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Wahlkampagne der SPD in NRW : Ist doch eh alles Curry-Wurst!

Die SPD in Nordrhein-Westfalen: Currywurst-Pommes-rot-weiß auf dem Wahlplakat Bild: dpa

Verspricht die nordrhein-westfälische SPD ein Land, in dem Majo und Ketchup fließen? Oder ist das Wahlplakat eine Hommage an Gerhard Schröder, den großen sozialdemokratischen Currywurst-Esser?

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          Kurz vor elf Uhr ist eigentlich eine ziemlich schlechte Zeit, um bei Raimund Ostendorp anzurufen. Aber als er hört, dass es um den kulinarischen Star seines „Profi-Grills“, die Currywurst nämlich, gehen soll, stellt er umgehend das Kräuterhacken ein. Raimund Ostendorp gewann schon während seiner Kochausbildung mehrere Preise. Er schuftete in Gourmet-Restaurants in Köln und Hannover, zuletzt war er in Düsseldorf als Demi-Chef de Cuisine eines Drei-Sterne-Kochs tätig. Es hätte in immer höhere Höhen der Haute Cuisine gehen können.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Doch 1991 hatte er genug von der Galeeren-Arbeit, von Trüffeln, Jakobsmuscheln und Hummer. Von Kurt Kotzlowski in Bochum-Wattenscheid übernahm er ein kleines Imbisslokal. Von elf Uhr morgens bis elf Uhr nachts gehen jeden Tag bei Ostendorp seit mehr als 21 Jahren Schnitzel, „Kurts Frikadellen“ und viele, viele Currywürste für 2,20 Euro das Stück über die Theke. Die Würste lässt Ostendorf vom Metzger seines Vertrauens aus Schweinebackenfleisch und Rindfleisch jeden Tag frisch herstellen. Und die Soße panscht der Spitzenkoch natürlich nicht einfach aus Ketchup zusammen. „Ich baue sie komplett selbst auf.“

          Die Currywurst als neutraler, gemeinsamer Nenner

          Im Ruhrgebiet ist schnell davon die Rede, irgendetwas oder irgendwer sei „eine Legende“. Fest steht, dass sich der vom Niederrhein stammende Ostendorp einen hervorragenden Ruf als Chef de Currywurst erkocht hat. Ostendorp gehört also zu den ganz wenigen wirklichen Fachleuten der Republik, die den Satz „Currywurst ist...“ kompetent vervollständigen und sich damit zugleich über das neueste Plakat äußern können, das nun im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf zum Einsatz kommen soll. Auf dem Plakat steht über einer Portion Currywurst mit Pommes und Mayonnaise die ziemlich sensationelle Botschaft: „Currywurst ist SPD“.

          Ostendorp hält das zunächst für einen Witz. Nach einer Weile sagt er, die Currywurst werde ja gerne benutzt als Lobbyist, als Symbol für Bürgernähe, Bodenständigkeit und solche Dinge eben. „Aber mal ehrlich, die Currywurst ist doch gerade ein Gericht für alle und jeden.“ In den „Profi-Grill“ an der Bochumer Straße 96 kämen Vorstandsvorsitzende großer Konzerne ebenso wie Leute im Blaumann. Und auch der aus Bochum stammende Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) verspeise regelmäßig seine Currywurst bei ihm. Sehr ernst sagt Ostendorp dann: „Die Currywurst muss der neutrale gemeinsame Nenner der Parteien bleiben.“

          Wer sich auf das Netz einlässt

          Am Mittwochnachmittag steht Erik Flügge in der Zentrale der nordrhein-westfälischen SPD und ist immer noch ein bisschen erstaunt über den Trubel, den so eine Currywurst hervorrufen kann - nicht nur weil er und sein Freund Jonathan Gauß auch des Klimas wegen „zu 95 Prozent vegetarisch“ leben. Gemeinsam entwarfen die beiden Jungsozialisten und Politikwissenschaftler das Plakat, das es in die Endrunde eines Wettbewerbs der nordrhein-westfälischen SPD schaffte. Die Leitfragen der Partei lauteten: „Welches Thema liegt Dir am Herzen? Welche politische Aussage sollten wir noch großflächig präsentieren?“

          Mit vier weiteren Plakaten schaffte es der Flügge-Gauß-Entwurf in die Endrunde. Die SPD ließ die Internetgemeinde entscheiden: Von rund 7.000 Teilnehmern der Abstimmung, bei der die Piratenpartei und die Satirepartei „Die Partei“ für den Flügge-Gauß-Entwurf trommelten, wählten 4.497 die Currywurst. SPD-Generalsekretär Michael Groschek gab zunächst zu Protokoll: „Wer sich auf das Netz einlässt, muss mit den Ergebnissen leben.“ Und am Mittwochnachmittag überlässt er die politische Ausdeutung der Currywurst dann lieber dem jungen Genossen aus dem Schwabenland, der direkt nach seinem Examen in Politikwissenschaften, das er am Morgen in Tübingen mit der Note „sehr gut“ bestanden hat, nach Düsseldorf geeilt ist.

          Die Deutungsvielfalt des Currywurst Plakats

          Er und Gauß hätten festgestellt, dass in der SPD-Kampagne noch ein „Lebensgefühlplakat“ gefehlt habe. „So stelle ich mir Glücklichsein in Nordrhein-Westfalen vor.“ Nein, eine Umkehrung des Slogans („SPD ist Currywurst“) komme nicht in Betracht, schließlich sei die Currywurst wie vieles andere Teil der „SPD-Familie“. Auch an Gerhard Schröder, den großen sozialdemokratischen Currywurst-Esser, hätten sie beim Entwerfen nicht gedacht. Und deshalb sei das Plakat auch nicht als ein Bekenntnis zur Hartz-IV-SPD zu verstehen.

          Zum Abschluss der Präsentation bitten die Sozialdemokraten selbstverständlich noch zu einer schnellen Currywurst. Ein aus dem Ruhrgebiet stammender besonders kritischer Journalist moniert hernach, die Wurst sei unterirdisch gewesen. „Die SPD kann nicht mal Currywurst“, mault er. Unterdessen bleibt einstweilen ungeklärt, was die Partei ihren Wählern mit dem Plakat sagen will. Ist eh alles wurscht, weil die SPD wieder gewinnt? Oder versprechen die Sozialdemokraten den Leuten ein Zweistromland, in dem Majo und Ketchup fließen?

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