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Warntag 2022 : Um elf Uhr wird es laut

Sirenen in Wiesbaden: Nicht überall können Menschen so gewarnt werden – viele Sirenen wurden in Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges abgebaut. Bild: Landeshauptstadt Wiesbaden

Der zweite bundesweite Warntag an diesem Donnerstag soll zeigen, wo es im deutschen Katastrophen-Warn-Wirrwarr überall hakt. Auf einem neuen System liegen dabei besonders große Hoffnungen.

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          Es herrscht eine gewisse Nervosität kurz vor dem zweiten Warntag seit der Wiedervereinigung an diesem Donnerstag. Vom ersten Warntag vor zwei Jahren hatten viele in der Bevölkerung nämlich nichts mit­bekommen. Hätte es am 10. September 2020 tatsächlich eine bundesweite Kata­strophe gegeben – ein beachtlicher Teil der Bürger hätte es viel zu spät erfahren.

          Sarah Obertreis
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Das war einerseits erschreckend. Auf der anderen Seite erfüllte der erste Warntag seinen Zweck: Er offenbarte die verheerenden Schwachstellen im deutschen Katastrophenschutz. „Das war tatsächlich etwas sehr Gutes“, sagt Martin Voss. „Sonst hätte niemand darüber gesprochen, dass wir keine funktionierende Warninfrastruktur haben.“ Der Sozialwissenschaftler forscht an der Freien Universität Berlin zu Katastrophen und Resilienz. Er erwartet an diesem zweiten Warntag keine deutlichen Verbesserungen. Aber er lobt die Re­gierung immerhin dafür, dass sie nach zwei Jahren nun kurz davor ist, das „zweitbeste“ Warnsystem nach der guten alten Sirene einzuführen: Cell Broadcast.

          Die Technik soll es ermöglichen, dass an diesem Donnerstag um elf Uhr eine Probe-Warnmeldung auf alle kompatiblen Handys im Bundesgebiet ausgespielt wird. Je nach Mobilfunkbetreiber werden weitere Signale die Meldung begleiten. Bei Vodafone etwa wird ein Warnton schrillen. Kompatibel bedeutet in diesem Fall: Die Geräte laufen mit Betriebssystemen von Android 11 an beziehungsweise von iOS 15.6.1 an (auf allen iPhones von dem Modell 6s an möglich). Wenn alles gut geht – und man sich nicht gerade in einem Funkloch befindet – sollte einen die Probewarnmeldung ohne Weiteres erreichen. 45 Minuten später senden die Behörden eine Probeentwarnungsmeldung.

          Bei Stromausfall nützt Cell Broadcast nichts

          Am 23. Februar 2023 soll Cell Broadcast dann offiziell eingeführt werden. Andere europäische Länder, Japan und Amerika nutzen die Technik bereits. Sie ermöglicht es den Behörden, alle Handys, die an ei­nem Funkmast eingewählt sind, anonym zu erreichen. So können die Warnungen auch auf bestimmte Regionen begrenzt werden. Die Technik soll auch funktionieren, wenn Telefonate wegen einer Überlastung des Netzes nicht möglich sind.

          Es gibt jedoch ein Szenario, in dem auch Cell Broadcast nichts mehr nützt: Bei Stromausfall müssen die Behörden und Einsatzkräfte auf andere Medien ausweichen, die am Donnerstag ebenfalls erprobt werden. Um elf Uhr werden die Warnungen über mehr als 100 Radio- und Fernsehsender laufen. In manchen Städten werden Polizei, Ordnungsamt oder Feuerwehr mit Lautsprecherwagen durch die Straßen fahren. Und manchmal werden auch die Sirenen schrillen – einige von ihnen sind unabhängig vom Stromnetz.

          Sie sind die größte Baustelle im ­deutschen Katastrophen-Warnwirrwarr. Nach dem Kalten Krieg fühlte man sich so sicher, dass man die meisten Sirenen abbaute. An die Folgen der Klimakrise dachte damals kaum jemand, und das World Trade Center ragte noch in den New Yorker Himmel. Erst mit dem 11. September und dem verheerenden Elbe-Hochwasser 2002 setzte sich nach und nach die Erkenntnis durch, dass man die Sirenen doch gut gebrauchen könnte. Beim Umdenken halfen auch der er­schreckend leise verlaufene erste Warntag 2020 und die Flut im Sommer vergangenen Jahres. Im Ahrtal kamen damals mindestens 134 Menschen ums Leben, viele waren vor den tödlichen Wassermassen nicht gewarnt worden. Mittlerweile wurde in dem Tal für zwei Millionen Euro ein neues Sirenennetz mit 85 Anlagen auf Dächern und Masten installiert, im September gab es dort schon einen erfolgreichen Probealarm.

          In Berlin und Stuttgart wird es leise bleiben

          Da es teuer und aufwendig ist, Sirenen neu zu installieren und alte zu digitalisieren, wird es auch in diesem Jahr noch vielerorts leise bleiben. In Berlin zum Beispiel. Oder in Stuttgart, wo die Stadt nur vage mitteilt: „Der Aufbau einer stadtweiten Sirenenwarnung ist für die kommenden Jahre in Planung.“ Der Bund hat für den Sirenenwiederaufbau rund 88 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das reiche bei Weitem nicht, heißt es von den Ländern. Allein Schleswig-Holstein hat einen Finanzierungsbedarf von 55 Millionen Euro angemeldet.

          Funktionieren die Sirenen, wird direkt die nächste Baustelle hörbar: das Tonchaos. Die Sirenensignale weichen von Stadt zu Stadt so stark voneinander ab, dass es für Unwissende schwer möglich ist, Warnung und Entwarnung zu unterscheiden. Bielefeld zum Beispiel wird am Donnerstag mit einem einminütigen Dauerton beginnen (gilt eigentlich als Entwarnungssignal), fünf Minuten später werden die Sirenen eine Minute lang auf- und abschwellend heulen (gilt eigentlich als Warnsignal), nur um weitere fünf Mi­nuten später wieder den einminütigen Dauerton von sich zu geben. In anderen Städten heulen die Sirenen nur zwölf Sekunden lang auf- und abschwellend. In Wiesbaden wird man um elf Uhr eine Mi­nute lang den Warnton hören, eine Dreiviertelstunde später den einminütigen Ent­warnungston.

          Die hessische Landeshauptstadt beteiligt sich auch an den Probewarnungen über Anzeigentafeln von Bussen und Bahnen und über Werbetafeln. Sie sind ein weiterer Bestandteil des „Warnmixes“, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) seine Strategie nennt. Dazu gehören auch Warn-Apps wie Nina mit inzwischen 13 Millionen Nutzern. 2020 war die Probewarnung über die App mit 35 Minuten Verspätung angekommen. Der Katastrophenforscher Martin Voss nimmt an, dass es dieses Jahr deutlich besser klappen wird.

          2021 war der Warntag ausgefallen, weil sich das BBK nicht ausreichend vorbereitet fühlte. Von kommendem Jahr an soll an jedem zweiten Donnerstag im September im ganzen Land zur Probe gewarnt werden. Voss hofft, dass dadurch mehr und vor allem transparenter über den richtigen Katastrophenschutz und das Gefahrenbewusstsein diskutiert wird. „Aktuell haben wir eine Kultur des Erst-gar-nicht-drüber-Nachdenkens“, sagt er.

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