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Gefährliche E-Zigarette : Mehr Nikotin als in einer ganzen Schachtel

  • -Aktualisiert am

Ein junger Mann raucht eine E-Zigarette der Marke „Juul“. Bild: dpa

Die E-Zigarette „Juul“ ist an amerikanischen Schulen ein Hit. Doch der elektrische Glimmstengel ist gefährlicher als viele glauben.

          Auf amerikanischen Schultoiletten dürfte es Juuls genau genommen gar nicht geben. Die elektrischen Zigaretten im schlanken Design eines USB-Sticks sind mit bis zu 50 Milligramm Nikotin je Milliliter Flüssigkeit nicht nur hoch dosiert, sondern für Minderjährige auch verboten. Dennoch verströmen Schultoiletten zwischen New York und Los Angeles seit Monaten den Duft von Mango, Minze und Crème Brûlée, den beliebtesten Geschmacksrichtungen der sogenannten Dampfer.

          Schulbezirke wie Massapequa im Bundesstaat New York haben Detektoren installiert, die bei einer Veränderung der chemischen Zusammensetzung der Toilettenluft Warnsignale abgeben. Andere experimentieren mit begleiteten Toilettengängen und harten Strafen, um das „Juuling“ einzudämmen. Die Versuche, junge Amerikaner von der modischen E-Zigarette fernzuhalten, scheitern aber immer wieder.

          Nach einer Studie der Stiftung Truth Initiative, die sich seit fast 20 Jahren gegen Tabakkonsum bei Jugendlichen einsetzt, greifen Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren schon 16 Mal häufiger zu Juuls als ältere Amerikaner. Wie die Studie zeigt, beschränken sich viele Jugendliche nicht auf gelegentliche Züge, sondern nutzen die Dampfer regelmäßig. Unter Amerikanern im High-School-Alter sind E-Zigaretten zum beliebtesten Tabakprodukt avanciert. Mit einem Marktanteil von mehr als 70 Prozent ist das kalifornische Unternehmen Branchenführer.

          Beobachter schreiben die Faszination für die E-Zigarette dem Design im Apple-Look, den fruchtigen Duftnoten und dem Tarnpotential zu. Lehrer verwechseln den schlichten, eckigen Stift oft mit USB-Sticks und Textmarkern. Obwohl das Mindestalter für Nikotinkonsum je nach Bundesstaat zwischen 18 und 21 Jahren liegt, ergab eine Untersuchung des Zentrums für Technologie und Gesundheit der University of Pittsburgh, dass mindestens ein Viertel der Follower von Juuls Twitter-Seite noch keine 18 ist. „Das Unternehmen behauptet, keine Jugendlichen ansprechen zu wollen. Dass ein großer Teil seines Twitter-Publikums unter 18 ist, sollte zu denken geben“, sagte Kar-Hai Chu, der Autor der Studie. Juul, das die E-Zigarette vor vier Jahren in den Vereinigten Staaten auf den Markt brachte und seine Produkte von kommender Woche an auch in Deutschland verkauft, verweist derweil auf Erwachsene als Zielgruppe. Die Geräte sollen Rauchern angeblich helfen, die Nikotinsucht hinter sich zu lassen.

          Die amerikanische Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel (FDA) warnt dagegen vor der nächsten Generation von Abhängigen. Bei Jugendlichen registrierte sie im Jahr 2018 einen um fast 80 Prozent höheren Konsum von E-Zigaretten als im Vorjahr. Insgesamt griffen in den vergangenen zwölf Monaten 3,6 Millionen Schüler zu Dampfern. Um die „Epidemie“ zu stoppen, sollen Händler strenger kontrolliert werden, die in Verdacht stehen, an Minderjährige zu verkaufen. Da viele Jugendliche nicht wissen, dass jede Kartusche der E-Zigarette trotz Fruchtaroma mehr Nikotin enthält als eine Schachtel Zigaretten, plant die Behörde zudem Aufklärungskampagnen.

          Juul und andere Anbieter beschäftigen auch die Gerichte. Die Mutter eines Fünfzehnjährigen reichte im Juni in New York Klage ein, weil Juul die E-Zigaretten mit unnötig viel Nikotin anreichere. Ihr Sohn, in den Prozessakten „D.P.“ genannt, sei inzwischen schwer nikotinabhängig, reizbar und nicht länger in der Lage, dem Unterricht zu folgen. Angeblich hatte D.P. im Schulbus, auf der Toilette und auch während des Unterrichts regelmäßig zu Juuls gegriffen. Als der Jugendliche die Schule wechselte, begegnete er den modischen Sticks auch an der neuen High School.

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