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Illustration: Kat Menschik

Zu Weihnachten 17 Geschenke

22. November 2020 · Dass wir Ende November noch nicht wissen, wie wir Weihnachten feiern werden, mit wie vielen Familienmitgliedern oder Freunden – das hat es bisher nicht gegeben. Sicher ist im Moment nur, dass wir auch in diesem Jahr Geschenke brauchen. Also haben wir unsere Empfehlungen zusammengestellt. Wir wünschen Ihnen eine schöne Adventszeit.


1
Alle werden erleuchtet

Kamera etwas über Kopfhöhe, Licht justieren, helle Unterlage und ganz viel Puder ins Gesicht. Das waren die Tipps von Tom Ford für die Autorin Maureen Dowd, die wissen wollte, wie sie denn nun bei ihrem Zoom-Interview mit dem Comedian Larry David eine gute Figur machen könne. Das war im Frühjahr, erste Welle, erster Lockdown, und wenn es schon nicht mehr möglich war, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, dann könnte man das doch wenigstens nutzen, um das Abbild seiner selbst möglichst vorteilhaft zu gestalten.

Wer so glücklich war (und ist), sich mit solchen Dingen beschäftigen zu dürfen, hat vielleicht nun, nach mehr als einem halben Jahr, zweite Welle, zweiter Lockdown, genau den Bücherstapel, die Lampe und Puderquaste gefunden, um sich bei Videokonferenzen doch ganz ansehnlich zu finden (natürlich trotzdem zuhörend, was die Chefin zu sagen hat).

Leuchtring von Ubeesize
Leuchtring von Ubeesize Foto: UBeesize

Dabei ginge das sehr viel einfacher, und zwar mit Leuchtringen. Die nutzten bisher vor allem Beauty-Influencer, sie können nun aber für das sogenannte Homeoffice phantastischerweise auch auf alle anderen Berufsgruppen ausgeweitet werden, deren Arbeit an Laptops stattfindet. Das Schöne: Die Ringe leuchten einem nicht nur an jedem Ort (Küche, Wohnzimmer, Abstellkammer) und zu jeder Tageszeit (Nachtzeit) den Teint glatt, sondern vor allem auch zu jeder Gemütsstimmung. Wer Kita oder Bar immer wieder in die eigene Wohnung verlegen muss, wird das zu schätzen wissen.

Der Leuchtring ersetzt in seiner Qualität zur Selbstinszenierung damit den Selfiestick, sein nun überflüssig gewordenes Pendant aus anderen Zeiten. Klar, ein bisschen bitter ist das schon, denn beim Selfiestick ging es schließlich darum, sich an möglichst vielen Orten der Welt mit möglichst vielen Menschen zu fotografieren. Der Leuchtring wirkt aber zumindest nur im Hintergrund und blamiert einen damit nicht an möglichst vielen Orten vor möglichst vielen Menschen. Im Gegenteil, er gaukelt einem selbst – und besser noch –, den Kollegen und Freunden vor, dass man auf jeden Fall und immer alles im Griff habe, einfach weil man stets erholt aussieht. Daher am besten sich selbst schenken. Ansonsten gern Menschen, die wissen, wer Tom Ford ist. Caroline Jebens


2
Im Kino gewesen – entrückt

Dass Viktor Klemperer nicht nur Romanist war und Autor von „LTI – Notizbuch eines Philologen“ (1947), dem scharfsichtigen Blick auf die Sprache des Nationalsozialismus, sondern auch ein leidenschaftlicher Kinogeher, ahnten bislang nur die Leser seiner Tagebücher. Der neue Band „Licht und Schatten“, der Klemperers Notizen zum Kino zwischen 1929 und 1945 enthält, zeigt das Ausmaß einer Leidenschaft. Von den 142 Kino-Notaten sind hier 100 zum ersten Mal gedruckt (mit hilfreichen Anmerkungen und einem ausführlichen Filmregister). Auch nach der Vertreibung aus ihrem Dresdener Haus und der Zwangsübersiedlung in „Judenhäuser“ gingen der früh zum Protestantismus konvertierte Klemperer und seine nichtjüdische Frau Eva ins Kino, bis das Regime es ihnen Ende 1938 unmöglich machte.

Victor Klemperer (1881–1960)
Victor Klemperer (1881–1960) Foto: Picture Alliance

„Ich bin so gern im Kino; es entrückt mich“, schrieb er 1933. Deswegen stahl er sich auch schon kurz vor Kriegsende, Anfang April 1945, heimlich wieder in einen dunklen Saal. Kein Film war Klemperer zu gering, zu unbedeutend. Er schrieb über Murnau, Garbo und Fritz Lang, über Nazi-Unterhaltungsware, Chaplin und längst zu Recht vergessene Filme; er war zunächst ein erbitterter Gegner des Tonfilms und ließ sich dann doch überwältigen. Das Kino war ihm nie ein Schauplatz des Prinzipiellen, es war ein lebendiges Gesellschaftsbild. Er überließ sich zwar seinen Idiosynkrasien, aber eine einzige Szene, ein Nebendarsteller konnten für ihn einen banalen Film sehenswert machen.

Man liest seine Notizen in Zeiten, in denen alle Kinos geschlossen sind, nun noch einmal ganz anders; begreift, ohne dass da Vergleichbarkeit wäre, intuitiv, warum das Kino ein Trost sein kann, eine singuläre Erfahrung. Und freut sich immer wieder an Sätzen wie dem über Marlene Dietrich und ihre Rolle im „Blauen Engel“ (1932): „Der Klang dieses Organs. ,Es ist lange her, dass man sich um mich jeprüjelt hat‘ – dieser eine Satz ganz unpathetisch, ganz unsentimental u. doch ein bisschen natürlich dankbar . . . Darüber könnte ich Seiten schreiben, wenn ich überhaupt noch Tagebuch schreiben könnte. Aber etwas widerstrebt dabei in mir. Besser nicht an mich denken, Sachliches treiben – Sachalkohol.“ Rausch durch Nüchternheit – was für eine treffende Paradoxie! Peter Körte


3
Schokolade für die Augen

Am schönsten macht man es selbst. Und sammelt, übers Jahr, was an Mustern und Fotos und Zeug einem so in die Hände fällt, aus Katalogen, Zeitungen, Zeitschriften. Am Ende hat man dann zwar mehr Geschenkpapier als Geschenke, um die man es wickeln könnte, aber nächstes Jahr ist ja wieder Weihnachten. Und sowieso ist das mit dem Geschenkpapier wie mit der Vorfreude: Man kann also gar nicht genug davon haben, sie sind ja auch irgendwie das Gleiche.

