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Weihnachten in China : Regierung gibt dem Konsumismus ihren Segen

Wieder decken sich Chinesen in Hefei mit „Made in China” ein Bild:

Auch Länder, in denen das Christentum sonst nicht viel gilt, feiern Weihnachten. In China landen etwa viele Weihnachtsprodukte, die zu mehr als zwei Dritteln ohnehin „Made in China“ sind, auch vermehrt in chinesischen Auslagen.

          Die Frau aus der zentralchinesischen Stadt Taiyuan ist sich nicht sicher, was Weihnachten mit dem Christentum zu tun haben könnte. Sie findet das Fest einfach lustig. Gerade will sie ein Weihnachtsgeschenk für ihre Tochter erwerben. Es ist eine Schneekugel mit einem Pinguin aus Plastik darin. Sie ist in ein Shoppingcenter an der Pekinger Ladenmeile Wangfujing zum Einkaufen gekommen, einer der Orte in China, an denen seit den achtziger Jahren der Kapitalismus wieder blüht. Wie in den westlichen Ländern hat auch der chinesische Einzelhandel die Anziehungskraft des Weihnachtsfestes auf die Konsumenten entdeckt. An der Wangfujing stehen Tannenbäume und Weihnachtsmänner aus Plastik. Die Pekinger Zeitungen geben Shoppingtips. In den Luxushotels werden teure „Christmas Dinners“ veranstaltet.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Das alles gehört zum „Sozialismus chinesischer Prägung“, den sich die Führung seit der Reform- und Öffnungspolitik verordnet hat. Heute sind nicht mehr nur Mao, Deng und der fleißige Soldat Lei Feng die Ikonen in der Volksrepublik. Nun gehört auch Shengdan Laoren dazu, der alte Weihnachtsmann. Das Weihnachtsfest wird auch nicht mehr nur von den 50 bis 80 Millionen Christen im Land gefeiert. Vor allem die neue Mittelschicht wagt den Schritt vom Kommunismus zum Konsumismus. Chinesen gehen in den Weihnachtstagen zwar zur Arbeit, doch danach verabreden sich viele zum Essen oder Tanzen. Für die meisten ist es aber nicht viel mehr als ein romantisches und etwas schrulliges Fest aus dem Ausland.

          Bedeutung wie in Europa

          Der Einzelhandel sieht Weihnachten deshalb eher als Startschuss für das noch wichtigere Geschäft zum chinesischen Neujahrsfest an, das Ende Januar seinem Höhepunkt entgegengeht. Die Regierung gibt ihren Segen, weil sie den Konsum ankurbeln will. Daher landen viele Weihnachtsprodukte, die zu mehr als zwei Dritteln ohnehin „Made in China“ sind, auch vermehrt in chinesischen Auslagen. Zum unbefangenen Umgang mit Weihnachten gehört aber auch, dass die Dekoration in Einkaufszentren und Restaurants oft noch im Frühjahr hängen wird. Die Chinesen bewahren sich eben ihr oberflächliches Verhältnis zu dem Fest. Den christlichen Kern ignorieren sie. Schließlich propagiert auch die Führung einen offiziellen Staatsatheismus. Sie erlaubt die Religionsausübung, möchte sie aber möglichst unter Kontrolle halten. „Weihnachten hat in China nicht die Bedeutung wie bei euch“, sagt eine Wanderarbeiterin aus der Provinz Hubei, die Christin ist. „Bei euch ist es mehr wie unser Neujahrsfest, die Familie trifft sich. Die Chinesen bleiben Weihnachten eher im kleinen Kreis.“

          Das wachsende Interesse an Weihnachten nimmt auch kuriose Züge an. Kurz vor dem Fest wird im Landkreis Mohe ein Weihnachtsdorf für chinesische Touristen eröffnet, die dort das Wohnhaus und die Poststation des Weihnachtsmanns besichtigen können. Mohe liegt an der Grenze zu Russland und ist als kältester Ort Chinas bekannt. In der Mitte des Dorfes wird ein 18 Meter hoher Weihnachtsbaum aufgestellt, kleine Tannen säumen die Wege.

          Das Vorbild dafür ist ein Weihnachtsdorf in Lappland. Die Finnen schicken zur Eröffnung sogar einen Weihnachtsmann nach China, der dort unter anderem bei Hochzeitszeremonien auftreten soll. „Die Chinesen werden immer westlicher“, sagt Wang Qian von der Kreisregierung in Mohe. Einige Chinesen sehen die Übernahme der Weihnachtsbräuche sogar als eine gefährliche Infiltration westlichen Gedankenguts in die traditionelle Kultur an. „Eigentlich sind mir die chinesischen Traditionen lieber, aber ein paar westliche Traditionen haben wir schon übernommen“, sagt auch die Frau aus Taiyuan. Weihnachten sei vor allem für die Kinder schön, sagt sie, holt die Geldbörse hervor und bezahlt die Schneekugel für ihre Tochter.

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