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Wahl in Baden-Württemberg : Lechts und rinks

Japanische Säge als Erweckungserlebnis: Winfried Kretschmann entspannt beim Heimwerken zu Hause in Sigmaringen. Bild: Wolfgang Eilmes

Am Sonntag wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Die beiden Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann und Guido Wolf zehren von ihren Hobbys – besonders in ungewissen Zeiten.

          „Es geht ums Herstellen“ – mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann in der Werkstatt

          In dem Dorf auf der Schwäbischen Alb, wo er aufwuchs, hat Winfried Kretschmann die meiste Zeit seiner Kindheit beim Schmied nebenan verbracht. Sein Freund war der Sohn des Schmieds. Mit ihm war er immer draußen unterwegs, bis die Betglocke schlug, dann musste er nach Hause. Einen Wagner gab es auch noch im Dorf. Der größte Feind des Wagners waren die Gummiwagen, die neuartigen Leiterwagen mit Gummireifen, von denen manche schon von Traktoren, nicht mehr von Kühen gezogen wurden. Dafür brauchte man keine Stellmacher mehr. Auch der Schmied bekam weniger Arbeit, denn die Stahlringe um die Holzräder waren nun überflüssig. Kretschmann schaute dem Wagner und vor allem dem Schmied in der Werkstatt zu. Das Gefühl, das er dabei hatte, muss ihn nie mehr losgelassen haben.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Im Garten der Kretschmanns steht ein Tisch, den er geschreinert, man könnte auch sagen: aus Holz geschmiedet hat. Er passt genau vor eine Nische in einem Felsen. Kretschmann hat die Bank dort eingefügt. Der alte Tisch war langsam verfault, der neue ist noch so schön, dass man ihn gar nicht benutzen will. Das liegt am Lack, an der Form, aber auch daran, dass er von einem Heimwerker stammt. Mit viel Liebe gemacht, wie man so sagt. Was nicht unbedingt heißt, dass er wie von einem Schreiner gemacht ist. Aber darum geht es dem Heimwerker auch gar nicht. „Ich arbeite genau und sorgfältig, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, nicht perfektionistisch. Ich fange nicht noch mal von vorne an.“

          In Kretschmanns Werkstatt entstanden noch ganz andere Dinge: die Eckbank, die Veranda, die Dielen, ja das halbe Haus, ein ehemaliger Gasthof, das „Lamm“, in dem sich Kretschmann von Raum zu Raum vorgearbeitet hat und noch immer vorarbeitet. Er wird sich irgendwann gesagt haben: Wer jetzt kein Haus hat, der baut keines mehr. Mit dem Haus fing es an, kam aber auch bald die Einsicht: „Da wird man nie fertig.“ Seine Kindheit kam ihm dabei zugute, sein Schwager, er ist Zimmermann, sein Bruder, er ist Maler und Tapezierer; von allen hat er sich etwas abgeschaut. Zuletzt hat er sich noch das Schweißen beibringen lassen – für den Biologen in Kretschmann muss das ein persönlicher Evolutionssprung gewesen sein. Aber eigentlich ist es ganz trivial: „Vieles, was ich handwerklich kann, kommt nur vom Zuschauen, vom Dabeisein.“

          Weit mehr als nur ein Hobby

          Außerdem ist da noch die japanische Säge als Er­weckungserlebnis, und natürlich die elektrische Stichsäge, zwei Offenbarungen für jeden Heimwerker, der dachte, mitteleuropäischer Maschinenbau habe nicht mehr als den Fuchsschwanz hervorgebracht. Ein Beruf wurde daraus nicht, aber weit mehr als nur ein Hobby. Das wird klar, als Kretschmann das Wort „Poiesis“ in die Werkstatt wirft, in der, wie man bei dieser Gelegenheit sieht, ziemlich harte Bretter gebohrt werden.

          Das Gefühl von damals, in der Schmiede im Dorf, stellt sich nicht mehr ganz so oft ein wie vor Jahren, als Winfried Kretschmann zwar schon Politiker (der Grünen übrigens), aber noch nicht Ministerpräsident von Baden-Württemberg war. Seither zimmert er von morgens bis abends Gesetze. Aber das ist etwas ganz anderes. Da kann man zwar auch seinen „natürlichen Hang“ ausleben, „dass man etwas macht, was bleibt“.

          Aber bleibt es wirklich? Vor allem aber: Ist Politik nicht ein ewiges Werden? Der Ministerpräsident sagt: „Bei einem normalen Gesetz herrscht eher das Gefühl: Man ist wieder ein Stück weitergekommen. Es gibt nur selten die Gelegenheit, dass man das ­Gefühl hat: Jetzt ist was da!“ Das ist das ganze Geheimnis der Heimwerkerei. „Du stellst etwas her, und dann ist das fertig. Als Lebenskontrast zur Politik ist das unglaublich wichtig. Man macht etwas, und das ist dann endgültig fertig, das ist dann zum Anfassen.“ Eigentlich ist es der Lebenskontrast zu allem, was man so tut im Leben und womit man nie fertig wird.

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