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Vulva-Skulptur in Tübingen : „Das weibliche Geschlecht unverdeckt zeigen“

Person in Stein-Vulva eingeklemmt: dieser Notruf erreichte die Tübinger Polizei. Fünf Fahrzeuge mit 22 Feuerwehrmännern rückten aus, um den amerikanischen Austauschstudenten zu befreien Bild: dpa

Seit 13 Jahren steht die Steinskulptur einer nachempfunden Vulva von Fernando de la Jara in Tübingen. Als ein Student bei einem Unfall in dem Kunstwerk steckenbleibt, wird sie schlagartig bekannt. Aber warum steht es eigentlich da?

          Herr de la Jara, ein amerikanischer Austauschstudent ist in Ihrer einer Vagina nachempfundenen Skulptur abgerutscht und steckengeblieben. Was haben Sie gedacht, als Sie davon gehört haben?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Zunächst musste ich lachen. Es ist ja schon ein lustiger Vorfall. Dann wurde mir klar, dass es sich um fehlenden Respekt für meine Kunst handelt – von Seiten der Presse und des Studenten. Das ist schade, denn für mich hat Kunst etwas Heiliges, das man respektieren muss.

          Hat es Sie denn überrascht, dass Fotos von dem Vorfall in den vergangenen Tagen um die Welt gingen?

          Nun ja. 22 Feuerwehrmänner, die einen amerikanischen Austauschstudenten aus einer Vagina retten müssen: So eine kuriose Geschichte zieht eben Aufmerksamkeit auf sich. Englische, russische, amerikanische Medien haben darüber geschrieben. Einige haben nur Witze gemacht, aber viele, die „Chacán-Pi“ vorher nicht kannten, haben so angefangen, sich für meine Kunst zu interessieren. Das ist das Gute daran. Was den Studenten betrifft: Ich habe keine Ahnung, was er gemacht hat, um so auszurutschen und festzustecken. Es muss auf jeden Fall etwas völlig Unangemessenes gewesen sein.

          War es denn nicht bereits unangemessen, in das Kunstwerk hineinzuklettern?

          Keinesfalls! Die Idee der Skulptur ist, in sie hineinzugehen. Das ist eine wundervolle und sinnliche Erfahrung und erinnert an den Geschlechtsakt. Wieder hinauszugehen ist etwas schwieriger und eine Erfahrung, die an die Geburt erinnert. Doch bisher hat das jeder geschafft, selbst mein übergewichtiger, zwei Meter großer Assistent, während ich die Skulptur noch gebaut habe. Und auch in den 13Jahren danach haben Menschen das ohne Probleme getan. Man braucht nur etwas Feingefühl dafür – wie für alle Kunstwerke.

          Wird es jetzt Konsequenzen geben?

          Ich glaube nicht. Es geht ja gerade darum, das weibliche Geschlecht offen und unverdeckt zu zeigen. Die Skulptur huldigt der Weiblichkeit in der griechischen Tradition des Phallus. Phallus-Symbole gibt es an vielen Orten der Welt, doch nie zuvor hat jemand das weibliche Geschlecht so eindeutig in einer Skulptur dargestellt. Die Skulptur aus Sicherheitsgründen zu verschließen würde dem widersprechen.

          Der peruanische Künstler Fernando de la Jara kam 1987 auf Einladung der Katholischen Universität Eichstätt nach Deutschland, wo er seither die peruanischen Winter verbringt.

          Darf Kunst also ruhig gefährlich sein?

          Zumindest ist Kunst immer ein Risiko. Mit der Skulptur habe ich ja auch das Risiko auf mich genommen, einen Skandal zu provozieren oder Vandalismus. Das bringt Kunst im öffentlichen Raum mit sich. Dennoch ist es wichtig, Kunst nicht nur in Museen zu zeigen. Kunst im öffentlichen Raum verändert nicht nur die Orte in positiver Weise, sondern auch die Menschen, die sie betrachten. Sie zeigt ihnen unverhofft etwas, das über das Alltägliche und Banale des Lebens hinausgeht.

          Wie kam die Skulptur an diesen Platz an der Uniklinik von Tübingen?

          Ich wurde eingeladen, mich an einer Ausschreibung für ein Kunstwerk an dieser Stelle zu beteiligen. Also habe ich mich gefragt, was diesen Ort ausmacht. Er liegt an der Anatomie-Fakultät, ein Ort, an dem die Studenten täglich mit Leichen arbeiten, also Kontakt mit dem Tod haben. Dem wollte ich den Ursprung des Lebens entgegensetzen. Außerdem steht dort auch die Augenklinik. Das brachte mich darauf, eine Skulptur zu schaffen, die auch für Blinde zu erleben ist, indem man sie mit den Händen und dem ganzen Körper erfühlt.

          Was hat Sie bei Ihrer Arbeit inspiriert?

          Es gibt einen Stein am Titicacasee in Bolivien mit einem schmalen Loch in der Mitte. Eine Legende besagt, dass sich unfruchtbare Menschen durch das Loch hindurchzwängen müssen, um Kinder zu bekommen. Dieser Stein war in irgendeiner Form in mir lebendig, während ich an der Skulptur gearbeitet habe. Und er hat auch den Namen des Kunstwerks beeinflusst.

          Inwiefern?

          Der Name „Chacán“ bezeichnet in der Sprache der Ureinwohner einen Ort, an dem Wasser einen Berg unterhöhlt hat. In der Welt der Anden, wo ich selbst lange zurückgezogen gelebt habe, sind das kultische, magische Orte. In vielen Artikeln steht, „Chacán“ bedeute so viel wie „Liebe machen“. Das stimmt zwar auch, ist aber nur eine weitere, metaphorische Bedeutung des Begriffs.

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