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Waldbrände in Kalifornien : Wie wir vor dem Feuer flohen

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Von einer Vulkanwolke kaum noch zu unterscheiden: Die Rauchwolke des Rough Fire über dem McKenzie-Rücken oberhalb der Ortschaft Dunlap in Kalifornien Bild: Horst Rademacher

Etwas ist anders an diesem Morgen im Wochenendhaus – alle anderen sind weg, und vom Himmel rieselt weiße Asche. Unser Autor wohnt fünf Kilometer entfernt vom Zentrum des größten Waldbrandes, der in Kalifornien wütet.

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          Als wir aufwachen, ist es merkwürdig still. Kein Vogel zwitschert, und die Grillen haben aufgehört zu zirpen. Von der nahen Landstraße dringt kein Geräusch durch die offenen Fenster des Wochenendhauses. Kein Auto, kein Schulbus. Selbst bei den Nachbarn, die sonst am frühen Morgen oft den Rasen mähen oder Laub blasen, ist es ruhig. Statt frischer Luft dringt Brandgeruch ins Zimmer. Auf der Veranda sieht es aus, als habe es über Nacht geschneit. Auch jetzt noch rieselt feine weiße Asche vom Himmel. Die Sonne, die schon vor einer Stunde aufgegangen ist, schimmert nur gelegentlich dunkelrot durch den Rauch.

          Das Haus liegt weniger als fünf Kilometer entfernt vom Epizentrum des größten Waldbrandes, der zurzeit in Kalifornien wütet, des „Rough Fire“ in der Sierra Nevada östlich von Fresno. In den vergangenen Tagen hat sich der Brand unerwartet und schnell nach Süden ausgebreitet. Grant Grove, der am häufigsten besuchte Ort im Kings Canyon Nationalpark, ist gesperrt. Alle Bewohner und Parkangestellten mussten die Gegend verlassen. Auch die Ferienlager am Sequoia-See sowie die Dörfer Pinehurst, Cedarbrook, Millwood und Teile von Dunlap wurden evakuiert. Mehr als 3000 Menschen flohen dort aus ihren Häusern, weil das Feuer immer näher kam.

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          Ob es Zufall war oder ein Fehler der Kartographen, lässt sich nicht sagen, aber das an einer scharfen Z-Kurve der Gemeindestraße in Pinehurst liegende Wochenendhaus befindet sich so gerade eben außerhalb des Evakuierungsgebietes. Auch zwei Nachbarn, deren Grundstücke an die Haarnadelkurve reichen, blieben von der Zwangsevakuierung verschont. Als das Telefon klingelt, fürchten wir schon, der Sheriff könnte uns jetzt auch auffordern, die Gegend so schnell wie möglich zu verlassen.

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          Am anderen Ende meldet sich aber ein aufgeregter Bekannter, der das Dorf vor zwei Tagen innerhalb kürzester Zeit verlassen musste. Er habe seine drei Pferde auf der Weide zurücklassen müssen, sagt er. Ob wir nicht einmal nach dem Rechten sehen könnten. Wir sagen, dass wir am Abend zuvor die Straßensperre der Polizei gesehen hätten. Dahinter sei Sperrgebiet. Wir wollten es aber trotzdem versuchen, zur Pferdekoppel zu gelangen.

          Wenige Minute später stehen wir mit dem Wagen vor der Straßensperre. Während wir im Hintergrund die gewaltigen Rauchsäulen des Waldbrandes aufsteigen sehen, geben die freundlichen Polizeibeamten bereitwillig Auskunft über die Lage im Brandgebiet.

          Die Stimmung schlägt um

          Als wir aber unser Ansinnen zur Sprache bringen, schlägt die Stimmung um. Nein, das gehe nicht, das Feuer komme immer näher, und niemand außer Feuerwehrleuten dürfe das Sperrgebiet betreten. Entmutigt fahren wir zum Haus zurück. Wir wollen schon den Bekannten anrufen, als uns einfällt, dass hinter dem Wochenendhaus ja ein Trampelpfad beginnt, der in Richtung Pferdekoppel führt.

          Die drei Pferde wiehern freundlich, als sie uns wenige Minuten später am Weidezaun sehen. Auf dem Trampelpfad sind wir niemandem begegnet, und auch sonst haben wir keine Menschenseele gesehen. Wir werfen ihnen einen Ballen Heu in die Koppel und stellen fest, dass sogar die Wasserpumpe für die Tränke noch funktioniert. Gierig, so scheint es, machen sich die Pferde über das Heu und das frische Wasser her. Auf dem Rückweg über den Pfad fällt der Blick wieder auf den Bergrücken, hinter dem das Feuer wütet.

          Gelegentlich sieht man Löschflugzeuge in die Rauchwolken fliegen. Sie versprühen eine orangefarbene Mischung aus Wasser und Ammoniumphosphat. Es soll die Ausbreitung des Feuers eindämmen. Doch nach den schnell aufquellenden Rauchwolken zu urteilen, findet das Feuer im trockenen Wald jenseits des Bergrückens noch immer genügend Nahrung. An diesem nahezu windstillen Morgen steigen die Rauchwolken mit großer Geschwindigkeit kilometerweit in die Atmosphäre. Sie sehen aus wie ein Blumenkohl und ähneln den Aschewolken, die bei schweren, explosiven Vulkanausbrüchen entstehen.

          Schon mehr als 50.000 Hektar Wald und Gestrüpp zerstört

          Es ist eben dieser Vergleich, der uns schließlich davon überzeugt, Pinehurst ebenfalls zu verlassen. Wenn wir aktive Vulkane besuchten, hatten wir uns auch immer aus dem Staub gemacht, wenn uns die Aschewolken zu nahe kamen. In einer halben Stunde sind die nötigsten Sachen gepackt, und wir fahren los.

          Im Ort Squaw Valley – es ist nicht der Ort gleichen Namens in Kalifornien, in dem vormals Olympische Winterspiele stattfanden – kommen wir am Einsatzzentrum der Feuerwehren vorbei. Der Presseoffizier gibt uns dort eine Übersicht über die Lage. Das Rough Fire habe entlang des Oberlaufs des Kings River schon mehr als 50.000 Hektar Wald und Gestrüpp zerstört.

          Ausgelöst von Blitzschlägen Ende Juli habe sich der Brand seitdem durch die unzugängliche Wildnis entlang steiler Talflanken in den Sequoia- und Sierra-Nationalforsten sowie im Kings Canyon Nationalpark ausgebreitet. Danach sei der Brand aber über knapp zwei Wochen lang in seiner Intensität zurückgegangen.

          Dann verfinstert sich aber die Miene des Feuerwehrmannes. „Im Moment sieht es aber wieder ganz schlimm aus,“ sagt er. Am Nordhang des McKenzie-Rückens oberhalb der Ortschaft Dunlap habe das Feuer viel Nahrung gefunden. Nun drohe es trotz der weiten, von Planierraupen gezogenen Brandschneisen den Bergrücken zu überspringen. Dann werde es für die mehr als 2200 Feuerwehrleute schwer, das evakuierte Gebiet zu verteidigen und die vielen Häuser dort vor den Flammen zu schützen.

          Als wir etwas deprimiert von dannen ziehen wollen, beruhigt uns der Presseoffizier. Es sei sehr vernünftig gewesen, das Wochenendhaus zu verlassen. Ein Waldbrand halte sich nämlich nicht an irgendwelche Grenzen, die willkürlich auf Evakuierungs-Karten eingezeichnet sind.

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