Wer aber lieber kauft, statt zu recyceln: Das Papier, das eine Drogeriekette wie dm anbietet (Schneekristalle auf schwarzem Grund; Zitronen mit gelber Rückseite, unter drei Euro die Rolle), kriegt man kaum besser in Papeterien, was das Design angeht. In Papeterien bricht allerdings vor Weihnachten oft die Gründerzeit noch mal neu aus, was Muster, Farben und Motive angeht – als müssten, wenn die Kinderlein schon keine Matrosenanzüge mehr tragen, deren Geschenke es dann aber tun. Gegen diesen Buddenbrook’schen Überdruss an Kolonialwarentradition auf Papier helfen die Anbieter auf etsy.com. Dort findet man zwar auch jede Menge bleistiftgezeichnete Muster von quirky Haus- oder Nutztieren, Enten, Hasen, Dackel oder Bienen, aber eben auch ein „Rapping Paper“ von Oh- MyGreet aus den Niederlanden: gezeichnete Größen des Hiphop wie Snoop, Dre oder Eminem (3,65 Euro plus Versand).

Foto: Rumble Cards
Foto: Rumble Cards

Etwas verhaltensauffällig wirkt dagegen das Jeff-Goldblum-Geschenkpapier von Angie- BealDesigns aus Leeds (3,80 Euro), laut Eigenauskunft ein Bestseller. Für Besessene ebenfalls geeignet: schwarzgoldenes Geschenkpapier vom FC Liverpool (11,95 Euro) mit „Seasons Greeting“-Aufschrift – oder auch ein historisches Periodensystem der Elemente von Cavallini für 13,95 Euro (beides über Fruugo).

Wer im aktuellen Streit um den „Vogel des Jahres“ Position beziehen will, wählt Taubenpapier, entweder von QuerstretArt (4,10 Euro, über Etsy) oder von Zazzle (ab 24,35 Euro). Wer aber ohne den süßen Schauder der Tradition gar nicht auskommt, wird im Angebot der Gräflich Münster’schen Manufaktur (Werbeslogan: „Tapete ist Schokolade für die Augen“) sicher fündig, etwa deren „Beerenwild“- Papier (vier Bögen 8,90 Euro). Kostbarer Preis, aber Geschenkpapier ist ja auch Weihnachten für Verschenker. Tobias Rüther


4
Es wird groß, es wird wild!

Möglicherweise denken Sie: Wer verschenkt denn in einem Jahr, in dem wir uns nach Außenwelt und Exzess sehnen, etwas so Bürokratisches und Organisierendes wie einen Kalender? Ich verstehe das, aber: Sie haben unrecht. Denn dieser Stehkalender sieht nicht nur wahnsinnig gut aus, was in harten Zeiten ja wirklich nicht schadet, er ist auch viel mehr als das. Zum einen ist er ein Stück Designgeschichte: Enzo Mari, der große italienische Designer und Objektkünstler, hat ihn 1967 für das Haus Danese Milano entworfen. Seitdem ist der Kalender, der, ganz in Maris Sinne, für die Ewigkeit hält, also jedes Jahr aufs neue funktioniert, so etwas wie ein Klassiker.

Foto: Trouva

Ein phantastischer Einstieg also in das Werk und Leben dieses viel zu wenig bekannten Mannes, der vor einem Monat im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben ist. Der oder die Beschenkte wird sich dank dieses kleinen Gegenstands mit Enzo Mari befassen, damit geistig nach Italien und in eine andere Zeit reisen und sich allein schon deshalb freuen und leichter fühlen. Davon aber mal abgesehen, verschenkt man mit dem „Calendario Timor“ ein bisschen Optimismus: Man sagt damit: „Gerade vollbringt dieses Jahr zwar das unfassbare Kunststück, dramatisch und langweilig zugleich zu sein, die Zeit hat ihre Konturen verloren, das Konzept ,Zukunft‘ ist ein schwammiges Terrain, dem man sich nur noch gelegentlich mit zugekniffenen Augen nähert, und ja, auch ich weiß schon lange nicht mehr, welcher Tag, welcher Monat, geschweige denn welches Datum ist. Doch, lieber Freund, liebe Freundin: Bessere Zeiten liegen vor uns!“

Irgendwann werden wir wieder wissen wollen, wo genau wir im Jahr stehen, weil aufregende und wichtige Dinge passiert sein werden. Irgendwann werden wir wieder vollbepackte Räume betreten und ohne Maske an Fremden kleben, wir werden uns wieder umarmen und küssen, in den sozialen Netzwerken werden die Leute wieder das leicht dämliche „Thank God it’s Friday“ posten, einfach weil ein Freitag die Möglichkeit bergen wird, anders zu sein als ein Dienstag. Es wird groß. Es wird wild. Gut, es mag kurios erscheinen, aber: Ja, Enzo Maris schöner Tischkalender verspricht all das. Und noch viel mehr. Annabelle Hirsch

