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Vorfahrt für Russlands Elite : „Mach Platz, Plebejer!“

  • -Aktualisiert am

Wenn in Moskau wichtige Leute unterwegs sind, muss das Volk warten - und bei Unfällen zittern Bild: AP

Die russischen Bürger sehen bei Blaulicht mittlerweile rot: Viele Oligarchen, Politiker und Wirtschaftsbosse nutzen das Privileg auf ihren Autodächern für Rowdytum im Verkehr. Von der Polizei werden sie dabei oft gedeckt. Doch in der Öffentlichkeit regt sich Widerstand.

          Am Moskauer Kutusowskij-Prospekt lässt sich von früh bis spät erleben, dass in Russland wirklich alle Menschen gleich sind - und manche sogar gleicher. Morgens, kurz nach neun Uhr: Auf vier Spuren braust die russische Mittelklasse entlang, in winterschmutzigen Jeeps, Audis und Ladas, aber in sauberen weißen Hemden und Jacketts, auf dem Weg zu ihren Bürojobs im Zentrum von Moskau. Der Verkehr fließt ausnahmsweise, aber offenbar nicht schnell genug: Auf der Mittelspur, die eigentlich den einen Teil der Straße von der Gegenfahrbahn trennt, brausen im Minutentakt schwarze Limousinen in Richtung Zentrum, mal mit Polizeibegleitung, mal mit eigenem Blaulicht und manchmal einfach nur so. Um die Mittagszeit das gleiche Bild: In der Nähe des Weißen Hauses, wo Premier Putin und seine Regierung für das Wohl des Volkes schuften, schaltet die Polizei die Ampeln zehn Minuten auf Rot, und wieder brausen Dutzende schwarze Riesen mit verdunkelten Fenstern an den im Stau fluchenden Russen vorbei. Abends, wenn der Stau aus der Stadt so richtig dicht steht, flitzen sie, natürlich auf der Trennungsfahrbahn, aus der Stadt hinaus - auf die Reichenstraße „Rubljowka“, wo sie sich hinter meterhohen Mauern und Zäunen in Gated Communities eingebunkert haben.

          „Dann hat unser Übersetzer gesagt: Das da drüben auf dem Fahrrad ist unser Finanzminister“, erzählt Sergej Kanajew und schaut dabei so entgeistert wie im Sommer 2007, als er Peer Steinbrück bei einem Berlin-Besuch erblickte. Für den 43 Jahre alten Russen war der deutsche Minister auf dem Fahrrad wie eine Marienerscheinung. Kanajew kämpft in einem Einzimmerbüro im Erdgeschoss eines Moskauer Wohnhauses mit seiner „Föderation der russischen Autobesitzer“ gegen die Willkür auf russischen Straßen und ganz besonders gegen das Rowdyverhalten der Staatselite.

          Täglich demonstrierte Ungleichheit

          Von der täglich demonstrierten Ungleichheit haben die Russen jetzt offenbar die Schnauze voll - Grund dafür ist ein tragischer Autounfall, der das Land seit einem Monat nicht zur Ruhe kommen lässt. Es war der 25. Februar, 8 Uhr morgens. Tatort: Lenin-Prospekt, ebenso wie der Kutusowskij eine stets verstopfte Einfahrtschneise. Anatolij Barkow, 62, Vizepräsident des Ölriesen Lukoil, lässt sich in einem Mercedes S 500, knapp drei Tonnen schwer, zur Arbeit fahren. Barkow steckt im Stau fest. Auf der Gegenspur fließt der Verkehr dagegen problemlos, die bekannte Frauenärztin Wera Sidelnikowa fährt mit ihrer Schwiegertochter in einem Citroën C 3 aus der Stadt. In einer leichten Kurve prallen die ungleichen Gegner frontal aufeinander, vom Citroën bleibt nur wenig übrig, beide Insassen sterben. Der Mercedes wird mehrere Meter nach hinten gestoßen, Barkow wird nur leicht am Fuß verletzt.

          Auf vier Spuren braust die russische Mittelklasse, in winterschmutzigen Jeeps, Audis und Ladas

          Was dann passiert, ist nach Kanajews Darstellung typisch für derartige „VIP-Unfälle“, wie die Russen sie nennen. Ein Verkehrspolizist erklärt der Presse noch am Ort: „Der Citroën ist schuld, er ist auf die Spur des Mercedes gefahren.“ Später behauptet die Polizei, dass es vom Unfall keine Videoaufnahmen gebe - obwohl die Straße an dieser Stelle von mindestens 15 Kameras überwacht wird. Nach einigen Tagen zeigt die Polizei immerhin eine kurze Aufnahme, auf der aber nicht zu erkennen ist, ob es sich wirklich um Barkows Mercedes handelt, und zudem der Unfallort von einem Reklameschild verdeckt wird.

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