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Vorwurf Fehldiagnosen : Der überaus beliebte Dr. Frankenstein

Am Klinikum in Worms arbeitete Ernst J.S. von August 2010 bis Februar 2012, obwohl er in den Niederlanden schon nicht mehr praktizieren durfte Bild: dapd

Ernst J.S. war ein anerkannter Arzt - bis sich die Vorwürfe häuften, er habe Fehldiagnosen gestellt. Der Niederländer floh nach Deutschland. Und arbeitete weiter.

          Ein ehrgeiziger Mann soll Ernst J.S. gewesen sein, ein Neurologe mit großem Potential, dem man schon nach dem Studium eine erfolgreiche Zukunft vorhergesagt hatte. In den Niederlanden, und nicht nur dort, galt er bald als Spezialist für Multiple Sklerose und Parkinson, er erarbeitete Leitfäden für Neurologen, war an wissenschaftlichen Studien beteiligt. Eine Koryphäe. Brauchte das Fernsehen einen Fachmann, wandte es sich an ihn. Er sah aus, wie man sich einen Arzt vorstellt. Seriös und dabei fotogen mit seinen gelockten Haaren. Patienten und Medien bezeichneten ihn als einen Mann, der das Herz an der richtigen Stelle habe. Leicht exzentrisch sei er gewesen, aber immer für die Patienten da, Tag und Nacht. Eine Geschichte gibt es, die Ernst J.S. früher einmal charakterisieren sollte: Ein Mann war nach einem Schlaganfall gelähmt. Zwei Jahre lag er in einem Krankenhauszimmer. Ernst J.S. kam jeden Tag zu ihm. Als der Mann starb, war er da. Anschließend veröffentlichte Ernst J.S. einen Nachruf. Er beklagte das Leid des Mannes.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Ernst J.S. war ein angesehener, bewunderter Arzt. 1990 hatte er einen Autounfall. Schmerzen sollen ihn ständig daran erinnert haben. 2004 musste Ernst J.S. das Krankenhaus Medisch Spectrum Twente in Enschede verlassen. Ernst J.S. war abhängig geworden von Medikamenten. Er verpflichtete sich, nicht mehr als Arzt zu arbeiten. Ein Jahr später berichteten die holländischen Medien wieder über Ernst J.S. Er war nicht mehr der Experte, der bewunderte Mediziner. Ehemalige Patienten hatten sich an die Öffentlichkeit gewandt. Sie berichteten von Fehldiagnosen. Ernst J.S. widersprach.

          Ermittlungen wegen Fehldiagnosen

          Anfang 2006 ließ er sich eine Approbationsurkunde von der Bezirksregierung Arnsberg ausstellen. Nun konnte er in Deutschland als Arzt tätig sein. Der Holländer bekam die Approbation problemlos. Er hatte die erforderlichen Zeugnisse, sogar eine Unbedenklichkeitserklärung einer niederländischen Behörde. Damit war die Ausstellung der Approbation nur noch ein formeller Akt. Routine, heißt es bei der Bezirksregierung. Ernst J.S. arbeitete dann zunächst in einer Klinik in Fredeburg, später in Bad Laasphe. Dort blieb er bis 2009.

          In den Niederlanden galt er mittlerweile als Dr. Frankenstein. Immer mehr Patienten hatten Vorwürfe erhoben. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf: Ernst J.S. soll zwischen 1999 und 2004 Dutzende Fehldiagnosen erstellt haben. Er soll Leuten gesagt haben, dass sie Multiple Sklerose, Parkinson oder Alzheimer hätten. Seine Patienten, die sich schwerkrank wähnten, soll er mit Medikamenten vollgepumpt haben. Mindestens 13 Menschen sollen wegen falscher Diagnosen am Gehirn operiert worden sein. Eine Frau habe die Diagnose von Ernst J. S. nicht ertragen, sich umgebracht. Ein Anwalt vertritt knapp 200 ehemalige Patienten von Ernst J.S. Was den Arzt zu seinen Handlungen bewegte - keiner kann es sagen.

          Gültige Dokumente

          Niederländische Journalisten recherchierten dann, dass er in Bad Laasphe als Arzt arbeitete. Er wurde daraufhin entlassen. Eine Zeitung schrieb: Die Geschichte wiederholt sich. Der Fall schaffte es bis in die „Bild“-Zeitung.

          Ernst J.S. hatte sich bei mehreren Agenturen angemeldet, die Ärzte an Kliniken vermitteln. So kam er auch zur Mittelweser Kliniken GmbH nach Nienburg. Er legte, so heißt es in der Klinik, einen gültigen Ausweis, eine Facharzturkunde und die Approbation vor. Es lägen „zum gegenwärtigen Zeitpunkt“ keine Hinweise vor, dass Ernst J.S. seine Tätigkeit nicht korrekt ausgeübt habe, so die Klinik weiter. Er habe als Assistenzarzt nie eigenverantwortlich gearbeitet, an Operationen nicht teilgenommen.

          Im Juli 2010 berichteten niederländische Journalisten der Klinik von den Vorwürfen gegen Ernst J.S. Die Klinik hatte ihn monatsweise bei einer Agentur gebucht - nun tat sie es nicht mehr.

          Beliebt im Kollegium

          Ernst J., das S. ließ er irgendwann weg, kam danach als Honorararzt an das Klinikum Worms. „Die Vermittlung erfolgte wie üblich, über eine Agentur. Alle relevanten Unterlagen wie Approbationsurkunde (im Original), Facharztprüfung, Arztprofil, wurden uns vorgelegt.“ So teilt es die Klinik mit. Man habe von der Agentur Angaben über vorherige Tätigkeiten und die Information gehabt, „dass er für die Agentur bereits schon länger Vertretungen übernommen hat“. Er habe fachlich und menschlich einen kompetenten Eindruck gemacht, „und war bei Vorgesetzten (Chefarzt und Oberärzte) sowie Kollegen sehr geschätzt und bei den Patienten sehr beliebt“.

          Es gibt eine Klage gegen das Klinikum. Anfang 2011 soll Ernst J. bei einer Patientin eine Rückenmarkpunktion unnötigerweise und falsch ausgeführt haben. Die Frau, so sagt ihre Anwältin, ist seitdem bauchabwärts gelähmt.

          Wieder aufgeflogen

          Im Februar 2011 verließ Ernst J. das Klinikum Worms. Als Erklärung gibt die Klinik an, dass „die offene Stelle durch einen Arzt in Festanstellung“ wieder besetzt werden konnte. Ernst J. ließ sich weiter von Agenturen vermitteln. Die Agentur doctari vermittelte ihn 2012 „an zwei Kliniken“: „Den Großteil des Jahres 2012 arbeitete er bei den SLK-Kliniken Heilbronn.“ Die Agentur sagt: „Die Prüfung der Qualifikationen der vermittelten Ärzte obliegt den Institutionen, an die wir vermitteln.“ In Heilbronn heißt es, dass die gegen ihn laufende Strafverfolgung in den Niederlanden nicht bekannt gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft in Heilbronn hat Ermittlungen aufgenommen. Mehrere Patienten haben sich bei der Staatsanwaltschaft gemeldet. Aufgeflogen ist Ernst J. nur, weil ihn niederländische Journalisten entdeckten. Mal wieder.

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