5
Die Endorphinmaschine

Der französische Dichter Théodore de Banville, dem Baudelaire mit „Les Fleurs du Mal“ ein dichterisches Denkmal gesetzt hat, hatte ein recht elitäres Künstlerverständnis. In seinem Gedicht „Le Saut du Tremplin“ („Der Sprung vom Trampolin“) über einen Trampolin springenden Clown entwirft er das Bild einer künstlerischen Existenz, die sich – immer höher springend – fern und oberhalb der zuschauenden Menge von den Fesseln der engstirnigen bourgeoisen Alltagswelt befreit. Banville schrieb das Gedicht 1870. Trampoline gab es damals nur im Zirkus. Heute gilt Trampolinspringen als sogenannter Massensport, und niemand käme auf die Idee, darin eine Metapher für künstlerische Abgehobenheit zu sehen. Es gibt Trampoline für Profis, für den Sportunterricht, netzgesicherte Sprunganlagen auf Rummelplätzen, für den Garten, und für das Gefühl von Schwerelosigkeit in den eigenen vier Wänden gibt es kleine, praktische Indoor-Trampoline. Der Durchmesser ihrer Sprungfläche misst etwa einen Meter, man kann sie zusammenklappen und unauffällig hinter dem Sofa verstauen. Das wird man aber, ist man erst einmal darauf herumgehopst, gar nicht wollen. Besonders nicht in der dunklen Jahreszeit von Plätzchen, Lebkuchen und dem ganzen anderen Süßkram, in der man pandemiebedingt noch mehr Zeit als in den Jahren zuvor zu Hause verbringt, die Fitnessstudios geschlossen haben und die einzige tägliche Bewegungsübung – der Weg ins Büro – bis auf weiteres entfällt. Von den Fesseln der bürgerlichen Existenz fühlt man sich beim Springen zwar nicht befreit, aber von vielem anderen: Trampolinspringen baut Stress ab und Pfunde; darin ist es laut der Nasa sogar weitaus effektiver als Joggen, schonender für die Gelenke ist es sowieso. Am wichtigsten aber ist die gute Laune, die dabei entsteht. Trampolinspringen ist eine wahre Endorphinmaschine: Der Schwung, der Perspektivwechsel, das Kribbeln im Bauch, der kurze Moment des Fliegens, das alles sorgt auf dem Sprungtuch für hundertmal mehr Spaß, als man ihn als Kind beim Rumgehüpfe auf dem Bett empfunden hat. Apropos Kinder: Auch sie werden das Indoor- Trampolin lieben; zum Sich-Austoben ist es ideal. Es ist ein Geschenk für Groß und Klein. Runter kommen immer wieder alle. Karen Krüger

Foto: Thomas Kierok/Laif


6
Alles abprallen lassen

Mit den Masken ist das so eine Sache. Gerade gewöhnt man sich noch an die allgemeine Maskenpflicht, da tauchen schon allerorten Versuche auf, sich durch einen besonders ausgefallenen Mund-Nase-Schutz von der Menge abzuheben. Da gibt es die auffälligen Muster wie das Leoprint-Modell, mit dem dieser schmale Grat zwischen lässiger Ironie und angestrengtem Teen-Look selten gemeistert wird. Oder ein gemalter Kussmund, eben da, wo sonst auch der vermutlich weniger beeindruckende Mund des Trägers sitzt, oder auch die unfreiwillig süßen Knickohr-Masken.

Foto: Ashkan Sahihi zusammen mit Eva Simin Bierwirth

Unter den vielen Versuchen der Masken- Distinktion stechen die Entwürfe der Designerin Eva Simin besonders heraus. Ihre Masken, die „Onyx“ (Grundfarbe schwarz-schimmernd), „Candy“ und „Sahara“ (Pastellfarben) heißen, umgibt eine kühle Aura der Erhabenheit, an der die Versuche, den Gesichtsschutz als Mittel der sich aufdrängenden Selbstauskunft einzusetzen, abprallen.

Eva Simins Gesichtsschutz ist schlicht elegant und lässig, ohne vorzugeben, dass er es unbedingt sein will. Handgenäht aus hochwertigen Materialien wie pflanzlich gefärbter Wildseide oder Bambusgewebe sind die dicht gewebten, aber leichten Stoffe atmungsaktiv und verhindern die durch die Heizungsluft im Winter vermehrt drohende maskenbedingte Akne (mittlerweile auch „Maskne“ genannt).

Und mit dem Kordelzug in schrillen Konstrastfarben ist auch die Gefahr potentieller Segelohrigkeit abgewendet: Die Maske wird an Kopf und Hals getragen und so gebunden, dass sie bequem umliegt. Und wer den Gesichtsschutz gerade nicht trägt, kann ihn um den Hals baumeln lassen. Miryam Schellbach


7
Kunst zum Reinsteigern

Es sind keine rosigen Zeiten für Künstler, das dürften die meisten inzwischen mitbekommen haben. Denn erstens trifft der etwas abgedroschene Spruch, Krisenzeiten seien gut für die Kunst, nicht unbedingt zu. Und zweitens brauchen Künstler auch diese eine Sache, ohne die wir alle nicht durchs Leben kämen: Geld. Weil das vielen von ihnen gerade fehlt, wollen Holm Friebe, Mitbegründer der Zentralen Intelligenzagentur, und die Künstlerin Bettina Semmler Abhilfe schaffen.

Unter dem Motto „Art, aber fair“ starten sie eine, wie sie sagen, „Graswurzelrevolte“ und richten gemeinsam mit dem Berliner Auktionshaus Jeschke Van Vliet die „Direkte Auktion“ aus, um Berliner Künstler und Galerien zu unterstützen. Stattfinden wird die Auktion online vom 26. bis 28. November. Mitbieten kann jeder. Sie müssen also kein arrivierter Mäzen oder Sammler mit Millionen auf dem Konto sein, um etwas zu ergattern. 19 Kuratorenteams haben mehr als 400 Werke von mehr als 300 Künstlerinnen und Künstlern zusammengestellt, die Sie auf der Seite des Auktionshauses schon jetzt ansehen und für die Sie Vorgebote abgeben können.

Barbara K. Prokops Arbeit trägt ihren Titel auf dem Papier
Barbara K. Prokops Arbeit trägt ihren Titel auf dem Papier Foto: Barbara K. Prokop

Die meisten Werke kommen, wie der Name der Auktion schon andeutet, direkt aus den Ateliers ihrer Erschaffer und sind erst in jüngster Zeit entstanden: So spielt das oben abgebildete Werk von Barbara K. Prokop darauf an, dass in den ersten Monaten der Pandemie alle kurz vereint waren – in kollektiver Ahnungslosigkeit. Andere Werke sind ein Versprechen für die Zukunft: Zum Startpreis des isländischen Mindestlohns versteigert Katrín Inga Jónsdóttir Hjördísardóttir einen Monat ihres Lebens. Sollten Sie den ersteigern, gehört die Hälfte dessen, was in dieser Zeit entsteht, Ihnen.

