https://www.faz.net/-gum-9kpnr

Vergessenes Land

Von PHILIP EPPELSHEIM und ANDREAS NEFZGER
Illustration: Jan Bazing

19.03.2019 · In Thüringen, Sachsen und Brandenburg wird im Herbst gewählt. Den Regierungsparteien droht eine Schlappe. Die AfD kann auf Erfolge hoffen. Was ist da los? Eine Reise durch drei Bundesländer.

D ie Grenze ist da. Ein Zaun zerschneidet das Tal. Auf der einen Seite steht ein Wachturm, auf der anderen ein Kreuz. Dort starb Heinz-Josef Große. Er hatte es fast geschafft, war den Hang halb hinaufgekrabbelt. Dann fielen die Schüsse. Große starb im Schifflersgrund, im Niemandsland auf der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen.

Hier an diesem Ort soll die Reise durch den Osten beginnen. Drei Tage durch drei Bundesländer: Thüringen, Sachsen, Brandenburg. Zum Kyffhäuser, nach Erfurt und nach Jena. Nach Dresden, nach Chemnitz und ins Erzgebirge. Nach Frankfurt (Oder), nach Oranienburg und in die Lausitz. Zur Moschee und zum Dom, zum Wolf und zum Schaf. Drei Tage durch das AfD-Land.

Überall hier kamen die Rechtspopulisten in Umfragen auf mehr als 20 Prozent. Sie drohen, den regierenden Parteien den Rang abzulaufen. Schon im Herbst sind die Wahlen. In Thüringen verliert die Linkspartei, in Sachsen wankt die CDU, und in Brandenburg zittert die SPD. Keine der Landesregierungen hätte derzeit eine Mehrheit. Warum ist das so? Wurde der Osten vergessen? Ist er verloren?

Reste der innerdeutschen Grenze Foto: Andreas Nefzger
Der Kolonennweg bei Volkersrode Foto: Norbert Müller

Wolfgang Ruske war Polizist im Westen, als Große vor 37 Jahren erschossen wurde. Er sagt, dieser Tag damals habe ihm gezeigt, wie verlogen das System der DDR gewesen sei. Heute leitet Ruske, Jahrgang 1940, das Grenzmuseum Schifflersgrund. Er sagt, er höre immer mal wieder von Besuchern, dass in der DDR gar nicht alles schlecht gewesen sei. Es habe für jeden eine Arbeit gegeben, ein Auskommen und preiswerte Wohnungen. Viele, erzählt Ruske, hätten die Seiten gewechselt: von links nach rechts. „Weil sie mit dieser Situation einer freiheitlichen Demokratie, so wie wir sie mitgebracht haben, noch nicht klarkommen.“

Es gibt Menschen, die das ausnutzen. Björn Höcke, Thüringens AfD-Chef, wohnt nicht weit entfernt vom Museum. Es sind gerade einmal zehn Kilometer. Im Westen war Höcke Lehrer. Er unterrichtete auch die Enkel von Ruske. Ein unauffälliger Mann sei er gewesen. Nie habe er gedacht, dass Höcke einmal im ganzen Land bekannt werde. Als rechter Hetzer.

Eine Reportage aus der „Frankfurter Allgemeine Woche“, dem Nachrichtenmagazin der F.A.Z.

Jetzt abonnieren

Auch im Museum ist Höcke immer wieder Thema. Besucher fragen nach ihm. Manchmal zeigen die Mitarbeiter ihnen dann ein Foto. Es hängt in dem Raum, in dem an Große erinnert wird, der starb, weil er einer Diktatur entkommen wollte. Das Foto nimmt eine ganze Wand ein. Im Vordergrund sieht man den Grenzzaun, im Hintergrund liegt an einem Hügel ein Dorf. Bornhagen. Unterhalb der alten Burg steht das Pfarrhaus, in dem Höcke wohnt.

Im Grenzmuseum Schifflersgrund lässt sich die Zeit der deutschen Teilung nacherleben, mit Grenzzaun, Wachturm und militärischem Gerät. Man kann dort aber auch gut über den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke reden, der ganz in der Nähe wohnt. Foto: Daniel Pilar

Der AfD-Chef stellt sich ein anderes Deutschland vor. In einem Gesprächsband träumt er vom Rauswurf der Migranten. Er bemüht auch einen deutschen Mythos. Eines Tages werde Barbarossa mit seinen Getreuen in einer Höhle des Kyffhäusers erwachen, um das Reich zu erretten und seine Herrlichkeit wiederherzustellen.

Der Kyffhäuser ist etwa anderthalb Stunden Fahrtzeit entfernt. Es geht durchs Eichsfeld, wo sich laut Ruske vieles zum Guten gewandelt hat. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, und die CDU darf noch Volkspartei sein. Dann weiter auf die A 38, Teil des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit. Schließlich ragt das Kyffhäuserdenkmal, umgeben von Wald, in den grauen Donnerstagnachmittaghimmel. Dort oben allerdings stehen nicht Barbarossa und seine Getreuen, sondern Ronny und einige wenige andere Besucher, die zumeist ratlos schauen, wenn man sie nach der AfD und dem deutschen Mythos fragt.

