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22 Stunden Bahnreise : Was erlebt man im Zug von Berlin nach Moskau?

Am Fenster: Bahnhof in Smolensk Bild: Alexander Haneke

Vergilbter Glanz war gestern: 22 Stunden Bahnreise im Schnellzug Strizh von Berlin nach Moskau verändern den Blick auf die Welt.

          7 Min.

          Für ein Lächeln ist jetzt nicht der richtige Moment. Es ist Montagabend kurz nach acht, und die Schaffnerin von Wagen 211 möchte, dass alles nach Vorschrift abläuft. Fahrkarte, Reisepass, Visa. Doch irgendetwas fehlt der resoluten Dame noch. Immer wieder zeigt sie auf das „Billjet“ und verlangt ein weiteres Dokument, das der Reisende, der kein Russisch versteht, nicht bieten kann. Es muss sehr wichtig sein. Der Blick der Dame ist so streng, als wäre die Reise schon hier zu Ende.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Doch dann ein Blick auf die Uhr, und alles ist plötzlich egal. Vorschrift ist zwar Vorschrift, aber der Zug muss pünktlich abfahren. Mit einem Wink der Schaffnerin geht es hinein in den schmalen Gang des Strizh, des Schnellzugs der russischen Bahngesellschaft RZD von Berlin nach Moskau. Die Schaffnerinnen, die vor jeder Tür des langen Zuges postiert sind, gleiten ins Innere. Abfahrt - mit einem kleinen Ruck geht es pünktlich um 20.22 Uhr vom Berliner Ostbahnhof los. 22 Stunden und 36 Minuten wird die Reise dauern, 1886 Kilometer lang wird sie sein.

          Dass die Fahrt für Eisenbahn-Nostalgiker nicht die reine Freude würde, hatte sich schon bei der Reservierung der Fahrkarte angedeutet. Die freundliche Dame am Telefon wies darauf hin, dass die russische Staatsbahn seit anderthalb Jahren einen neuen Schnellzug auf der Strecke von Berlin nach Moskau einsetze. Vorbei die Möglichkeit, in alten Schlafwagen aus der Sowjet-Ära mit Blümchenteppichen und Tischdeckchen aus sozialistischer Spitze eine Zeitreise unter dem glitzernden Glasdach des Berliner Hauptbahnhofs zu unternehmen.

          Vergilbter Glanz war gestern

          Im Strizh, dem russischen Wort für Mauersegler, sollen fortschrittliche Kunststoffoptik in hellem Grau und abwischbare Oberflächen Russlands modernes Selbstbild zeigen. Hellblauer Linoleumfußboden, eine digitale Anzeigetafel mit Reisegeschwindigkeit, Temperatur, Uhrzeit. Vergilbter Glanz war gestern.

          Trotzdem musste die Fahrt sein. Denn in Zeiten, da die Menschen wie selbstverständlich für ein Wochenende durch die Welt fliegen und der Easy-Jet-Set von der Überwindung aller räumlichen Zwänge zwischen den Metropolen der Welt träumt, kann man in diesem Zug noch die wirkliche Entfernung zwischen Berlin und Moskau erfahren.

          Im Abteil sind die Sitze im intensiven Mittelblau der russischen Staatsbahn bezogen. Die Betten darüber können ausgeklappt werden, für jeden Reisenden gibt es ein Leselicht und einen Getränkehalter aus Edelstahl, dazu ein Waschbecken, das ins Tischchen am Abteilfenster integriert ist. Bettzeug, kleines Handtuch, blaue Einwegpantoffeln und Kopfhörer für das Bordunterhaltungsprogramm mit immerhin fünf Kanälen.

          Kein Reisegenosse kommt ins Abteil

          Gebucht war ein Platz im Vierer-Liegewagen zum Preis von 177 Euro. Den Ausschlag gegeben hatte weniger das Kostenbewusstsein als die Hoffnung auf Geselligkeit, Kartenspiele und Verbrüderungsszenen zu später Stunde bei Wodka und Speck. Doch die wird schnell enttäuscht. Kein Reisegenosse kommt ins Abteil, während der Strizh langsam die östlichen Bezirke der Stadt hinter sich lässt. Ein paar ältere Russen und ein junger Familienvater hieven auf dem Gang eilig riesige Taschen hin und her, obwohl eigentlich kein Grund zur Hast besteht. Für ein unverbindliches Kennenlernen auf dem Gang hat hier niemand Zeit.

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