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Wagners Gralsglocken : Eine Glocke mit Saiten und Tasten

Richard Wagner war bekannt für sein erfinderisches Talent bei Instrumenten. Seine berühmten Gralsglocken wurden nun in Bayreuth nachgebaut. Bild: F.A.Z.

Für die Musik Richard Wagners wurde manches Instrument erfunden. Ein ganz spezielles hat man in Bayreuth gerade nachgebaut.

          4 Min.

          260 Tonnen müssten die Glocken wiegen, die in Richard Wagners Oper „Parsifal“ erklingen – zumindest die für den Ton E. Gemeint sind die Gralsglocken mit ihren vier Tönen C, G, A und E. Zu hören sind sie am Ende des ersten und des dritten Akts (Wagnerianer sprechen von Aufzügen), in den Gralsszenen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wagner wollte, dass die Gralsglocken in seiner Oper (Wagnerianer sprechen vom Bühnenweihefestspiel) bis zu 20 Töne tiefer sein sollten als die tiefste Glocke im Wiener Stephansdom. Die wiegt mehr als 20Tonnen bei einem Durchmesser von gut drei Metern. Wagners Gralsglocke hätte einen Durchmesser von etwa acht Metern haben müssen.

          Solche Glocken, hingen sie im Bayreuther Festspielhaus auf dem Hügel, würden das Gebäude zerstören. Das aber konnte schon deshalb nicht Ansinnen des Meisters sein, weil Wagner wünschte, sein „Parsifal“ möge „den Hügel nie verlassen“, also nur im Bayreuther Festspielhaus gespielt werden.

          Wagners Wahnsinn: Klänge, die nicht möglich sind

          Darin unterstützten ihn später auch Komponisten wie Engelbert Humperdinck, Richard Strauss und Giacomo Puccini sowie der Dirigent Arturo Toscanini, am Ende aber vergeblich. Es gehörte zu Wagners künstlerischem Wahnsinn, Klänge zu erfinden, die eigentlich nicht möglich sind, jedenfalls nicht mit herkömmlichen Musikinstrumenten. Aber das scheinbar Unlösbare reizte nicht nur ihn, und so wurden auch die Gralsglocken verwirklicht, erst mechanisch, später elektrisch, schließlich elektronisch. Richtige Glocken allerdings sind sie nie gewesen.

          Zunächst geschah das Gralswunder in Bayreuth selbst. Im Frühjahr 1879 fragte Wagner den Bayreuther Instrumentenbauer Eduard Steingraeber, dem er zufällig in der Stadt begegnete, ob es möglich wäre, die vier Töne eines Glockengeläuts auf einem klavierartigen Instrument mittels großer Hämmer und breiter Tasten hervorzubringen. Wagner notierte dem Klavierbauer C-G-A-E im tiefsten Bass.

          Steingraeber entwarf daraufhin ein 2,60 Meter hohes Instrument mit schmalem Gehäuse, das an eine kleine Kirchenorgel erinnerte: das Gralsglockenklavier. Die stark überspannten, 220 Zentimeter langen und extra dicken Saiten sollten von vier Hämmern, acht Zentimeter breit, angeschlagen werden. Die vier Tasten dazu sollten eine Breite von sieben Zentimetern haben. Zum Instrument sollte außerdem ein Pedal gehören, um die Töne zu dämpfen.

          Die großartige Wirkung der Gralsglocken

          Wagner war angetan und erteilte im August 1881 den Auftrag. Ein Jahr später war die Uraufführung des „Parsifal“, die Gralsglocke von Steingraeber stand im Festspielhaus im Orchestergraben. Sie erzeugte den Schlagton in der Kontra-Oktave. In den hohen Tönen wurde das Instrument von vier Tamtams und der Basstuba verstärkt.

          Die Wirkung soll großartig gewesen sein. 20 Mal wurde der Ur-„Parsifal“ auf dem Hügel aufgeführt. In der letzten Vorstellung dirigierte der Komponist den Schluss des dritten Aufzugs selbst. Es war das einzige Mal, dass Wagner in seinem Festspielhaus eine öffentliche Aufführung leitete. Die erste Gralsglocke von Steingraeber fand ihre Verwendung sogar noch einmal von 1975 bis 1982, wobei Wolfgang Wagner das Instrument schon mit einem Moog-Synthesizer kombinierte.

          Eine zweite Gralsglocke wurde bei Steingraeber 1912 gebaut. Sie sah in der äußeren Form wie ein Flügel aus, über den eine Art Hackbrett gespannt war. Von C nach E absteigend gab es acht, sieben, sechs und fünf Saiten. Im Weimarer Nationaltheater steht noch ein Instrument. 1926/27 baute Burkhard Steingraeber eine weitere Gralsglocke für Siegfried Wagner und den Dirigenten Karl Muck. Das Instrument lehnte sich an das Hackbrett an, stand aber aufrecht.

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