https://www.faz.net/-gum-7ztm8

Dating-Portale : Welches Kunstwerk wären Sie gern?

  • -Aktualisiert am

Die Liebe ist nicht leicht zu finden. Bild: dpa

Es ist Valentinstag: Horror für einsame Singles. Viele melden sich wieder bei Partner-Portalen im Internet an. Dort geben sie alles für das große Glück. Und verhindern es damit.

          3 Min.

          Liebe ist kein Zufall, verspricht die lächelnde Blondine auf dem Plakat. Sie wirbt mit dem Spruch für eine Partnervermittlung im Internet. In ganz Deutschland hängt ihr Gesicht, und überall dieselbe Verheißung: Auf Liebe muss man nicht warten. Liebe liegt in der eigenen Hand. Nur einen Klick entfernt. Ziemlich viele Menschen glauben der Blondine. Rund sieben Millionen Deutsche suchen im Internet nach einem Partner. Jede fünfte Beziehung beginnt heute online. Den Singles stehen über 2000 Anbieter zur Verfügung; es gibt Portale für einsame Dicke, einsame Schwule, einsame praktizierende Katholiken, einsame Großstadt-Hipster und für viele Einsame mehr.

          Diese Dating-Portale funktionieren fast alle nach demselben Prinzip: Der Single legt sich ein Profil zu und lässt sich dann von einem „Matching-Algorithmus“ passende Partner vorschlagen. Deren Profile guckt er sich in Ruhe durch wie Schaufenster bei einem Einkaufsbummel. Wenn eines gefällt, schickt er dem Profil eine Nachricht. So einfach. Man könnte denken: Wer da noch allein ist, muss ein Versager sein. Oder hat sein Schaufenster nicht hübsch genug gemacht. Denn wie sich die Singles darstellen, ist entscheidend. Es bestimmt darüber, ob andere sie anschreiben. Ein Portal wirbt für besonders eifrige Selbstbewerbung; angeblich erhalten „interessante, ausgefüllte Profile fünfmal mehr Anfragen“.

          Also will jeder ein hübsches Schaufenster sein. Dazu gehört natürlich ein tolles Foto: Die Menschen präsentieren sich beim Sport, vor einer internationalen Sehenswürdigkeit oder neben der schicken Karre. Die Kulisse ist mindestens so wichtig wie der Rest. Schwieriger ist es mit den Antworten auf die Standardfragen, die das Profil vorgibt: Welches Kunstwerk wären Sie? oder Was macht Sie glücklich? oder Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Wochenenden? Das Herzstück bei der Seite „Elitepartner“ ist aber die Frage: Was ist das Besondere an Ihnen? Auf die antworten alle gleich: „Dass ich so humorvoll, flexibel und zuverlässig bin.“ Viele sind auch „kreativ“, „bewahren immer Ruhe“ oder können „gut zuhören“.

          Alle schreiben das gleiche

          Die Nutzer schreiben das hin, was alle schreiben. Weil sie denken, dass es gut ankommt. Wie Supermärkte, die alle gleich angeordnet sind, ordnen sich alle Persönlichkeiten gleich an. Das gilt sogar für die sonst so „individuellen“ Hipster-Singles: Auch sie haben alle dieselben Interessen (eigene Band, Kunst), arbeiten an denselben Orten (Event-Manager, Werbebranche, irgendwas mit Kommunikation), laden dieselben Bilder von sich hoch (lachend, im Gespräch, in der cool eingerichteten Wohnung oder im stylischen Büro). Wer richtig für sich wirbt, glaubt so auch Liebe zu erwerben.

          Dafür trainieren viele User schon täglich auf Facebook, Instagram oder Google+. Auch dort schreiben sie, was sie für cool halten. Sie laden die Bilder hoch, die zeigen sollen, dass sie ein tolles Leben führen. Mehrmals am Tag gehen sie online, prüfen ihren Status, feilen an ihrem Selbstbild. Das verändert sie. Sie sehen sich immer mehr durch die Augen der anderen User. Nicht durch ihre eigenen.

