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Ukrainer über den Krieg : Vom Einleben und vom Vermissen

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Seit Kriegsbeginn sprechen wir mit Ukrainerinnen und Ukrainern über ihr Leben. Was haben sie in dieser Woche erlebt?

          3 Min.

          Ein trauriger Geburtstag

          Am Sonntag habe ich mit meiner Schwester und meiner Mutter Ostern gefeiert. In die Kirche gehen wir nicht, wir haben aber Kulitsch (vergleichbar mit einem Muffin) gegessen und Eier bemalt. Das ist eine Tradition bei uns.

          Eva Schläfer
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gestern hatte ich Geburtstag. Es war aber ein trauriger. Die meisten meiner Freunde konnte ich nur über Videocall sehen. Als sie mir gratulierten, musste ich weinen, weil ich sie sehr vermisse. Jeden Tag. Genau wie meine Heimat: Ich vermisse nicht nur die Menschen, ich vermisse Tomaten, Gurken und Äpfel aus der Ukraine. Hier in Europa, in den Niederlanden, schmeckt für mich alles nach Plastik. Auch in Deutschland.

          Zum orthodoxen Osterfest gab es traditionell „Kulitsch“ bei Margareta.
          Zum orthodoxen Osterfest gab es traditionell „Kulitsch“ bei Margareta. : Bild: privat

          Eine Freundin erzählte mir vor einigen Tagen, wie sie in der deutschen Bahn gefahren ist. In der zweiten Klasse war alles komplett überfüllt. Dann ging sie in die erste Klasse. Die war leer, und dennoch wollte ein Kontrolleur Geld von ihr. Wenn es in der zweiten Klasse voll ist, warum lässt man die Menschen dann nicht in die erste Klasse? Das erinnert mich sehr an die Ukraine und Westeuropa. Viele von uns dürfen nur rein, weil wir die zweite Klasse füllen sollen, nicht die erste. Ich klinge wirklich zynisch. Vielleicht bin ich heute einfach nur schlecht gelaunt, weil ich an meinem Geburtstag meine Freunde nicht sehen konnte. Zumindest habe ich meine Mutter und meine Schwester bei mir. Sie suchen gerade eine Arbeit. Ich will auch arbeiten. Allerdings ist das in Enschede ohne Sprachkenntnisse nicht so leicht. 
          Margareta, 23 Jahre, Enschede


          Ich werde in Gießen studieren

          Die letzten zwei Wochen, seit ich zurück nach Kiew gekommen bin, waren bizarr, schnell und voller Hoffnung. Vor einem Monat habe ich mich um ein Auslandssemester in Deutschland bemüht. Die Annahme an der Universität Gießen, wo ich im vergangenen Jahr schon einmal ein Semester lang Politikwissenschaften studiert habe, ging blitzschnell und unbürokratisch. Dafür will ich mich bei der Uni-Verwaltung herzlich bedanken! Aber es nahm extrem viel Zeit und Nerven in Anspruch, die entsprechenden Dokumente zu sammeln und diese von den Kriegsbehörden unterschrieben zu bekommen. Es freut mich sehr, dass die Ukraine sich trotz des Kriegs und mehrerer Beschränkungen als studentenfreundlich erweist und uns im Ausland studieren lässt. Das Ausreiseverfahren wurde von dem Oberkommandeur der ukrainischen Armee selbst erläutert.

          Umso mehr fühle ich mich verpflichtet, das Wissen später in den Aufbau der Ukraine zu investieren. Meine Eltern widersprechen, sagen mir, ich soll mich in Deutschland verwurzeln. In der Ukraine gebe es nichts mehr für mich zu suchen, meinen sie. Ihre Ängste verstehe ich, ihre Enttäuschung auch. Sie wünschen mir ein besseres Leben, ohne Gefahr, bürgerlich und satt. Die Dinge, die die Menschen meiner Generation eigentlich lächerlich finden oder fanden, bevor der Krieg ausbrach.

          Wlad transportiert seine Dokumente in diesem Jutebeutel aus Gießen.
          Wlad transportiert seine Dokumente in diesem Jutebeutel aus Gießen. : Bild: privat

          Meiner Stadt Kiew fühle ich mich aber so sehr verbunden, dass ich früher oder später auch wieder dort wohnen möchte. Wieder wurde die Ukraine zum Zentrum des „Weltgeists“. Hier wird sich im gewissen Sinne die Zukunft Europas entscheiden. Ich möchte auf jeden Fall an dieser Entwicklung teilnehmen. Und zwar aktiv. Ich hab keine Lust, mich immer im Westen Europas zu verstecken. Jetzt mache ich aber erst einmal einen Schritt in diese Richtung, indem ich nach Deutschland fahre, um zu studieren. Es geht sofort los.
          Wlad, 20 Jahre, Kiew


          Wir wollen bleiben

          Ich habe die zweite Woche meines Deutschkurses hinter mir. Die Aussprache finde ich schwierig, aber mein Eindruck ist, dass Deutsch eine logische Sprache ist. Mir und meinen Söhnen ist es wichtig, dass wir Deutsch lernen. Kurz nach Beginn des Krieges dachte ich, dass wir, sobald es möglich sein würde, zu meiner Schwester nach Kanada weiterreisen. Aber wir fühlen uns so wohl in Düsseldorf, in Deutschland, dass wir als Familie entschieden haben, hier zu bleiben. 
          Im Theaterprojekt meines jüngeren Sohnes war diese Woche eine Ukrainerin zu Gast, die schon länger hier lebt. Sie hat die  Kinder fotografiert und sie befragt, wie es für sie war, die Ukraine zu verlassen, was ihnen in Düsseldorf gut gefällt, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Sie möchte eine Ausstellung machen. Mein älterer Sohn, der 16 Jahre alt ist, hat auf die Frage nach seiner Zukunft mittlerweile eine Antwort: Sein  Traum ist, in Düsseldorf die Schule zu beenden und dann zu studieren, gerne irgendwas mit Wirtschaft.
          Mein Mann, mit dem wir jeden Tag telefonieren, manchmal sogar morgens und abends, sagt, dass wir die beste Entscheidung für unsere Kinder treffen müssen. Ich denke, dass er als Programmierer in Deutschland gut einen Job finden könnte. Aber solange die ganze Situation so ungewiss ist, fällt es uns beiden schwer, darüber zu sprechen, ob wir vielleicht irgendwann gemeinsam in Deutschland leben werden. Wir drei vermissen ihn sehr. Manchmal, wenn die Jungs sich nicht so benehmen, wie ich mir das wünsche, rufe ich ihn an, und dann muss er ihnen ins Gewissen reden.
          Was wir sicher wissen: Am 12. Mai müssen wir das Hotel verlassen, in dem wir seit fünf Wochen sind. Da es bislang nicht so aussieht, als würde es eine Wohnung für uns geben, rechnen wir damit, in eine Notunterkunft zu kommen. 
          Elena, 43 Jahre, Düsseldorf



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