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Liebesversuch mit Bäumen : Mein Waldtrauma

  • -Aktualisiert am

Immer wieder grüne Inseln in der Hauptstadt Berlin! Bild: dpa

Ob in den Schrebergärten der Vorstädte oder zahlreichen Oasen inmitten der Großstadt: Die Deutschen mögen es grün, die Deutschen lieben ihre Bäume. Doch ich habe ein seltenes Trauma.

          6 Min.

          Das Kind sitzt hinten im Auto und sagt: „Die Stadt ist eine graue Wüste.“ Es ist Frühling in Berlin, und nirgendwo gibt es so viele Stadtbäume wie hier. Das Kind sagt, der Waldorflehrer habe das behauptet. Der hatte sich von einer baumarmen Insel in die Hauptstadt versetzen lassen, er kam also freiwillig in die angeblich so graue Wüste. Dabei kann es in Berlin vorkommen, dass man im Stau steht, weil der Wassertankwagen einer Baumschule frisch gepflanzte Ebereschen wässert, Bäumchen für Bäumchen. Ebereschen, auch Quitschen genannt, sind die Bäume, deren zermatschte rote Beeren im Herbst auf dem Bürgersteig liegen. Die Deutschen lieben sie, denn sie sind germanische Bäume. Während die Römer Weintrauben kultivierten, aßen die Germanen im Wald bittere Vogelbeeren.

          Ich fühle mich definitiv als Römerin. Aufgewachsen bin ich diesseits des Limes, dort, wo der Wein wächst und das Essen schmeckt. Schon als Kind habe ich mich bei Wanderungen im Taunus zwischen den säulenhohen Buchenstämmen unbehaglich gefühlt. Kein Ast weit und breit, der einem auf der Flucht vor einem Wolfsrudel Halt geboten hätte. Immer war es dort dunkel und kalt. Nicht nur im Märchen kann man im Wald verhungern. Obstbäume dagegen schenken den Menschen etwas, und wenn sie nicht mehr tragen, werden sie mitsamt der Wurzel ausgerissen. Wie nutzlos sind dagegen die alten Linden vor meiner Haustür in Berlin. Die dicken schwarzen Äste, von denen Krähen kacken, verunzieren die kleine Straße. Im Sommer suppt monatelang klebriges Zeug auf die Autos. Es riecht dann nach ranziger Butter. Betreten kann man die Parkzone unter den Linden nur mit Storchenschritten, denn man watet durch Hundeexkremente. An jeden Baum kommen in Berlin im Schnitt täglich zwanzig Hunde. Kackwald statt grauer Wüste. Wenn die Linden grünen, wird es bis zum Herbst dunkel in der kleinen Straße. Dunkelgrün, nicht grau.

          Die Bewohner von „Ökotopia“ sind mir suspekt

          Der Satz des Lehrers bricht mein altes Trauma wieder auf, das mit den Bäumen. Sie sind mir unheimlich. Ich erinnere mich an eine Deutschlehrerin, die heftig gegen „tote Schnittblumen“ und Teebeutel agitierte. Die Natur spielte an meiner Schule eine überragende Rolle, die rohe, die unbehandelte Natur. Die Lehrer, die uns einhämmerten, wie wichtig Bäume seien, hatten eine Friedenstaube auf dem Auto. Ein Jahr lang lebte ich vegetarisch, bis ich Haarausfall bekam – alles für die Bäume im Amazonas-Gebiet. In Deutsch lasen wir „Ökotopia“ von Ernest Callenbach, einem rechten esoterischen Querdenker. Er hat in den siebziger Jahren einen Öko-Staat erfunden, in dem Menschen strikt mülltrennend in Hippie-Verbänden leben und, genau: Bäume anbeten. In einer Szene beschreibt der Autor sogar, wie nackte Frauen sich an Bäume heranmachen. Die Bewohner von Ökotopia sollten ein Vorbild sein. Mir waren sie suspekt.

          Wie bewältigt man nun ein latentes Baumtrauma? Therapeuten würden empfehlen, Ich-Botschaften an Baumliebhaber zu senden. Das ist jetzt mein Plan. Baumliebhaber müsste es in Deutschland jede Menge geben. Schließlich stand auf Platz eins der Sachbuch-Liste der Titel „Das geheime Leben der Bäume“. Schon der erste Satz klingt falsch: „Als ich meine berufliche Laufbahn als Förster begann, kannte ich vom geheimen Leben der Bäume ungefähr so viel wie ein Metzger von den Gefühlen der Tiere.“ Das sind ziemlich viele Unterstellungen in so wenigen Wörtern. Nicht jeder Förster muss sich ja für das Geheimleben seiner Pflanzen interessieren. Und was ist mit den geheimen Gefühlen von Metzgern, die das lesen? Glücklicherweise gibt es ja mehr Metzger als Förster, sonst würden wir verhungern.

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