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Weihnachtsmarkt gestrichen : Kampf gegen den „König der Schausteller“ von Paris

Abgedreht: Das Riesenrad auf der Place de la Concorde soll auch verschwinden. Bild: AFP

Als ginge es ums Überleben: Frankreichs Hauptstadt streicht ihren Weihnachtsmarkt auf den Champs-Elysées – und auch das Riesenrad auf der Place de la Concorde wird nun wohl zum letzten Mal aufgebaut. Wie konnte es so weit kommen?

          „Wo Jahrmarkt ist, ist pures Leben“ – diesen weniger bekannten Satz des vielseitigen Gelehrten Pythagoras zitieren Schausteller gerne, um auf den kulturellen Wert ihres Gewerbes hinzuweisen. In Paris ist nun ein Streit entbrannt, der auch dem prallen Leben entstammt – denn Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat sich entschieden, die Bande zum französischen „König der Schausteller“, Marcel Campion, zu kappen. Eine Folge davon bekommen die Touristen bald zu spüren: Der Weihnachtsmarkt auf den Champs-Elysées ist gestrichen, und das Riesenrad auf der Place de la Concorde wird in diesem Jahr voraussichtlich zum letzten Mal aufgebaut.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nicht nur die Touristen sind von dem Streit betroffen. In der vergangenen Woche verlangsamten die Schausteller mit ihren Lastwagen aus Protest den Verkehr im Großraum Paris, so dass sich die Autos auf Hunderten von Kilometern stauten.

          Vordergründig betrifft die Auseinandersetzung zwei Komplexe. Der eine ist der seit 2008 am unteren Ende der Champs-Elysées stattfindende Weihnachtsmarkt. „Die Qualität stimmte einfach nicht mehr“, sagt eine Sprecherin von Anne Hidalgo, „sie konnten dort selbst Plastik-Handytaschen aus China finden“. Daher entschied der Stadtrat im Juli einstimmig, den Vertrag mit dem Betreiber Campion nicht zu verlängern. Zumindest unter den Parisern weinen in der Tat nur Wenige dem Markt eine Träne nach. In den weiß gestrichenen Chalets gab es meist nur Allerwelts-Ware bei sehr begrenzter Weihnachtsstimmung.

          Als ginge es ums Überleben

          Der Schaustellerkönig Campion wies dagegen daraufhin, dass die Chalet-Betreiber von der Stadtverwaltung einzeln genehmigt werden mussten. Zudem verzichte die Stadtverwaltung nun auf 700.000 Euro Miete. Seine Investitionen von fünf Millionen Euro in die Versorgung mit Strom und Trinkwasser seien verloren, und 2000 Arbeitsplätze sowie Einnahmen von 4,5 Millionen Euro würden im Handstreich vernichtet. Man beleidige Millionen von Besuchern, wenn man dem Weihnachtsmarkt „mangelnde Qualität“ abspreche. „Ich bin mir sicher: Vor Gericht setzen wir durch, dass der Weihnachtsmarkt doch stattfindet“, sagte Campion.

          Marcel Campion vor der „Galeries Lafayette“ in Paris

          Der Mann kämpft eine Schlacht, als ginge es um sein Überleben. Dabei ist der Unternehmer-Patriarch in Paris bestens vernetzt. Er betreibt Jahrmärkte und Restaurants und ist Vorsitzender des französischen Schaustellerverbands. Als die Stadt Paris vor einigen Jahren mit öffentlichen Ausschreibungen begann, wagte es oft niemand, gegen Campion anzutreten. Seine Gegner werfen ihm Mafia-ähnliche Methoden und Verbindungen ins zwielichtige Milieu vor. Vor einigen Jahren fand die Polizei einen Revolver vom Typ 357 Magnum in seinem Auto. Laut Campion diente er der Selbstverteidigung. Sein Bruder war kurz zuvor zu Hause brutal von einer Einbrecherbande überfallen und ausgeraubt worden. Campion rief die Bürger danach zur Gegenwehr auf, schrieb eine Belohnung aus und installierte auf einem Dorfplatz zur Warnung einen elektrischen Stuhl, auf dem er eine Puppe verbrannte.

          „Ich bin Opfer eines Rassismus gegen das fahrende Volk“

          Heute laufen gegen Campion Untersuchungen wegen Scheinbeschäftigung, Unterschlagung und Steuerhinterziehung. Doch er gibt sich gelassen. „Ich hatte in 35 Jahren mehr als 40 Steuerprüfungen, in Polizeigewahrsam war ich rund 50 Mal. Es blieb außer zwei bis drei Kleinigkeiten nie etwas hängen. Ich bin Opfer eines Rassismus gegen das fahrende Volk“, sagte er einmal. Hinter den jüngsten Konflikten vermutet er den Milliardär und Großaktionär des Luxuskonzerns LVMH, Bernard Arnault, der im Bois du Boulogne einen eigenen Vergnügungspark aufziehen will.

          Campion ist Spross einer Schaustellerfamilie, der als Waisenkind aufwuchs. Von jungen Jahren an arbeitete er sich im Jahrmarkt-Gewerbe nach oben. Lange Zeit genoss er höchste politische Protektion durch die Pariser Bürgermeister, zumal er auch sympathisch als Gitarrist im Stil eines Django Reinhardt auftreten kann. Erst als er eine Nähe zu Führungsfiguren des Front National entwickelte, kühlte sich das Verhältnis ab.

          Die jahrelange Begünstigung Campions rückt indes auch die Stadtverwaltung in schiefes Licht – zur Günstlingswirtschaft gehören immer zwei. Seit Freitag ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen die Stadt Paris. Dabei geht es um Campions Riesenrad auf der Place de la Concorde. Seit 1993 steht es dort zwischen Herbst und Frühjahr. Laut Rechnungshof häuften sich seit 2010 etliche „Unregelmäßigkeiten“ zugunsten Campions. Am 20. November will der Stadtrat über eine Kündigung des Vertrags von 2018 an abstimmen. Die Begründung: Das Rad verschandle die historische Architektur des Platzes und entspreche nicht den Ansprüchen einer Weltstadt. Ein neues Rad könnte durchaus aufgestellt werden, doch an einer anderen Stelle, sagte eine Sprecherin der Stadt.

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