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Unesco-Welterbe Baden-Baden : Ein Titel für Touristen

Jetzt Unesco-Welterbe: Blick auf die Innenstadt von Baden-Baden, links die Stiftskirche. Bild: dpa

Die Unesco-Fachleute haben es beschlossen: Baden-Baden steht auf der Liste des Weltkulturerbes. Doch was bedeutet der Titel für die schöne Stadt im Nordschwarzwald?

          3 Min.

          Wenn eine Stadt den Unesco-Welterbe-Titel bekommt, wird das politisch sogleich bejubelt. Die baden-württembergische Wohnungsbauministerin Nicole Razavi rief nach der Bekanntgabe des Titels dazu auf, den gemeinsamen Erfolg zu genießen. Die Oberbürgermeisterin von Baden-Baden, Margret Mergen (beide CDU), sprach nach der Verkündung am Samstag von einem Freudentag für ihre Stadt. Dann gab es Champagner aus der Zwei-Liter-Flasche.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Dabei geht der Titelgewinn gar nicht auf eine politische Initiative zurück. Die Stadt und das Wohnungsbauministerium haben die Bewerbung nur begleitet, die Initiative kam von privaten Bürgern. Im Jahr 1999 gründete der damalige IHK-Geschäftsführer Hans-Peter Mengele den „Freundeskreis Lichtentaler Allee“, nachdem der Orkan Lothar in der für das Stadtbild so bedeutsamen Allee einige Bäume entwurzelt hatte. Später recherchierte Mengele über das Palais Biron, eine von Auguste de Meuron im Neobarock entworfene Stadtvilla. Mengele begriff die kulturhistorische Bedeutung der Stadt und gründete einige Zeit später die „Initiative Weltkulturerbe“. 2016 wurden von 45 europäischen Städten elf ausgesucht, 2019 reichte die Stadt eine 1500 Seiten starke Bewerbung ein. Maßgeblich unterstützt wurde die Initiative vom früheren Direktor von Brenners Parkhotel, Frank Marrenbach.

          Was bedeutet der Titel politisch?

          Seit dem Beschluss der Unesco-Fachleute steht der größte Teil der Innenstadt nun unter Welterbe-Schutz. Dazu gehören, grob gesagt, das Festspielhaus, die Lichtentaler Allee, das Kurhaus, die Bäderhäuser, die Grand Hotels sowie die Villenviertel in Hanglage. Die Frage ist nun, was der Titel Baden-Baden eigentlich bringen wird und was er politisch bedeutet: Die städtebauliche Satzung muss nicht geändert werden, finanzielle Belastungen drohen der nicht sonderlich solventen Stadt zunächst auch nicht. „Seit 2009 steht ein Teil unserer Innenstadt unter Denkmalschutz, 2018 wurde das Gebiet noch einmal erweitert“, sagt Lisa Poetschki, Leiterin der Stabsstelle Weltkulturerbe-Bewerbung. „Das heißt, wenn wir etwas bauen, sind die untere Denkmalschutzbehörde und das Landesamt für Denkmalschutz immer involviert. Für strittige Fälle zwischen Bauverwaltung und privaten Investoren haben wir einen Gestaltungsbeirat.“

          Schon vor der Erlangung des Titels war man sich in Baden-Baden einig, dass man bei Villensanierungen Einheitsarchitektur keinesfalls mehr dulden möchte. Deshalb gibt es auch für die Villenviertel eine Gestaltungssatzung. „Wir werden Investoren stärker an die Kandare nehmen“, sagt Poetschki. „Künftig zählt beim Renovieren das öffentliche Interesse noch stärker.“

          Baden-Baden brauche eine Mobilitätswende

          Darüber hinaus dürfte auf die städtebaulichen Probleme künftig noch genauer geschaut werden. Oft kaufen private Investoren historisch wertvolle Gebäude, ohne die Sanierung leisten zu können. Das Neue Schloss auf dem Florentinerberg verfällt seit Jahren, die Sanierung des Hotels „Europäischer Hof“ kam über 15 Monate nicht voran, weil der Investor insolvent war. Solche Bauprobleme werden künftig noch stärker öffentlich diskutiert werden. Außerdem wird in Baden-Baden noch lebhaft debattiert, wann die Stadt CO2-neutral sein soll und wie stark man die Windenergie nutzen will. Eine Mehrheit aus CDU, Freien Bürgern, FDP und Freien Wählern will im Stadtwald keinesfalls Windräder bauen – vom Leopoldsplatz oder vom Kurhaus sollen die Touristen nur den puren Schwarzwald sehen. Windräder sollen nur in der windarmen Rheinebene genehmigt werden.

          Viele Bürger und auch die Grünen, die zwar die stärkste Fraktion bilden, aber keine Mehrheit haben, fürchten nach der Verleihung des Titels eine sprunghafte Zunahme des Tagestourismus. Vor der Pandemie zählte das Verkehrsamt pro Jahr regelmäßig eine Million Übernachtungen. „Als Weltkulturerbe-Stadt hat Baden-Baden die große Chance, den Tourismus qualitativ zu verbessern“, sagt der grüne Landtagsabgeordnete Hans-Peter Behrens. „Nur auf Quantität setzen bringt wenig, denn mehr Tagestourismus steigert das Verkehrsaufkommen und bringt der Hotellerie nur wenig.“ Baden-Baden brauche eine Mobilitätswende. Behrens ist wie der Präsident des Landesdenkmalamts, Claus Wolf, der Meinung, dass Windräder in 30 Jahren ein Teil der Kulturlandschaft sein können und sie das Welterbe nicht zwingend einschränken. „Der Ausbau der Windenergie lässt sich mit den jetzt gestiegenen Anforderungen an den Denkmalschutz vereinbaren, sonst kann die Stadt ja die Klimaziele nicht erreichen“, sagt er.

          Der CDU-Landtagsabgeordnete Tobias Wald sieht es anders: „Es gibt andernorts windhöffigere Standorte.“ Für Windräder auf dem Hausberg der Stadt – dem Merkur – und für das Klimaschutzkonzept gibt es im Gemeinderat derzeit keine Mehrheit.

          Der Chef des Landesdenkmalamts, Claus Wolf, sagt, das Land habe sich verpflichtet, das Weltkulturerbe zu schützen. „Falls es Anträge auf den Bau von Windrädern geben sollte, werden wir damit deshalb sensibel umgehen und eine Sichtraumanalyse machen.“ In 30 Jahren würden Windräder „ganz selbstverständlich“ zur Kulturlandschaft gehören. „Wir können natürlich hinter der Schlossruine in Baden-Baden kein Windrad bauen. Das muss auch klar sein.“ In Baden-Baden gibt es für den Bau von Windrädern auf dem Merkur, dem Hausberg der Stadt, im Gemeinderat derzeit keine Mehrheit.

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