Wieder andere Kunstwerke kommen von Einlieferern. Denn auch wenn Galerien zurzeit noch geöffnet sind, haben auch sie erhebliche Einkommenseinbußen, sollten also unbedingt mitbedacht werden, so die Organisatoren. Unter den eingelieferten Werken sind ein paar sehr prominente Namen – Martin Kippenberger, Julian Schnabel oder Banksy zum Beispiel. Zwei Filmskripte, die Quentin Tarantino am Set benutzt hat, gibt es auch.

Vielleicht finden Sie unter all diesen Dingen das ein oder andere Weihnachtsgeschenk und bringen ein wenig Aufregung in ihr vermutlich terminfreies Wochenende. Während Sie zittern und bangen, hoffend, dass die Mitbieter bei ihrem Lieblingswerk endlich abspringen und Sie den Zuschlag bekommen, tun Sie nebenbei auch noch etwas Gutes: Zwei Drittel der Erlöse gehen direkt an Künstler oder Einlieferer. Ab einer Mindestsumme von Vorgeboten wird es außerdem einen Solidaritätspool geben, von dem alle Künstler profitieren – unabhängig davon, ob sie etwas verkauft haben. Anna Vollmer


8
Vertonte Freundschaft

Sein riesengroßes Studio in einem Hinterhof der Kreuzberger Oranienstraße war eine Art „Factory“ für junge Komponisten. Überall liefen interessant gekleidete Skandinavier durch die Räume und bauten verrückte Set-ups für neue Klänge auf – manchmal musste da ein Tonband meterweit durch den Raum gespannt werden, für einen besonderen Effekt.

Foto: DGG

Die Sound-Werkstatt des Isländers und Wahlberliners Jóhann Jóhannsson kam zu einem jähen Ende, als der Filmmusik- Guru vor zweieinhalb Jahren ein paar Drogen nahm, die sich mit seinen Medikamenten nicht vertrugen. Ganz unerwartet starb mit 48 Jahren ein Genie, das in Hollywood gerade eine große Karriere begonnen hatte. Für „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und „Arrival“ gab es schon Golden Globes und Oscar- Nominierungen, zuletzt hatte er noch die Musik für „Blade Runner 2049“ vollendet (die dann aber im Film gar nicht benutzt wurde). Allesamt Meisterwerke – und wie großartig sie sind, kann man nun mit zwei Boxen anhören, die jeweils sieben und acht CDs enthalten.

„Orphée“, eine seiner eigenen Platten, ist berührend und fremdartig. Und zu „Sicario“, einem erschütternden Film über den Drogenkrieg an der mexikanischen Grenze, grollt und dröhnt die Musik unheimlicher als bei jedem „Terminator“. Die „12 Conversations with Thilo Heinzmann“ wiederum sind ein langes, inniges Streichquartett. Heinzmann ist ein Berliner Maler und Kunstprofessor, mit dem Jóhannsson sich oft unterhielt. So weit ging die Freiheit der Form bei dem Isländer: Er konnte nicht nur Filme oder Tanz vertonen, sondern auch eine Freundschaft, die er über Jahre führte. Er forschte nach neuen Klängen, verkabelte immer wieder alte Geräte so, wie man es eigentlich nicht soll, und entdeckte Klangwelten, die moderne Computer so gar nicht erzeugen können. Die beiden Boxen, die dieses ungewöhnliche und schöne Werk nun im Überblick darstellen, sind wie fest gebundene Bücher gestaltet, mit einem einleitenden kleinen Bildband und Pappseiten, aus denen man wie aus Hüllen die CDs ziehen kann. Thomas Lindemann


9
Der Bruch und die Regel

Das ist ein Buch, das rätselhaft gute Laune macht. Rätselhaft deshalb, weil es von gutem und von schlechtem Stil handelt, was ja erst einmal verdächtig klingt, eher gouvernantenhaft als belebend. Wird Stil nicht sowieso überschätzt? Man könne auch ohne großen Stil große Romane schreiben, sagt Michael Maar, der Autor des Buchs, selber, er nennt Balzac und Dostojewski als Beispiele. Und umgekehrt kriegten einige der raffiniertesten Stilisten, zu denen Maar Rudolf Borchardt zählt, kaum ein „halbwegs lesbares fiktionales Werk“ hin. Offensichtlich spielt da noch anderes eine Rolle, wenn es um „große Literatur“ geht; der Titel des Buchs ist insofern ein wenig irreführend. Auf der anderen Seite ist Stil eben auch nicht nur Stil, im Sinne eines Regelwerks, sondern Ausdruck eines ganz bestimmten Lebens. „Stil und Charakter sind nicht voneinander zu scheiden, wer schreibt wie Heinrich Mann, muss Heinrich Mann sein, so schneidend, pompös und windschief und dann und wann grandios“, heißt es schon ziemlich am Anfang dieses Buchs, und höchstwahrscheinlich ist es genau diese Perspektive, die es so schillernd, anregend, undogmatisch, lehrreich, blitzend und abwechslungsreich macht (Adjektive sind sparsam zu gebrauchen, lernt man hier auch, aber der Verfasser dieser Zeilen weiß sich in diesem Fall keinen anderen Rat).

