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Weihnachtslotterie in Spanien : Die Krise mästet den Dicken

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Die Glücksnummern werden gesungen

Die Weihnachtslotterie ist ganz im Sinne der Solidarität und des Schenkens eine gemeinschaftliche Unternehmung. Die Soziologen des staatlichen Statistikamtes sprechen sogar von einem Beweis für den "gesellschaftlichen Zusammenhalt". Mancher Schuhputzer, Portier oder Friseur bekommt mit dem Jahrestrinkgeld ein Zehntel. Drei Viertel der Spanier spielen nicht für sich allein, sondern im Familienverbund, unter Freunden oder Arbeitskollegen. Nur die Unternehmen, die in diesem Dezember laut über ihre Einnahmen jammern, lassen sich lumpen und haben ihre Lospräsente für die Angestellten ebenso zurückgefahren wie den Inhalt der Geschenkkörbe.

Der besondere Charme der Ziehung, die von neun Uhr früh an das Land vor dem Fernseher bannen wird, besteht darin, dass die Glücksnummern gesungen werden. Das besorgen die Waisenkinder der Madrider San-Ildefonso-Schule, die damit weit mehr aufmerksame Hörer haben als Plácido Domingo, Josep Carreras und Montserrat Caballé an ihren besten Tagen zusammengenommen.

Peseta klang hübscher als Euro

Sobald eine der Holzkugeln aus der Trommel fällt, geben Jungen und Mädchen in animierendem Singsang das Ergebnis bekannt. Im Vorjahr zum Beispiel: "55469 eineinhalb Millionen Euro". Puristen beklagen an dieser Stelle noch immer den Verlust der Peseta. Denn erstens habe das Wort besser geklungen als Euro und zweitens sei es viel mehr Geld gewesen: in diesem Fall mehr als 250 Millionen in der alten Währung.

Als der Dicke, die älteste Weihnachtslotterie Europas, im Jahr 1812 ins Leben gerufen wurde, kostete das Los noch vierzig Reales, und der Hauptgewinn waren 8000 "harte Peseten". Damals, die Chronisten mögen sich nicht genau auf ein Datum festlegen, wurden auch zum ersten Mal gegen Entgelt die Waisenkinder unter Vertrag genommen, die bis dahin nur auf Hochzeiten, Beerdigungen und Karfreitagsprozessionen zum Zuge gekommen waren. Die San-Ildefonso-Schule war als Wohltätigkeitsorganisation schon im Madrid des 15. Jahrhunderts eingerichtet worden, als noch die Katholischen Könige herrschten. Spaßvögel nannten sie fortan die "erfolgreichsten Steuereintreiber" des Reiches. Aber auch in der modernen parlamentarischen Monarchie denkt niemand daran, ihr musikalisches Lotteriemonopol anzufechten.

Chancen: 1 zu 85.000

Die Sänger aus den zerrütteten Familien und der Dicke überdauerten mit nur einer kurzen Zwangspause während des Unabhängigkeitskriegs gegen Napoleon. Während des Bürgerkriegs in den dreißiger Jahren gab es sogar zwei Ziehungen: auf Seiten der Franquisten und der Republikaner. Seit 1939 singen die Kinder wieder vereint, und in diesem Jahr sind wieder nicht nur Spanier dabei, sondern auch elternlose Ausländer, zum Beispiel aus Marokko, Weißrussland und Lateinamerika. Die kleine Eliana aus Ecuador sang vor drei Jahren als Erste die Glückszahl des Dicken, wurde daraufhin aber nicht adoptiert.

Die Gewinnaussichten sind in jeder der Drei-Millionen-Euro-Serien des Zwei-Milliarden-Pakets etwa 1 zu 85.000. Das halten viele Spanier zurzeit für reizvoller als etwa Automobilaktien. Was würden sie nun mit einem Hauptgewinn anfangen? Ein Zehntel würde sich mit einem erfolgreichen Zehntel ein Sabbatjahr gönnen und pausieren. Ein Viertel gab an, ein Geschäft oder eine Bar aufmachen zu wollen, obwohl Madrid allein schon mehr Bars hat als alle skandinavischen Länder zusammen. Drei Viertel würden einfach weiterarbeiten und vor allem ihre Hypotheken abbezahlen. Da ist dann plötzlich doch noch ein Hauch von Krisenbewusstsein.

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