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Nach Belästigungsvorwürfen : Wie der Weiße Ring seinen Ruf retten will

Unter Zugzwang: Roswitha Müller-Piepenkötter, Bundesvorsitzende des Weißen Rings Bild: obs

Nach den Anschuldigungen gegen einen Mitarbeiter will der Weiße Ring das Vertrauen hilfesuchender Opfer zurückgewinnen – und lässt Erstgespräche künftig von Frauen betreuen.

          Der Weiße Ring will helfen. Und zwar Menschen, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind. So steht es auf seiner Internetseite. Doch muss sich der Weiße Ring nun selbst gegen Vorwürfe wehren, die Frauen in Lübeck erhoben haben. Ein Helfer soll in der Hansestadt zum Täter geworden sein. Der Weiße Ring kämpft um seinen Ruf.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Ihren Anfang genommen hat die Geschichte vor einigen Tagen. Da wurden in den „Lübecker Nachrichten“ und im „Spiegel“ Geschichten veröffentlicht über einen Mitarbeiter des Weißen Rings. Ein pensionierter Polizist, der viele Jahre und bis vor kurzem Leiter der Außenstelle in Lübeck war. In den Berichten wurden Vorwürfe gegen ihn laut, mehrere hilfesuchende Frauen beschwerten sich. Der Mann soll sie bei der Beratung sexuell belästigt haben. Zudem wurde berichtet, dass es schon vor Jahren Hinweise auf das auffällige Verhalten des Mitarbeiters gegeben habe. Der Mitarbeiter selbst bestreitet die Vorwürfe. Dem NDR sagte er: „Es ist absurd – das sind wirklich widerliche Vorwürfe, die mich doch ausgesprochen verletzen und auch belasten.“

          Immer mehr Anzeigen wurden bekannt

          Doch die Geschichte nahm schnell ihren Lauf. Gleich am Wochenende traten der Landesvorsitzende des Vereins und sein Stellvertreter zurück. Dann wurden immer mehr Anzeigen von Frauen gegen den Mitarbeiter bekannt – schließlich zeigt ihn der Weiße Ring selbst an. Der Innenminister Schleswig-Holsteins, Hans-Joachim Grote (CDU), forderte Aufklärung. Der Ruf der Opferhilfeorganisation stehe auf dem Spiel, sagte er. Das Landeskriminalamt untersucht den Fall.

          Für den Weißen Ring ist die Geschichte gefährlich, braucht er für seine Arbeit doch gerade das Vertrauen von Menschen, die verletzt, missbraucht oder verraten worden sind. Etwa 3000 ehrenamtliche Mitarbeiter hat der Verein. Die Bundesvorsitzende Roswitha Müller-Piepenkötter sagte sogleich, das „mutmaßliche massive Fehlverhalten“ des Mitarbeiters „erschüttert uns sehr“. Man bedaure das Leid, das den Frauen zugefügt worden sei. Das Fehlverhalten eines Einzelnen drohe einen Schatten auf die Arbeit aller ehrenamtlichen Mitarbeiter zu werfen. Den Rückzug des Landesvorsitzenden in Schleswig-Holstein begrüßte sie. Und sie kündigte zudem eine außerordentliche Sitzung des Bundesvorstands an, um Konsequenzen aus dem Fall zu ziehen.

          Am Donnerstag wurden diese nun bekannt. Die Führung des Weißen Rings hat einen Maßnahmenkatalog beschlossen. Künftig soll es dem Bundesvorstand möglich sein, im Notfall am Ort einzugreifen und Mitarbeiter zu suspendieren. Auch einen unabhängigen Ansprechpartner für Beschwerden soll es geben. Vor allem aber soll die Hilfe für die Opfer geändert werden: Künftig werde das Erstgespräch mit Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, „standardisiert von einer Opferhelferin“ betreut, teilte der Verein mit. Sollte dies nicht möglich sein, müssten mindestens zwei männliche Helfer anwesend sein. Schreckliche Ereignisse wie in Lübeck dürften sich nicht wiederholen, sagte Müller-Piepenkötter. Doch dürfte die Geschichte für den Weißen Ring damit noch nicht zu Ende sein.

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