Heimito von Doderer
Heimito von Doderer Foto: Nachlass H. von Doderer

Dieses Buch kennt im Grunde nichts als Spezialfälle; keine Regel, die nicht irgendwann durch irgendein Genie durchbrochen wird. Zu Robert Walser, den er besonders liebt, schreibt Maar: „Man kommt nicht auf seine Masche, weil er keine hat.“ Auf den ersten 170 Seiten werden die Fundamente gelegt, vom Adverbiengebrauch bis zur Regel Paul Valérys („Zwischen zwei Wörtern wähle man das geringere“), dann folgt auf den restlichen 370 die Anwendung bei den unterschiedlichsten Autoren, von Heimito von Doderer bis Clemens J. Setz; man lernt auch die Stilisten kennen, die Maar weniger schätzt, Novalis zum Beispiel oder Thomas Bernhard. Indem Maar mit ebenso schneidender wie leicht daherkommender Genauigkeit immer wieder vorführt, wie einleuchtend die Regel ist und wie bestechend zugleich ihr Bruch, ist diese Stilfibel vor allem eine Feier der Vielfalt und Unberechenbarkeit – und auch der Geistesgegenwart, die diese von Seiten der Leser verdienen. Mark Siemons


10
Lass mal Dampf ab!

Vielleicht war es eine Verschwörung, denn die sind ja in Mode und schuld an allem Übel auf der Welt. Vielleicht also haben in Wahrheit böse Mächtige mit ihren miesen Tricks sehr viele Jahre lang verhindert, dass ich dieses Gerät benutzen sollte, finden sollte; einen Steamer, der alles leichter, schöner, glatter macht im Leben. Nein, das ist jetzt keine Übertreibung. Wie und warum jemand ohne einen Steamer lebt, ist mir, seitdem ich mit ihm lebe, ein großes, schweres Rätsel.

Doch langsam! Für alle, die immer noch die Opfer der falschen Bügeleisentheorie sind, muss man es erst einmal erklären. Ein Steamer? Was soll das? Und was ist das? Auf Deutsch nennt man das Wunder einen „Dampfglätter“, und, zugegeben, das ist kein hübsches Wort. Aber mit ihm wird alles hübsch. Und das geht so: Man füllt ein bisschen Wasser in den kleinen Tank und wartet drei Sekunden, fährt mit der Dampfbürste dann über seine Kleider, und alles ist perfekt. Man braucht nie wieder ein schweres Bügeleisen, schweres Bügelbrett.

Das Werkzeug für die positiven Prepper: der Steamer
Das Werkzeug für die positiven Prepper: der Steamer Foto: Mauritius

Aber Achtung! Ein Steamer bedeutet nicht nur glatte Kleider, ein Steamer bedeutet heute große Hoffnung – auf eine Zeit, in der man wieder ausgeht und wieder Unbequemes trägt und wieder Ungesundes macht. In Restaurants und Bars, auf Partys. Ja, einen Steamer in diesem Jahr zu kaufen, zu verschenken heißt: preppern, aber im guten, umgekehrten Sinn, also sich nicht auf eine Katastrophe vorbereiten, wie es normale Prepper machen, die ihre Keller voll mit Dosen- Ravioli haben und wissen, wie man ohne iPhone überlebt. Nein, es heißt: Bereit sein für den Tag nach der Katastrophe, den Tag, an dem die graue Baumwolle – die T-Shirts und die Jogginghosen – gegen die glatte Seide – die Kleider und die Anzüge – endgültig, endlich eingetauscht wird.

Wann diese Zeit, die antiapokalyptische und schöne, ausbricht? Vielleicht im nächsten Jahr, vielleicht im Jahr danach. Auf jeden Fall sind wir mit einem Steamer sehr gut vorbereitet. Anna Prizkau


11
6000 Kilometer fahren im Haus des Seins

Was für ein schönes Weihnachtsgeschenk: ein Volkswagen T2, Baujahr 1973 oder 1975, mit 195 000 Kilometern, 69-PS-Heckmotor, Gardinen an den Scheiben und unter der Sonnenblende das Heidegger-Zitat „Die Sprache ist das Haus des Seins“.

Wo sich die Western-Songs im Autoradio mit dem Silbergrau des sich ins Unendliche erstreckenden Asphalts vermengen.
Wo sich die Western-Songs im Autoradio mit dem Silbergrau des sich ins Unendliche erstreckenden Asphalts vermengen. Foto: David Maurice Smith/Laif
Wo sich die Western-Songs im Autoradio mit dem Silbergrau des sich ins Unendliche erstreckenden Asphalts vermengen. Foto: David Maurice Smith/Laif

Aber man muss doch einiges machen, den Bus gut pflegen und ein Händchen haben für Kupplung, Vergaser und für die Kraftstoffpumpe, ehe man sich auf den Weg macht, von Gaspé, in Québec an der kanadischen Ostküste, nach San Francisco, in Kalifornien, an der amerikanischen Westküste. Fast 6000 Kilometer VW-Bus-Abenteuer, einmal quer über den Kontinent, viele Fahrstunden, während der sich die Western-Songs im Autoradio „mit dem Silbergrau des sich vor der Windschutzscheibe ins Unendliche erstreckenden Asphalts“ vermengen.

Aber da das gerade alles nicht so einfach ist und aus so einer Bulli-Reise in nächster Zeit wohl nichts wird, ist der Roman „Volkswagen Blues“ ein vorübergehend gut wirksames Substitut. Das Buch des Kanadiers Jacques Poulin ist bereits 1984 erschienen, doch erst jetzt, da Kanada Gastland der Frankfurter Buchmesse war, auch auf Deutsch erschienen. Ein großes Versäumnis, einerseits, denn dieser Roadtrip eines Mannes, der in genau diesem alten T2-Bus seinen Bruder sucht und von einem rätselhaften Mädchen mit einer Katze begleitet wird, schafft es irgendwie, schlau, leicht und melancholisch zugleich zu sein.

