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Der Attentäter von Las Vegas : Pensionierter Buchhalter, Zocker, Massenmörder

  • Aktualisiert am

Tatort: Vom „Mandalay Bay“ schoss Paddock auf die Menschenmenge. Bild: AFP

Er führte ein unauffälliges Leben und war nicht vorbestraft. Doch den Anschlag hatte Stephen Paddock offenbar minutiös geplant. Nun wird auch bekannt: Er war ein notorischer Spieler, sein Vater ein Bankräuber.

          Er war ein pensionierter Buchhalter, lebte unauffällig auf einer Golfanlage in der Wüste von Nevada und hatte keinerlei Vorstrafen: Nichts an der bislang bekannten Vorgeschichte von Stephen Craig Paddock, geboren am 4. September 1953, deutet auch nur ansatzweise darauf hin, was den Weißen zu einer der fürchterlichsten Gewalttaten der jüngeren amerikanischen Geschichte veranlasste. Einziger Eintrag in seiner Akte sei ein Verkehrsdelikt von vor einigen Jahren, teilte die Polizei mit.

          Mindestens 58 Menschen hat der grauhaarige und bärtige Rentner während eines Country-Konzerts in Las Vegas erschossen und mehr als 500 weitere verletzt. Als ein Sondereinsatzkommando das Hotel stürmte und die Tür des Zimmers aufsprengte, von dem aus Paddock minutenlang in die Menge gefeuert hatte, war der 64-Jährige nach Angaben der Polizei bereits tot. Er soll sich das Leben genommen haben.

          Halbmast-Beflaggung in Washington

          „Keine Erkenntnisse zu seiner Weltanschauung“

          Die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) reklamierte die Tat zwar rasch für sich: Der Schütze sei vor einigen Monaten zum Islam konvertiert, behauptete das IS-Propagandaorgan Amaq. Doch nach Angaben der amerikanischen Bundespolizei FBI lieferten die ersten Ermittlungen keinerlei Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund der Tat. Nichts deutete darauf hin, dass Paddock irgendwelche Sympathien für islamistisch-extremistische Gruppen gehegt haben könnte. „Wir haben keine Erkenntnisse zu seiner Weltanschauung“, sagte Sheriff Joseph Lombardo.

          Offenbar hatte der Rentner die Bluttat aber gründlich vorbereitet. Das Zimmer im 32. Stockwerk des Hotel-Casinos „Mandalay Bay“, wo einst Wladimir Klitschko boxte und weltweit beachtete Shows stattfinden, bezog Paddock laut amerikanischen Medienberichten bereits vier Tage vor der Tat, am 28. September. Das Hotel liegt am berühmten Las Vegas Strip. Von seinem Zimmer hatte Paddock eine perfekte Aussicht auf das Festivalgelände auf der anderen Straßenseite. Und er schaffte es, vom Hotelpersonal unbemerkt mindestens zehn Schusswaffen in das Zimmer zu schmuggeln. Am Tag der Tat schlug er die Fenster seines Zimmers mit einem Hammer ein und eröffnete das Feuer aus einer automatischen Waffe, vermutlich einem Sturmgewehr.

          Ob Paddock von politischen Motiven, womöglich von Wahnvorstellungen oder einer Mischung aus beidem angetrieben war, lag zunächst völlig im Dunkeln. Ein Angehöriger zeigte sich geschockt und ratlos. „Es ist, als ob ein Asteroid gerade auf unsere Familie gestürzt wäre“, sagte sein Bruder Eric Paddock in Interviews mit amerikanischen Medien. „Wir haben keine Ahnung, wie das passiert ist.“

          Stephen Paddock lebte in Mesquite, einer Kleinstadt in Nevada, etwa 120 Kilometer nordöstlich von Las Vegas. In dem friedlichen Städtchen wohnen hauptsächlich Rentner, es gibt dort mehrere Golfanlagen und Casinos. Paddock besaß laut Medienberichten einen Pilotenschein und auch eine Jagdlizenz für den Bundesstaat Alaska, wo die Jagd auf Großwild wie Bären und Elche beliebt ist. Eine Durchsuchung seiner Wohnung in Mesquite brachte dann doch noch eine Überraschung. Nachdem es zunächst geheißen hatte, es sei nichts Verdächtiges gefunden worden, gaben die Ermittler bekannt, dass sie in dem Haus ein großes Waffenarsenal, viel Munition und sogar Sprengstoff gefunden haben.

          Die Polizei in Mesquite bestätigte gegenüber CNN, dass bislang noch nie ein Polizist zu der Adresse Paddocks gerufen worden war. Allerdings war zunächst unbekannt, wie lange Paddock dort bereits ansässig war. Wie britische Medien berichten, soll er zuvor in Reno (Nevada) und Melbourne (Florida) gelebt haben. Möglicherweise nutze er mehrere Wohnsitze im Wechsel.

          Zerstörte Fenster an der Fassade des Mandala Bay Hotels. Bilderstrecke

          Sheriff Lombardo beschrieb Paddock als „lone wolf“, also als Einzeltäter. Zwischenzeitlich fahndeten die Beamten auch nach einer Frau, die mit ihm Zeit verbrachte. Nachdem man die 62-Jährige jedoch gefunden und befragt hatte, ließ sich keine Verbindung zwischen ihr und der Tat herstellen. Für die Ermittlungen ist sie nach Angaben der Polizei vorerst nicht mehr von Interesse.

          Vater war ein gesuchter Bankräuber

          Eric Paddock beschrieb seinen Bruder als Normalbürger, nicht als Fanatiker. Politische oder religiöse Verbindungen seines Bruders seien ihm nicht bekannt. Auch einen militärischen Hintergrund oder eine ausgeprägte Passion für Waffen habe der Heckenschütze von Las Vegas nicht gehabt. Er sei hin und wieder nach Las Vegas gefahren, um dem Glücksspiel nachzugehen. Die „Washington Post“ berichtete, er habe notorisch gespielt und auch um hohe Beträge. Frühere Nachbarn sagten Reportern, Paddock habe seinen Lebensunterhalt nach eigenen Angaben mit nächtlichem (Online-)Glücksspiel verdient und oft bis mittags geschlafen.

          Der Vater von Stephen und Eric Paddock war ein gesuchter Bankräuber, der in den Sechzigerjahren aus dem Gefängnis ausgebrochen war und in damaligen Steckbriefen als „psychopathisch“ und suizidgefährdet bezeichnet wurde. Benjamin Hoskins Paddock stand auf einer FBI-Liste der zehn meistgesuchten Straftäter, nachdem er im Februar 1969 aus einem Gefängnis in Texas entkam. Doch sind die Söhne nach Aussage von Eric Paddock nicht unter seinem Einfluss aufgewachsen; sie hätten den Vater nur selten gesehen und später geglaubt, er sei schon tot. Tatsächlich sei er aber erst „in den vergangenen Jahren“ gestorben.

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