahrscheinlich liegen die expoerprobten Messegastronomen Angerer&Obermayr damit richtig: „deutsche Gemütlichkeit“. Wandvertäfelung, Tische und Stühle sind aus dunklem Holz, und damit das nicht zu trist wirkt, ließ Prinz Luitpold von Bayern, dessen Weißbier in dieser Kneipe ausgeschenkt wird, große farbenfrohe Gemälde an die Wände hängen. Die Motive sind Wagner-Opern entnommen, gemalt von einem Budapester Bühnenbildner.

          „Das läuft bei den Japanern, die wollen so was“, sagt Gerhard Obermayr, der Wirt aus Eschenried. Er hofft auf 600 Gäste am Tag und sorgt sich nur ein wenig um die weibliche Kundschaft, die erfahrungsgemäß kein Bier bestellt und die kleinen Portionen bevorzugt. Auf der Speisekarte stehen natürlich Bratwürste, Kaßler, Sauerkraut. Und Blechkuchen, Zwetschgen vor allem: „Denn süß geht immer.“ Ihr Restaurant müssen Angerer&Obermayr wahrscheinlich nicht mehr mit nach Hause nehmen. Zwei japanische Wirte haben schon Interesse an der Einrichtung angemeldet.

          Japanische Zurückhaltung

          Gastronomisch hatten die Deutschen den Mut zum Klischee schon 1970 in Osaka, der ersten und bis Freitag einzigen Weltausstellung in Asien. In einem weißblauen Bierzelt wurden unter bayrischen Klängen deutsche Rustikalkost und frischgezapftes Bier serviert. Das kam an - ganz im Gegensatz zu den Kompositionen Stockhausens im deutschen Pavillon, die nur einen kleinen Kreis von Kennern erreichten. Vor 35 Jahren kam der Bauer aus Kansai auf die Expo nach Osaka, um in den Hallen der Nationen die Luft der großen weiten Welt zu schnuppern.

          Inzwischen reisen Japaner nicht nur in alle Winkel der Erde, sie können in ihrer Heimat auch so gut wie alles Ausländische kaufen. Zur legendären Expo von Osaka kamen 65 Millionen Besucher. In Aichi wird man froh sein, wenn 15 Millionen Karten verkauft sind. Nicht nur der Rückblick auf Hannover und Lissabon, wo man sich kräftig verkalkuliert hatte, erklärt die japanische Zurückhaltung, sondern auch die Sättigung einer wohlhabenden Industrienation.

          Kein Erwartungstaumel

          Der vergängliche Themenpark von Natur, Technik und 122 Nationen in Aichi hat dauerhafte Konkurrenz im eigenen Land. In der Nachbarschaft liegen die Universal Studios, nahe Tokio gleich zweimal Disneyland, jede Menge Freizeitparks, die sich Regionen, Ländern, Tieren oder Comicfiguren widmen. Und nach drei Olympischen Spielen und einer Fußballweltmeisterschaft versetzt auch eine Expo das Volk nicht mehr in Erwartungstaumel. Was nicht heißt, daß die Gäste ausbleiben, denn Neues, zumal verspielte Technik, findet hier immer Anklang.

          Für die Regierung in Tokio ist Aichi ein wichtiges Prestigeprojekt. Die Welt soll nach miesen Wirtschaftsjahren wieder beeindruckt auf Japan, auf die Höchstleistungen seiner Industrie blicken. Viele Staatsbesucher haben sich angesagt, gleich zu Beginn kommt Frankreichs Staatspräsident Chirac, kurz darauf der deutsche Bundespräsident Horst Köhler. Vor der nächsten großen Expo 2010 in Schanghai will Japan noch einmal Maßstäbe setzen. Den aufholenden Nachbarn und Rivalen wird dies nicht verborgen bleiben. Die langhaarige Roboterdame am Informationsstand der Aichi-Expo ist schon auf Zukunft programmiert: Neben Japanisch und Englisch kann sie auch auf chinesisch den Weg weisen.

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