Andererseits, könnte man auch sagen, passt dieses Buch ins Covid-19-Jahr wie der Kolben in den Zylinder und ist somit genau zur richtigen Zeit erschienen. Jetzt, da Camping die Fernreise und der Campingbus das Hotelzimmer ersetzt, liest es sich wie eine poetische Anleitung für das neue „Van-Life“. Wie man die Route plant, schöne Stellplätze findet und hässliche meidet, wie man wild campiert, wie man einen Kraftstofffilter reinigt und unterwegs zu guten Büchern kommt – all das steht auch in „Volkswagen Blues“ und hat in der Gegenwart des Jahres 2020 seine Gültigkeit. Man sollte es in Erinnerung haben, wenn man hoffentlich bald aufbricht, in seinem T2, Baujahr 73 oder 75, mit 195 000 Kilometern, Gardinen an den Fenstern, einem Heidegger-Zitat unter der Sonnenblende und diesem Buch im Handschuhfach. Andreas Lesti


12
Gespenster an Heiligabend

Es gibt in diesem Buch der kanadischen Künstlerin, Schriftstellerin und Illustratorin Leanne Shapton, das keinen echten Anfang hat und kein Ende, sondern eher so etwas wie eine Spurensuche ist, die zugleich selbst Spuren legt und uns zu Detektiven macht, eine „Heiligabend“-Erzählung: „Am Vorabend, dem Dreiundzwanzigsten“, so beginnt diese Geschichte, „wurde auf der Party über Geister gesprochen. Sie fragte den Oscar-Preisträger, ob er an Geister glaube und ob er eine Geistergeschichte auf Lager habe. Er schüttelte den Kopf, setzte sich und unterhielt sich mit jemand anderem. Ihr kam der Gedanke, dass Geister vielleicht kein gutes Thema für Cocktail-Party- Smalltalk waren und dass es auch Geschichten gab, über die man nicht bei Kanapees plaudern konnte.“

Die Autorin und Illustratorin Leanne Shapton
Die Autorin und Illustratorin Leanne Shapton Foto: Patricia Kühfuss

Für ihr fabelhaftes „Gästebuch“ hat Leanne Shapton nun solche „Gespenstergeschichten“ versammelt, die sie gefunden hat – und sie hat neue erschaffen: Anekdoten von Erscheinungen, Geschichten von unheimlichen Häusern und ungebetenen Gästen, eine Schwarzweißfoto-Story über ein geheimes Treffen von Freunden in Ruinen; Berichte über seltsame Tode. Es sind einerseits Geschichten, die dem Gruselgenre nachempfunden sind. Manche erinnern vom Verfahren her an Geisterfotografien, wie sie in der Frühzeit der Fotografie durch lange Belichtungszeiten erzeugt wurden: Personen, die kurz in den Bildraum hineintraten, wurden wie übernatürliche Effekte als Schemen auf dem fertigen Foto dargestellt. Und dann gibt es Berichte von modernen Geistern wie die über den fiktiven Prominenten Edward Mintz, der es am Freitag, dem 2. November 2018, schafft, auf 45 Partys, Empfängen und Promi-Events gleichzeitig zu sein: von einem „privaten Abendessen für Lucien Pak im Terro New York“ über das „Croix d’Espagne Dinner im Spanish Cultural Council“ bis hin zur „Ankunft auf dem roten Teppich vor der Alice Tully Hall“. „Ein Geist“ heißt diese Geschichte, die die lustigste des ganzen Buches ist. Shapton hat ihre Freunde und Bekannten in den Rollen verschiedener Prominenter und Halbprominenter fotografisch in Szene gesetzt – und analysiert die so unwahrscheinliche Realität zeitgenössischer Instagram-Stars. Julia Encke


13
Sonderwirtschaftszone Akkon

Unter den britischen Populärhistorikern ist Roger Crowley wahrscheinlich der schmissigste. Aber bei einem Thema wie dem Untergang der Kreuzfahrer-Metropole Akkon kommt auch Crowleys Schmissigkeit an ihre Grenzen. Die Hafenstadt auf halbem Weg zwischen Beirut und Jaffa war der bedeutendste Stützpunkt jenes Königreichs von Jerusalem, das 1099 im Ersten Kreuzzug entstanden und schon 1187 mit der Rückeroberung seiner Hauptstadt durch Saladin auf den Status eines von Zypern aus regierten Titularkönigtums reduziert worden war. Dennoch bestand dieser Rumpfstaat noch gut hundert Jahre weiter, und das hatte er vor allem der ökonomischen Stärke Akkons zu verdanken – seinen Handelsverbindungen ins Zweistromland, an den Persischen Golf, ans Rote Meer und an den Nil und seiner heimischen Industrie. Dabei war Akkon keine Stadt im europäischen Sinn, sondern eine Art Sonderwirtschaftszone, in der venezianische und genuesische Kaufleute eigene Viertel mit besonderer Gerichtsbarkeit besaßen und die Verwaltungsbeamten der Titularkönige und des Johanniterordens mehr schlecht als recht die öffentliche Ordnung aufrechterhielten.

Mathieu de Clermont verteidigt 1291 Akkon – auf einem Gemälde von Dominique Papety
Mathieu de Clermont verteidigt 1291 Akkon – auf einem Gemälde von Dominique Papety Foto: Interfoto

Wie schwach diese Herrschaft war, zeigte sich im sogenannten Krieg von Saint-Sabas, als Venezianer und Genuesen innerhalb der Stadtmauern aufeinander losgingen, Invasionsflotten der einen wie der anderen Seite landeten, See- und Straßenschlachten einander abwechselten und erst nach zwölf Jahren ein kalter Frieden einkehrte. Hinter den Gemetzeln steckten natürlich handfeste ökonomische Interessen, zu denen etwa die Lieferung von Rüstungsgütern und Militärsklaven an ebenjenen Mamluken-Staat in Ägypten gehörte, der im Mai 1291 die Existenz des Kreuzfahrer-Königreichs durch die Eroberung von Akkon beendete. Mit anderen Worten: Die italienischen Stadtrepubliken lieferten Waffen an den muslimischen Feind, ohne dass der christliche Feudalstaat ihnen Einhalt gebieten konnte.