          Dabei ist es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen versuchen, einen guten Eindruck zu hinterlassen, sich vorteilhaft darzustellen, sich hübsch anzuziehen. Besonders, wenn sie unsicher sind. Es ist aber ungewöhnlich, dass sie das dauernd, überall und in jeder Lebenssituation tun. Ständig blinken die Online-Profile in ihren Köpfen. Bis die Profile ihr Handeln bestimmen. Schon heute gehen manche Menschen auf Partys, damit sie sich dort fotografieren und das Bild hochladen können. Oder sie lesen Bücher und sehen Filme, nur damit sie sie „liken“ können – wenn sie sie überhaupt noch lesen und sehen. Sie besorgen sich die Musik, verfolgen die Trends und kleiden sich so, wie es sich in ihrem Netzwerk gehört. Sie zeigen online ein Leben, von dem sie glauben, die anderen fänden es gut, und leben es dann nach. Sie werden zu der Person, die sie für beliebt halten. Bis sie nicht mehr wissen, welche Person sie wirklich sind. Sie wissen nicht mehr, wie sie sich ohne Beobachtung verhalten würden.

          Aus den Allerweltsantworten auf den Partner-Portalen spricht nichts Anderes als diese Ratlosigkeit: Die Singles können gar nicht sagen, wer sie sind und was sie mögen, weil sie es nicht mehr wissen. Sie antworten darum das, was unbestimmt, durchschnittlich, angepasst ist.

          Es ist nur ein Bild von Liebe

          Manche Portale bieten schon „wissenschaftliche Persönlichkeitstests“ an, mit denen Kunden Erkenntnisse über sich selbst gewinnen können. Offenbar haben sie die sonst nicht mehr. Für diese Tests müssen die Singles natürlich bezahlen und tun es auch. Denn sie wollen ja unbedingt erfahren, wer sie sind, „was sie in einer Beziehung brauchen, um glücklich zu sein“. Mit den Ergebnissen basteln sie dann weiter am perfekten Bild von sich, von dem perfekten Partner, von der perfekten Beziehung. Sie suchen nach den Eigenschaften, die das Online-Portal als ihre eigenen und diejenigen des Traumpartners ausspuckt und glauben, so Liebe zu finden.

          Aber sie bekommen nur ein Bild; ein Bild von Liebe, von sich selbst und von ihrem perfekten Partner. Ein Bild von den Eigenschaften, die sie sich von allen dreien erträumen. In der Realität wird dieses Bild zerbrechen. Denn die Eigenschaften existieren nicht. Sie sind nur antrainiert, durch Selbstbeobachtung angeeignet, von außen vorgeschlagen. Und selbst wenn sie echt wären, hätte das alles mit Liebe nicht viel zu tun. Denn Liebe beruht nicht darauf, dass jemand gewisse Eigenschaften erfüllt. Sondern auf diesem Teil des Menschen, der die Summe der Eigenschaften übersteigt. Auf diesem Teil, der sich nicht erklären oder beschreiben lässt. Und der schon gar nicht in Bildern oder irgendwelchen Vorstellungen existiert.

          Schlimmer noch: Durch die Vorstellungen wird dieser Teil verwirrt, verbogen, zerteilt, zerstört. Denn niemand kann sein und sich gleichzeitig beim Sein beobachten. Niemand kann lieben und sich oder den anderen beim Lieben zugucken. Genau das macht Liebe ja so beängstigend: Sie lässt sich nicht kontrollieren. Nicht berechnen, nicht planen, nicht erwerben. Sie ist ein Geschenk.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Das war nichts: Axel Witsel (Zweiter von links) und Borussia Dortmund verlieren in Mailand.

          Pleite in Champions League : Dieser BVB reicht nicht

          Mit der ersten Chance trifft Inter Mailand gegen Dortmund. Der BVB erholt sich davon bis zum Schlusspfiff nicht und muss sogar noch einen weiteren Rückschlag einstecken. Besonders eine Situation dürfte die Borussia deshalb besonders ärgern.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.