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Weihnachten in Lappland : Zu Besuch bei Santa Claus

Und nebenan wohnt der Weihnachtsmann: In Rovaniemi steht zumindest das Haus vom Joulupukki, wie Santa Claus in Finnland genannt wird Bild: Sebastian Reuter

Nach einem Besuch im Weihnachtsmann-Dorf Rovaniemi in Lappland weiß man am Ende nicht mehr, woran man eigentlich glauben soll. Eine Reise zwischen Legende und Kommerz.

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          Eigentlich hat Moritz Enninger nie an den Weihnachtsmann geglaubt. Doch nun sind seine Hände trotz einer Außentemperatur von minus zwölf Grad ein wenig feucht, seine Füße stehen nicht still. Da unterscheidet sich der Student aus Hamburg nicht allzu stark von dem kleinen Jungen ein paar Meter vor ihm. Eine gewisse Aufregung ist ihnen anzusehen.

          Moritz Enninger steht mitten in einem hell erleuchteten Dorf im Norden Finnlands vor einer großen Holzhütte. Glitzernd geschmückte Tannen ragen aus einem halben Meter Schnee, Eiszapfen hängen von den Dächern, überall ist leise Weihnachtsmusik zu hören. Eine blaue Lichterkette über den Köpfen markiert den Verlauf des Polarkreises, neben dem Haus steht ein Rentierschlitten bereit. Dann bittet ihn ein Elf hinein. Enninger wird nun den Weihnachtsmann treffen.

          Bis zu seinem zehnten Lebensjahr legte bei dem Dreiundzwanzigjährigen zu Hause das Christkind die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, danach waren die Eltern dafür zuständig. „Für mich war der Weihnachtsmann immer eine andere Bezeichnung für den Nikolaus“, sagt Enninger. Doch dann sitzt er auf einmal da. Der womöglich wirklich leibhaftige Weihnachtsmann. Seit 1985 empfängt er jedes Jahr Tausende Kinder, Touristen und Weihnachts-Fans aus der ganzen Welt in seinem Wohnzimmer direkt am Polarkreis am Rande der Stadt Rovaniemi.

          Radiomoderator schenkt Rovaniemi den Weihnachtsmann

          Eine riesige Weltkarte hinter ihm an der Wand hängend, sitzt der Mann, eingepackt in seinen roten Mantel, in einem Schaukelstuhl aus Holz, heißt seine Gäste willkommen und lädt sie ein, sich neben ihm zu setzen. Seine Stimme ist nicht so tief wie erwartet, seine Fülle und sein weißer Rauschebart aber sind enorm. In der Hand hält der alte Mann noch den Wunschzettel des kleinen Jungen, der ihm das Papier kurz zuvor mit schüchternem Blick auf den Boden übergeben hat. Mehr als 100.000 Briefe, Wunschzettel und Postkarten erreichen jedes Jahr das offizielle Postamt des Weihnachtsmanns. Und ungefähr genauso viele werden dort in Rovaniemi auch wieder abgegeben, um, von den Elfen sortiert und gestempelt, wieder pünktlich zum 24. Dezember um den ganzen Erdball geschickt zu werden.

          Vielleicht der einzig Wahre: der Weihnachtsmann aus Rovaniemi

          Dass die Heimat des Weihnachtsmanns in Lappland liegt, ist einer Geschichte zu verdanken, die der finnische Radiomoderator Markus Rautio 1927 erzählte. Demzufolge traf ein Wanderer in einer kalten Winternacht am Fuße des Bergs Korvatunturi an der finnisch-russischen Grenze auf den Weihnachtsmann. Der erklärte, er lebe und arbeite mitsamt seinen Elfen, Wichteln und Rentieren in diesem Berg, der wie ein Ohr geformt sei, damit er die Wünsche aller Kinder hören und erfüllen könne. Weil sich allerdings im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Menschen auf die beschwerliche Reise in die hinterste Ecke Lapplands machten, um an dem Berg nach dem Weihnachtsmann zu suchen, wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kurzerhand das gut 250 Kilometer südwestlich gelegene Rovaniemi zur zweiten Heimat von Santa Claus ernannt. Zwar gehen in den verschiedenen Teilen der Welt die Vermutungen über die Herkunft und den Wohnort des Weihnachtsmanns auseinander. Doch in Europa hält sich nach wie vor die Annahme, dass sich der alte Mann aus logistischen Gründen die meiste Zeit des Jahres in der größten Stadt Lapplands auf das Weihnachtsfest vorbereitet. Außerdem findet er nun seit mittlerweile fast 30 Jahren auch noch die Zeit, täglich von zehn bis 17 Uhr mit Besuchern zu plaudern.

          Zwischen Legende und Kommerz

          Als der Weihnachtsmann im Gespräch erfährt, dass Moritz Enninger aus Hamburg kommt, antwortet er auf Deutsch: „Das ist eine wirklich schöne Stadt! Ich hoffe, ihr hattet eine gute Reise.“ Warum er so gut Deutsch könne, fragt Enninger, und Santa Claus sagt, er müsse alle Sprachen der Welt ein bisschen sprechen können. Wie zum Beweis wünscht er daraufhin eine Frohe Weihnacht auf Japanisch: „Shinnen omedeto!“ Der Student ist beeindruckt, doch überzeugt ist er noch nicht. Zu häufig hat er in Deutschland schon schlecht verkleidete Männer als Santa Claus oder Nikolaus über Weihnachtsmärkte und durch Kaufhäuser stiefeln sehen.

          Und auch in Rovaniemi lassen ihn vor allem die Zustände draußen vor der Tür daran zweifeln, wie viel von der Geschichte des Weihnachtsmanns noch Legende und wie viel schon Kommerz ist: Unzählige Souvenirläden und Restaurants hoffen im „Santa Claus Village“ auf Besucher; mehrere Hotels in der Umgebung werben damit, dass man den Weihnachtsmann in ihrer Lobby antreffen könne. Darüber hinaus ist es normalerweise nicht erlaubt, den Weihnachtsmann zu fotografieren – ein Bild im Arm von Santa Claus kann im angeschlossenen Santa-Shop für 25 Euro gekauft werden. Auch der Weihnachtsmann müsse schließlich Geld verdienen, um seine Mitarbeiter bezahlen und die Rentiere füttern zu können, sagt der Elf im Foto-Center trocken.

          Wiedersehen an Weihnachten

          Doch im Allerheiligsten des Weihnachtsmann-Dorfs scheinen trotzdem ein paar leuchtende Kinderaugen noch etwas wertvoller zu sein als einige schnell verdiente Euro. Knipst ein Familienvater einen Schnappschuss von seinen Töchtern auf dem Schoß des Weihnachtsmanns oder fragt die Studentin aus Luxemburg schüchtern, ob sie kurz ihr iPhone für ein Foto zücken darf, zeigt sich Santa Claus gern mal generös und sagt beschwichtigend in Richtung des Elfen mit der Kamera, dass das schon in Ordnung sei.

          Moritz Enninger hat sich schließlich doch noch mit dem Weihnachtsmann fotografieren lassen. Als sich die beiden zum Abschluss freundlich voneinander verabschieden und Enninger ihm alles Gute wünscht, sagt der alte Mann, sie würden sich doch schon bald wiedersehen. Wann das denn sein solle, fragt der Student etwas verwirrt. „An Weihnachten natürlich“, antwortet Santa Claus. Und Moritz Enninger weiß für einen Moment nicht, woran er eigentlich glauben soll.

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