Es wäre schön gewesen, wenn Crowley diesen Motivstrang noch etwas weiter verfolgt hätte, denn dieselbe ökonomische Logik, die für die Kolonie der Kreuzfahrer tödlich war, löste hundertfünfzig Jahre später am anderen Ende Europas den Beginn des Kolonialzeitalters aus, als das verarmte Königreich Portugal nach neuen Absatzmärkten und Handelsrouten im Atlantik zu suchen begann. Aber auch ohne solche Ausblicke schmökert man sich locker bis zum Ende durch, denn Crowley besitzt eine Gabe, die unter deutschen Historikern immer noch selten ist: Er kann auch die deprimierendste Geschichte so erzählen, dass man auf den Ausgang gespannt bleibt. Andreas Kilb


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Das Shirt zur Schadenfreude

Es gibt grundsätzlich kaum traurigere Kleidungsstücke als T-Shirts mit lustigen Botschaften. Sie wissen schon: „I’m with stupid“ (mit Pfeil zur Seite) oder „Keep calm and tu dies oder das“. Die Witze sind, nun ja, nicht lange tragbar, ästhetisch sind die Hemden meistens eine Zumutung. Die T-Shirts aber, die die Landschaftsgärtnerei „Four Seasons Total Landscaping“ seit zwei Wochen verkauft, sind erstens optisch relativ dezent, in angenehmem Olivgrün und mit einem Logo, das fast schon als Vintage durchgehen könnte („Since 1992“). Vor allem aber dokumentieren sie die bizarre Pointe einer an bizarren Momenten bekanntlich nicht armen Präsidentschaft.

Wie es kam, dass Trumps Anwalt Rudy Giuliani und sein Wahlkampfmanager Corey Lewandowski die Weltpresse auf dem Parkplatz einer Gärtnerei am Stadtrand von Philadelphia empfingen, zwischen einem Krematorium und einem Sexshop, ist immer noch nicht ganz aufgeklärt. Der naheliegende Verdacht, dass Trumps Wahlkampfbüro zu blöd war, das richtige „Four Seasons“-Hotel in der Innenstadt zu buchen, wurde nie offiziell bestritten. Aber auch nicht die Version der „New York Times“, die behauptet, das Team des Präsidenten habe absichtlich einen Ort in einer Trump-freundlicheren Gegend gesucht, weil vorherige Veranstaltungen in Philadelphia von lauter Musik und protestierenden Wählern der Demokraten gestört worden seien.

Foto: Four Seasons Total Landscaping

Das „Four Seasons Total Landscaping“ wurde schnell zu Philadelphias neuer Touristenattraktion, die Anekdote zum perfekten Rohstoff für die Internethumorproduktionsmaschinen. Die „Four Seasons“-Gärtnerei selbst enthielt sich aller parteiischen Statements. Und ließ trotzdem die Chance nicht aus, von der Aufmerksamkeit zu profitieren. Im Merchandise- Shop kann man nun die analogen Manifestationen der virtuellen Schadenfreude kaufen: T-Shirts, Hoodies, Baseball-Mützen und Schutzmasken mit Firmenlogo und abgewandelten Trump-Sprüchen wie „Make America Rake Again“ und „Lawn and Order“. Vielleicht nicht jedermanns Humor, aber mit Sicherheit ein Dokument der Zeitgeschichte. Erst recht, wenn die Petition Erfolg hat, das Gebäude in die offizielle Liste der Kulturdenkmale der Vereinigten Staaten aufzunehmen, denn, wie es einer der Unterzeichner formuliert: „Was könnte es für einen besseren Beweis für reinen amerikanischen Scharlatanismus geben als diesen?“ Harald Staun


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Folge der Blaubeerspur!

Es ist gar nicht so leicht für die drei Freunde Brumm, Pieps und Glitschi, einen Ausflug zu machen. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von einem gelungenen Tag. Brumm will an den Strand, Pieps in die Berge und Glitschi . . .? Glitschi, des ewigen Streits müde, ist einfach verschwunden. Wo kann sie bloß sein? Da entdecken der Bär und das Vögelchen eine Blaubeerspur, die sie über die Berge und durch den Bach bis in den Wald führt. Und da, na klar, wartet Glitschi auf die beiden Streithähne, hat eine Decke ausgebreitet und Brotscheiben mit Blaubeeren belegt. Hungrig sind sie und müde.

Gibt es etwas Schöneres als eine Hängematte?
Gibt es etwas Schöneres als eine Hängematte? Illustration: Renata Liwska

Am Ende liegen alle drei am schönsten Ort zusammen in der Hängematte und gucken hinauf in den Sternenhimmel. Und dann schlafen sie, sehr tief und fest. Eine einfache Geschichte erzählt Doreen Cronin da, und es geht doch um große Themen: Freundschaft, Individualismus, Trotz, Kompromissbereitschaft, Zusammenhalt, Geborgenheit und gemeinsamen Genuss. Die in Polen geborene, jetzt in Kanada lebende Illustratorin Renata Liwska hat dazu traumhafte hauchzarte Aquarellzeichnungen geschaffen, die die Geschichte nicht nur bildlich miterzählen, sondern sie mit vielen kleinen, lustigen Einfällen bereichern und den drei Tieren, Bär, Vogel, Schnecke, ihren Charakter und ihre Eigenarten schenken. Das ist so liebevoll und in jedem winzigen Strichchen so treffend und genau, dass man ihr für die Bilder um den Hals fallen möchte. Und wieder einmal lernt, dass ein gutes Bilderbuch eben sehr viel mehr ist als bloß Text plus Bild, dass es immer auf zwei ineinander verwobenen, sich gegenseitig bereichernden Ebenen erzählt, dass es erst wirklich überzeugt und beglückt, wenn die Bilder zwar rückgebunden sind an den Text, aber sich dabei die Freiheit nehmen, die Geschichte auf ihre Weise zu erzählen.

Das dreijährige Kind nimmt sie als Veranschaulichung und Beglaubigung des Erzählten, jede Unstimmigkeit würde sofort bemerkt (es ist ihm aber nichts aufgefallen, was für ein Kompliment!), jedes witzige Detail benannt und belacht, während der Erwachsene beim Anschauen und Vorlesen still für sich das Gesamtkunstwerk bestaunt, das er in Händen hält, und die gemeinsame Freude genießt. Bettina Hartz


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Für mehr als ein Linsengericht

Der Winter wird lang, die Restaurants sind geschlossen, und weil lauwarmes Essen vom Lieferservice auch nicht so richtig glücklich macht, werden selbst Kochmuffel in den nächsten Monaten wohl kaum darum herumkommen, sich auch mal an den Herd zu schwingen. Zu einem ordentlichen Motivationsschub könnte dabei ein „New York Times“- Cooking-Jahresabonnement verhelfen.

