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Waldorfschulen : Auf Rudolf Steiners Spuren

Steiner war pädagogischer Leiter der ersten Waldorfschule Bild: picture-alliance / dpa

Spätestens seit der Pisa-Studie sind Privatschulen noch beliebter als zuvor. An Waldorfschulen unterrichten jedoch noch immer „Erziehungskünstler“, die nie eine Hochschule von innen gesehen haben. Die öffentliche Kritik wächst. Von Heike Schmoll

          5 Min.

          Während Universitäten und Ministerien über eine verbesserte Lehrerausbildung nachdenken, unterrichten an den privaten Waldorfschulen noch Lehrer, die nie eine Hochschule von innen gesehen haben. Inzwischen ist die öffentliche Kritik auch durch Fernsehsendungen der ARD und Erfahrungsberichte ehemaliger Seminaristen an den Waldorf-Lehrerseminaren lauter geworden. Sie richtet sich vor allem gegen die Lehrerausbildung, die laut Grundgesetz für alle Lehrer gleichwertig sein muss.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Angehende Klassenlehrer in Waldorfschulen unterrichten bis Klasse zehn acht Fächer, ohne dass sie eines davon an einer staatlichen Hochschule studiert oder ein Examen absolviert haben müssen, es sei denn sie hätten vor ihrer Waldorftätigkeit in einer staatlichen Schule unterrichtet oder die Voraussetzungen für das Lehramt erworben. Waldorflehrer erhalten ihre Ausbildung an den eigenen Lehrerseminaren, wo eher „Erziehungskünstler“ als Wissensvermittler herangezogen werden. Ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster vom 20. März 1993 hat die Gleichwertigkeit der Lehrerausbildung am Waldorf-Lehrerseminar Witten ausdrücklich verneint („Die grundständige Ausbildung zum Klassenlehrer an Waldorfschulen – Klassen 1–8 – am Institut für Waldorfpädagogik Annener Berg ist der entsprechenden staatlichen Lehrerausbildung nicht gleichwertig . . .“).

          Der Klassenlehrer als „geliebte Autorität“

          Einer der Autoren einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Fallstudie zur „Lehrer-Schüler-Beziehung an Waldorfschulen“, die das pädagogische Verhältnis zwischen Waldorfschülern und ihren Klassenlehrern nach acht Jahren gemeinsamen Hauptunterrichts untersucht, gelangt zu der Einschätzung, dass die Macht der Klassenlehrer als fachlich und pädagogisch so unbeschränkt und entgrenzt erscheint wie an keiner anderen Schulform der Sekundarstufe. Denn der Klassenlehrer soll die Aufgabe einer „geliebten Autorität“ (Steiner) erfüllen. Waldorfschulen errichteten also schulische Gegenwelten, die durch eine Entgrenzung des pädagogischen Verhältnisses und des fachlichen Lernens gekennzeichnet seien, schreibt er.

          Drei angehende Lehrer des Berliner Seminars für Waldorfpädagogik haben vor kurzem berichtet, am Berliner Seminar scheine eine Steiner-Heiligenverehrung vorzuliegen. Sie haben den Eindruck gewonnen, dass kritische Fragen mit persönlicher Abwertung und Unverständnis sanktioniert wurden. Nach sogenannten klärenden Gesprächen verließen alle drei „freiwillig“ das Seminar. Die Berliner Schulaufsicht tat die Kritik der Seminaristen ab, auch wenn die Unterrichtsgenehmigung an Privatschulen im Schulgesetz der Hauptstadt davon abhängt, dass die Lehrkräfte „eine wissenschaftliche Ausbildung und Prüfung nachweisen, die hinter der Ausbildung der Lehrkräfte an öffentlichen Schulen nicht zurücksteht“.

          Schwerpunkt liegt auf Steiners Schriften

          Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart als Betriebsschule der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik gegründet, die pädagogische Leitung lag bei Rudolf Steiner. Die von ihm entwickelte anthroposophische Weltanschauung liegt bis heute dem Unterricht zugrunde, wird aber nicht als eigenes Fach gelehrt. Deshalb liegt der Schwerpunkt der Ausbildung im Lehrerseminar auch nicht auf Fachwissenschaft oder Didaktik, sondern im Bezug der Studieninhalte auf Rudolf Steiners Schriften. Die Diplomarbeiten der Seminaristen zeugen davon. In einer der besten der vergangenen Jahre über „Verstehen von Pflanzen durch lebendige Begriffe“ aus dem Mai 2003 wird über die Urpflanze frei nach Goethes Metamorphosenlehre spekuliert.

          In einer zwei Jahre später eingereichten Diplomarbeit „Über das Rauchen. Versuch, ein Massenphänomen zu verstehen“, heißt es über die äußere Gestalt der Tabakpflanze, ihre Blüten „strecken ebenfalls ihre Köpfe in alle Richtungen, als ob sie in dieser Geste den weltumspannenden Siegeszug des Tabaks schon in ihrer Anlage bildhaft zum Ausdruck bringen wollten“. Die Tabakpflanze erscheine wie eine äußere Manifestation „des Ringens des Menschen zwischen Materien einerseits und göttlich-geistigem Ursprung andererseits“.

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