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Landesausstellung : Als das Welfenross von Hannover nach London sprang

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Teile der britischen Kronjuwelen sind in der Landesausstellung in Hannover zu begutachten: Hier die Arbeitskrone von Georg I. Bild: dpa

Vor 300 Jahren regierten Welfen das Britische Weltreich in Personalunion: Mit zahlreichen Kostbarkeiten widmen sich gleich 5 Museen in Hannover der Zeit, als deutsche Kurfürsten auf dem britischen Thron saßen.

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          Auf der Medaille, die vergrößert im Niedersächsischen Landesmuseum gezeigt wird, steht oben auf Latein: „Es kommt ein Würdiger zu den in einer anderen Welt lebenden Briten“, unten „Eine Welt allein ist nicht genug“. In der Mitte springt das Welfenross von Hannover nach London. Dieser Sprung vor 300 Jahren ist Anlass für die größte Ausstellung, die Niedersachsen jemals ausrichtete. 1714 begannen jene 123 Jahre, in denen Hannover und Großbritannien in einer Personalunion vom gleichen König regiert wurden. Deutsche Kurfürsten wurden zu Herrschern eines Weltreichs.

          Bis 1837 wurde die britische Gesellschaft und Nation geprägt von Hannover. Das reichte von der Architektur und Gartenkunst über die Pressefreiheit bis zur Verfassungsordnung. Selbst das klassenübergreifende Teeritual festigte sich damals. Die Hannoveraner Epoche wird seit Monaten gefeiert mit dem Höhepunkt am Wochenende: In gleich fünf Museen wurden Ausstellungen eröffnet, bestückt mit der größten Ausleihe, welche die britische königliche Sammlung jemals außer Landes gab. Beim Festgottesdienst in der hannoverschen Marktkirche mit dem Bischof von London ahmten Knabenchor und das Hilliard-Ensemble die Krönungsmesse so nach, wie sie Georg I. vor 300 Jahren am 20. Oktober in Westminster Abbey erlebte. Derweil erreichte eine Kutsche auf der gleichen Strecke, die der Kurfürst damals nach London nahm, nach 16 Tagen den St. James’s Palast und den Kensington Palace.

          Vor allem in zwei der fünf Museen und Schlösser sind nun viele der Kostbarkeiten des Landes zu sehen, die sonst in Tresoren lagern. Im Schloss Herrenhausen steht jetzt nicht nur die erste funktionierende Rechenmaschine der Welt, vom Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz entworfen, dort befindet sich auch die Wallmoden-Sammlung, die seit 1818 nicht mehr zusammen gezeigt wurde. Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn, ein illegitimer Sohn von Georg II., hatte in Herrenhausen Kunstwerke zusammengetragen, die seine Nachkommen aber wieder versteigerten. Dazu zählen neben 50 Gemälden als Kern 50 antike Skulpturen, die überwiegend in Göttingen verwahrt werden als Leihgabe des Eigentümers, des Erbprinzen Ernst August von Hannover.

          Britischer Einfluss ist noch heute bemerkbar

          Noch Prachtvolleres stellt das Landesmuseum aus. Geworben wird mit der Königskrone von Georg I., die sonst im Londoner Tower verwahrt wird. Die Krone ist allerdings nur eine Kronkarkasse. Sie war nicht jene, mit der Georg gekrönt wurde, sondern seine „Arbeitskrone“, die er etwa zu Parlamentseröffnungen trug. Zudem hat sie keine Steine mehr, Königin Victoria ließ sie entfernen und in die jetzige leichtere Königskrone einsetzen. Zu sehen ist auch der Goldene Brief, den ein burmesischer König Georg II. 1756 sandte. Erstmals wird das in Gold gestanzte Schreiben länger als nur einen Tag ausgestellt – es könnte in absehbarer Zeit zum Weltkulturerbe werden. Einen Raum weiter steht ein Kronjuwel der Astronomie, das Spiegelteleskop des britischen Hofastronomen Wilhelm (William) Herschel aus Hannover von 1785. Es wird in der von Georg II. nach Vorbild von Cambridge und Oxford gegründeten Göttinger Universität verwahrt, wo 1762 der erste Lehrstuhl für Englisch überhaupt errichtet wurde.

          Der britische Botschafter Simon McDonald wie auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil wiesen darauf hin, wie nachhaltig und eng die Beziehungen zwischen Niedersachsen und Großbritannien waren und sind, auch wenn 2015 mit dem Abzug der letzten britischen Truppen aus Bergen-Hohne eine weitere Epoche enden wird. Den Grundstein, auf den Niedersachsen seinen Wohlstand baut, haben auch britische Offiziere in der unmittelbaren Nachkriegszeit gelegt – vom Wiederaufbau des Volkswagenwerks bis zur Gründung der Deutschen Messe. In jenen „britischen“ Jahren war Hannover eine Gründungsstätte deutscher Pressevielfalt – hier wurden die Magazine „Spiegel“ und „Stern“ gegründet, die später nach Hamburg umzogen.

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