Wer mit der „New York Times“ kocht, bringt Struktur in den Tag zu Hause
Wer mit der „New York Times“ kocht, bringt Struktur in den Tag zu Hause Foto: Laif
Wer mit der „New York Times“ kocht, bringt Struktur in den Tag zu Hause Foto: Laif

Die Auswahl an Rezepten ist riesig: Egal ob die Beschenkten seit jeher ihren eigenen Nudelteig kneten, die Wochenenden mit Dampfgaren und Truthahnstopfen verbringen oder eher der Typ Käsetoast sind – für alle Geschmäcker und Talente ist etwas dabei. Am besten melden Sie Ihre Liebsten auch gleich zum passenden Newsletter an, so dass ihnen regelmäßig die saisonalen Empfehlungen ins Postfach flattern. Die Worte von Sam Sifton, Food Editor der „Times“, haben eine fast therapeutische Wirkung: „Good morning – fühlen Sie sich auch so erschöpft?“, fragte er in den Hochzeiten der Pandemie und schrieb, wie er sich mit den Gedanken an seine Lieblingsrestaurants tröstete. Oder: „Good morning – wie kommen Sie zurecht? Ich hoffe, wir helfen Ihnen ein wenig.“ Tatsächlich. Denn mit Preiselbeertartes oder „dem besten Tofu-Rezept der Welt“ werden die ansonsten immer gleichen Abende, die man kaum mehr unterscheiden kann, strukturiert: Dienstag war der Tag, an dem es Kichererbsen-Pasta gab. 

Jede Woche empfiehlt die „Times“ fünf Gerichte, die auch an einem Arbeitstag gut zu bewältigen sind, an den Wochenenden lockt sie mit elaborierten Desserts und üppigen Eintöpfen. Mit einem eigenen Account hat man nicht nur unbegrenzten Zugriff auf Tausende von Rezepten, man kann sie auch in Ordnern sortieren, Favoriten vormerken oder sich in den zahllosen Variationen von Linsensuppe verlieren. Lange dunkle Sonntage sind ideal, um in der Abteilung „Master the basics“ endlich zu lernen, wie man eine richtig gute Suppe kocht. Wer mal faul ist – auch dafür zeigt Sam Sifton vollstes Verständnis –, kann die 26 Thanksgiving Cocktails trinken und dann sicher auch den Videos etwas abgewinnen, in denen man lernt, wie man eine Weinflasche entkorkt. Sie merken schon: Dieses Geschenk ist vielfältig. Und im Zweifel haben nicht nur die Beschenkten, sondern auch die Schenker etwas davon: Die Einladung zum Abendessen lässt hoffentlich nicht allzu lang auf sich warten. Anna Vollmer


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Stilvoller trinken

So geht es auch: Barschrank „Harri“ aus Nußbaumholz (2018)
So geht es auch: Barschrank „Harri“ aus Nußbaumholz (2018) Foto: more
Der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich zeigte sich dieses Jahr besonders schön im Einkaufsverhalten: Die Deutschen schleppten stapelweise Klopapier in ihre Vorratskammern, in Frankreichs Supermarktregalen fehlte der Rotwein. Logisch, auf welche Seite man mentalitätsmäßig gehören will. Glaubt man Studien wie der „Global Drug Survey“, haben in Wahrheit auch die Deutschen dieses Jahr öfter Alkohol getrunken als vor Corona und öfter allein. Dummerweise klingen die Wörter „allein“, „zu Hause“ und „trinken“ in Kombination aber gleich ungut nach gelben Wänden, gelben Zähnen und einem Leberschaden, weshalb es dringend einen Selbsttäuschungstrick braucht, um etwas Glamour ins ziellose Saufen auf dem Sofa zu bringen. Die Lösung kommt in Form eines Barschranks, wie man ihn in schönen Fünfziger-Jahre-Modellen bei „Mid Century Friends“ bekommt. Daran können Sie sich auch einen Wodka Energy zusammenschütten und mit Strohhalm aus einem Sangría-Eimer trinken – es sähe immer noch stilvoll aus. Florentin Schumacher
Die 50er-Jahre-Suite in einem Kasseler Hotel zeigt, wie sich stilvoll und mit Musikbegleitung trinken lässt.
Die 50er-Jahre-Suite in einem Kasseler Hotel zeigt, wie sich stilvoll und mit Musikbegleitung trinken lässt. Foto: Picture Alliance

MITMACHEN UND GEWINNEN

Was bedeutet für Sie in diesem Jahr, das wir alle wohl sehr genau in Erinnerung behalten werden, weil alles anderes kam als erwartet, Hoffnung? Unsere Illustratorin Kat Menschik stellt Ihnen in unserem Titelbild diese Frage. Und Sie können, wenn Sie mögen, Ihre Antworten in das Bild eintragen und es uns zuschicken (F.A.S.-Feuilleton, Mittelstraße 2–4, 10117 Berlin, Stichwort „Weihnachten“). Unter den Einsendungen verlosen wir zwei E-Paper-Jahresabonnements der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, zwei Jahresabonnements des „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ - und Bücher: Eleonore Bünings gesammelte F.A.S.-Musikkolumnen „Warum geht der Dirigent so oft zum Friseur?“, Jürgen Kaubes „Hegels Welt“, Andreas Lestis Porträts von Menschen am Berg „Das ist doch der Gipfel“, Niklas Maaks Roman „Technophobia“, Kat Menschiks und Mark Beneckes „Illustrirtes Thierleben“, Anna Prizkaus Erzählungsband „Fast ein neues Leben“. Und natürlich auch Überraschungsgeschenke für Kinder. Viel Freude! F.A.S.
Kunsthandwerk zu Weihnachten Christian Drosten gibt’s jetzt als Räuchermännchen
F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Die stille Nacht ist nicht für alle friedlich

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 24.11.2020 06:49 Uhr