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Das Litfaß-Denkmal in Berlin erinnert an die erste Annonciersäule, die Ernst Litfaß 1855 aufstellte. Bild: dpa

Schwarze Bretter der Stadt : Was wird aus den Litfaßsäulen?

  • -Aktualisiert am

Litfaßsäulen sind Kult. Und viel mehr als nur auf dem Bürgersteig stehende Werbeträger. Jetzt werden in Berlin 2500 von ihnen abgerissen. Und dann?

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          Wer hätte gedacht, dass Litfaßsäulen einmal ein emotionales Thema werden könnten. Beim Gang durch die Stadt registriert man die beklebten Säulen eher nicht. Nur selten bleibt man bewusst stehen, um sich die Anschläge und Plakate anzuschauen. Und doch haben die Säulen in Zeiten von City-Light-Postern, also elektrischen Werbetafeln, und Videoleinwänden etwas Nostalgisches. So steht es auch auf der Internetseite des Außenwerbe-Unternehmens Ströer: „Litfaßsäulen sind Kult. Ihr analoger Charme macht sie in unserer digitalen Welt zum beliebten und glaubwürdigen Medium.“ Etwa 50000 stehen laut Ströer auf Deutschlands Straßen. Noch. Denn die Säulen sind auf dem Rückzug.

          In Hamburg etwa ist die Zahl der Litfaßsäulen, auf denen Unternehmen werben, seit 2008 von 879 auf 380 zurückgegangen. Auf etlichen werden nun zwar Kulturtermine angeschlagen, 200 Säulen aber sind verschwunden.

          Auch in Berlin werden derzeit Litfaßsäulen abgerissen. Ihr bisheriger Betreiber ist aus dem Geschäft und hat nun bis Ende Juni Zeit, die rund 2500 eigenen Säulen abzubauen. Lediglich 50 sollen als Denkmäler stehen bleiben. Ein Umstand, der offenbar viele Leute berührt. „Erhaltet diese Säule“ steht auf etlichen der nicht mehr genutzten Säulen.

          In Berlin wurde eine Litfaßsäule mit einem Abschiedsgruß beschrieben.

          Die Plätze sollen aber nicht alle leer bleiben, der neue Betreiber, die Ilg-Außenwerbung GmbH, hat bereits 1500 Bauanträge gestellt. Ein Teil der Standorte sei aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit aussortiert worden, sagt Stefan Baumann, Leiter der Ilg-Niederlassung Berlin. „Dazu zählen zum Beispiel Litfaßsäulen in Hinterhöfen.“ Sobald die 1500 neuen Säulen stehen, sollen die 1000 verbleibenden „Altstandorte“ nochmals geprüft werden.

          Neue Standorte kann das Unternehmen erst in drei Jahren erschließen, bis dahin dürfen die neuen Litfaßsäulen nur die alten ersetzen. Trotzdem ist Baumann optimistisch: „Ich schätze, dass in drei bis fünf Jahren wieder ungefähr 2500 Litfaßsäulen in Berlin stehen werden. Etwa 500 davon werden nicht an den bisherigen Standorten sein.“ Gute Nachrichten für alle Fans der geschichtsträchtigen Säulen.

          An einer Litfaßsäule warben verschiedene Partei-Plakate für die Stadtratswahlen, die 1946 in der amerikanischen Zone im besetzten Deutschland stattfanden.

          In Görlitz können Litfaßsäulen inzwischen „adoptiert“ werden. So gab die Stadt bekannt, dass die meisten Litfaßsäulen zwar bis Ende 2021 vermietet sind, diese aber zum Großteil gar nicht genutzt werden. Wer also eine der leeren Säulen für eigene Zwecke nutzen möchte, der kann sich beim Bau- und Liegenschaftsamt der Stadt melden. Voraussetzung ist, dass die „adoptierte“ Säule nicht für kommerzielle Zwecke und Werbung genutzt wird.

          Das freut Jana Krauß, denn die Buchhändlerin kämpft seit wenigen Wochen mit einer Onlinepetition gegen den Abriss von Säulen in Görlitz. „Mir geht es darum, dass dies die schwarzen Bretter der Stadt sind, die genutzt werden können, um miteinander zu interagieren. Litfaßsäulen sollen für Bürger da sein. Ich denke, das ist tatsächlich immer noch der perfekte Platz für Anliegen der Bürger, wie zum Beispiel ‚die Katze ist weggelaufen‘.“ Auch könne sie sich die Säulen als Kunstobjekte vorstellen, bezeichnet sie als „Endloskunstraum“, der immer wieder von verschiedenen Künstlern genutzt werden könnte.

          Ein entsprechendes Beispiel gibt es in Frankfurt – wo die „Frankfurter KunstSäule“ steht. Seit Mai 2017 wird das Projekt von Künstler Daniel Hartlaub und Kulturmanager und Kurator Florian Koch betrieben. Dreimal im Jahr wechseln sich Künstler an der 3,60 Meter hohen Litfaßsäule im Frankfurter „Brückenviertel“ ab und können hier eine eigenes Werk präsentieren.

          Dass sich nun wieder Bürgerinnen und Bürger um die Säulen kümmern und sie für eigene Zwecke nutzen, dürfte ganz im Sinne von Drucker Ernst Litfaß sein. Der Namensgeber der Säulen etablierte die sogenannte „Annonciersäule“ 1855. Ausgangspunkt war der Wunsch nach einem Ort der gebündelten Informationen. Bis dahin wurden die meisten Aushänge an Hauswänden oder Bäumen befestigt. Litfaß sorgte dafür, dass in Berlin Plakate und nur noch an seine Zementsäulen gehängt werden durften.

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