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Wave Gotik Treffen in Leipzig : Mit Nieten, Haken und Ösen

  • -Aktualisiert am

Zu Zehntausenden sind Besucher aus aller Welt am Pfingstwochenende nach Leipzig gereist. Bild: dpa

Mehr als 20.000 Grufties haben das Wochenende in Leipzig verbracht, um das Wave Gotik Treffen zu besuchen. Das Schwarze verbindet, es ist die Grundfarbe, und schwarz ist Pflicht.

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          Schwarz ist bunt. Diese neue Farbenlehre haben die Leipziger wieder über Pfingsten erfahren. Mehr als 20 000 „Grufties“ waren zum 20. Wave Gotik Treffen (WGT) in die Stadt gekommen, zum weltgrößten Treffen der dunklen Szene. Eigentlich müsste es „gothic“ heißen, denn die Ursprünge liegen in England. Aber für das WGT wurde dass „h“ einfach weggelassen und ist inzwischen zum Markenzeichen geworden.

          Schwarz ist die bestimmende Farbe, die in den zurückliegenden vier Tagen die Leipziger Innenstadt und das Agra- Gelände im Süden, wo einst die wichtigste Landwirtschaftsmesse der DDR stattgefunden hat, dominiert hat. Aber das Schwarze ist längst aufgelockert und ergänzt um silbern glänzende Haken und Ösen und Ketten und Nieten, die die schwarze Kleidung verzieren. Grelle Neonfarben stehen in auffallendem Kontrast und lassen das Schwarz leuchten. Längst gehören aufwendige viktorianische Kostüme mit Reifröcken, bunten Korsetts und Schleppen zur Szene wie die Mittelalter-Freaks, die sich in das grobe Gewebe vergangener Jahrhunderte hüllen. Viele Kostüme sind selbst entworfen und in mühsamer Handarbeit genäht. Es gibt aber acu einen ganzen Markt in der alten Messehalle, der alles Erdenkliche und manches Überraschende bereit hält.

          Mann oder Frau?

          Was vom Körper noch zu sehen ist, ist aufwendig geschminkt meist in weißer Blässe. Viele scheinen auch die Sonne des Frühsommers bis zu diesem Wochenende gemieden zu haben. Die Augenbrauen sind nachgezeichnet und enden oft in jugendstilartigen Schleifen und Blüten. Knallrote Lippen sind mit zartem schwarzen Strich konturiert. Aufgeklebte Pailletten funkeln im Gesicht. Wem das nicht reicht, meist jungen Männern, der hat sich Piercings durch Lippen, Nase oder Ohren gestochen, was nicht immer eine Verschönerung ist.

          Sie kamen wegen der Musik - und fast alle trugen  Schwarz.
          Sie kamen wegen der Musik - und fast alle trugen Schwarz. : Bild: dpa

          Das filigrane Schminken ist überwiegend Sache der Frauen und Mädchen, aber auch viele Männer stehen ihnen darin in Nichts nach. Junge Jungs, die offensichtlich noch nicht wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sein wollen, kommen im bauchfreien T-Shirt daher. Die noch zarten Glieder sind geschmückt mit Ketten, Ringen und Ohrringen, die Haare dramatisch drappiert. Auf den ersten Blick ist oft nicht zu entscheiden, ob einem da ein Mann oder eine Frau entgegen kommt. Die androgyne Selbstdarstellung ist fester Bestandteil des Verkleidungsspiels. Einige haben Röcke angezogen, die kaum länger sind als die 15 Zentimeter der Absätze ihrer schweren Stiefel auf acht Zentimeter hohen Sohlen. Herrenröcke sind weit verbreitet. Sie reichen bis zu den Schuhen und verbergen die stoppeligen Männerbeine. Andere zeigen auf freien Körperteilen kräftige dunkle Tatoos. Wieder andere tragen Uniformen und Reiterstiefel, die an die Nationale Volksarmee erinnern oder Gedanken an die SS aufkommen lassen. Aber auf den Spiegeln am Revers und auf den Schultern sind nirgendwo verbotene Symbole auszumachen, stattdessen irgendwelche Phantasieornamente. Fetisch-Freunde zeigen sich in ihren bizarren Kleidungsstücken.

          Geblieben ist der Wunsch, anders zu sein

          Es ist ein großes Schaulaufen in den Einkaufsstraßen Leipzigs und vor den Eingängen zur Agra. Man zeigt sich gern. Warum sonst hätte man sich auch sonst so herausputzen sollen. Ein kleines Zeichen genügt und schon stellen sie sich in Positur für ein Foto von Jedermann. Sie mustern sich gegenseitig, finden das eine blöd und betrachten mit Respekt und Bewunderung gelungene Kostümierungen.

          Es ist schwer zu sagen, was diese bunte Gemeinde auf schwarzem Grund eigentlich verbindet und zusammenhält. Das Schwarze verbindet, es ist die Grundfarbe, und schwarz ist Pflicht. Ende der achtziger Jahre, als die Bewegung sich langsam formierte, war sie Ausdruck der Verweigerung und des Protestes, der Abgrenzung und Abkehr, wie auch die schwarzen Mönchskutten, die auch in Leipzig zu sehen waren. Sie wollten nicht den Moden und Trends folgen, die andere bestimmten. Schaurig sollte es sein und schockieren. Das Schaurige aber gehört inzwischen zum Alltag und schockt niemanden mehr. Geblieben ist der Wunsch, anders zu sein. Das kann man immer noch in der schwarzen Szene. Hier kann sich jeder geben, wie er will, und deshalb wird es immer bunter. Das Schaurige findet seinen Spiegel in einer neuen Ästhetik, die zum Beispiel in den geschminkten Gesichtern zu sehen ist. Kaum einer will sich absichtlich hässlich machen, sondern zeigen und ausleben, was in ihm steckt.

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