Auch einen Grenzstein findet man im Museum Schifflersgrund. Foto: Andreas Nefzger

Ronny ist Ende dreißig. Er erzählt, dass er neun Jahre in einem Kinderheim verbracht habe, wisse, was es heißt, vom Fußboden zu essen. In dem Dorf, in dem er nun lebe, gebe es nichts. Einkaufen müsse man mit dem Auto. Deswegen würde er den älteren Nachbarn Essen mitbringen. „Eine kann kaum laufen“, sagt Ronny. „Drei Tage lag sie einmal mit einem Hüftbruch in der Wohnung.“


Vieles laufe falsch im Land, sagt er. „Die einen haben zu viel, die anderen zu wenig.“ Wenn er denn könnte, sagt Ronny, würde er alles umdrehen. Aber er kann ja nicht. Und die Parteien? Die Linke sei nicht unsympathisch. Die Grünen seien in Ordnung. Die AfD versuche immerhin etwas zu bewegen, auch wenn ihm die Ausländerpolitik egal sei.

D och das ist natürlich das Kernthema der AfD. Wenn hier in der Gegend gegen den Islam demonstriert wird, ist sie oft die Spitze der Bewegung. Was das für Muslime bedeutet, lässt sich auf einer Baustelle in der Landeshauptstadt von Thüringen erfahren. Am Rande von Erfurt liegt Marbach, und am Rande von Marbach entsteht die erste Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde in Ostdeutschland. Noch ist die Moschee nicht mehr als eine Bodenplatte zwischen einer Gärtnerei, einer Autowerkstatt und einer Rettungswache. Das Minarett soll acht Meter hoch werden, halb so hoch wie der Feuerwehrturm gegenüber.

Suleman Malik verteidigt in Erfurt den Bau einer Moschee. Foto: privat

Der Hass, den der Bau entfacht, ist gewaltig. Auf der Wiese nebenan standen eines Morgens elf Meter hohe Holzkreuze. Ein andermal wurde auf dem Gelände ein Schweinekopf auf einen Pfahl aufgespießt. „Das ist Rassismus, was wir hier erleben“, sagt Suleman Malik. Er ist der Sprecher der Thüringer Ahmadiyya-Muslime und zurzeit viel auf der Baustelle. Meist, um Dinge zu regeln, manchmal aber auch, um Wache zu halten. In dem Container, der ihm als Büro dient, steht ein Pritschenbett, in dem er schläft, wenn er fürchtet, dass etwas passiert. Weil mal wieder Drohungen auf Facebook zu lesen sind. Auch im Alltag wird Malik angefeindet. Erst neulich habe ihn in der Straßenbahn ein Mann angebrüllt, er solle abhauen mit seiner Moschee. Von den anderen Fahrgästen sei keiner eingeschritten. Malik sagt: „Für mich als Muslim ist es eine Herausforderung, in Würde zu leben.“


Dabei sei es seinem Vater genau darum gegangen, als er nach Deutschland floh, weil seine Religionsgruppe in Pakistan verfolgt wird. Das war in den Neunzigern. In Deutschland brannten Asylbewerberheime. Aber die Situation heute sei eine andere, sagt Malik. Früher habe man Fremdenfeinde erkannt. „Heute sieht man das den Leuten nicht mehr an.“ Die AfD habe es geschafft, „die Ausländerfeindlichkeit in die bürgerliche Mitte zu tragen“. Malik sieht sich und seine Gemeinde in der Pflicht, die Angst vor dem Fremden zu bekämpfen. Jedes Wochenende bauen sie Infostände auf. „Die AfD gehört zu Deutschland“, sagt er. „Wir brauchen den Dialog.“


„Die AfD gehört zu Deutschland. Wir brauchen den Dialog.“
SULEMAN MALIK

M an muss allerdings nicht weit fahren, um zu sehen, dass noch viel Überzeugungsarbeit vor Malik liegt. Knapp vier Kilometer sind es bis zum Dom. Dort steht Manfred in seiner Bude und verkauft Thüringer Bratwürste im Brötchen, 1,50 Euro das Stück. Warum ihn die Moschee stört, erklärt Manfred mit einem Vergleich. Mit ihr sei es wie mit dem Neubau, der auf der anderen Seite des Domplatzes die Reihe herausgeputzter Altstadthäuser unterbricht: „Das passt einfach nicht.“

Hätte er das Sagen, sagt Manfred, hätte er die Moschee niemals genehmigt. Man hätte sie wenigstens draußen „beim Ikea“ bauen können. Da sei Platz. Da wohne auch niemand. Dass es anders kam, ist für Manfred mal wieder ein Beleg dafür, wie egal normale Menschen der Politik seien. Wenn man wie er acht Stunden am Tag auf den Domplatz schaue, dann sehe man doch, wo die Probleme liegen: „Da sammeln alte Leute Flaschen, weil ihnen die Rente nicht reicht, das gibt's doch nicht.“

Mit diesen Worten geht es weiter Richtung Osten, nach Jena. Auf die Frage, wohin man dort unbedingt müsse, hat der Gastwirt zwei Vorschläge. Entweder zu den Plattenbauten von Lobeda und Winzerla, wo sich das NSU-Mordtrio kennenlernte. Oder zum roten König, in der Innenstadt neben dem Titty Twister.

Lothar König: eine Ikone der Antifa Foto: dpa

Der rote König heißt Lothar König, ist Stadtjugendpfarrer und eine Ikone der Antifa. Das Zentrum seiner Jungen Gemeinde, ein in die Jahre gekommenes Altstadthaus, ist Treffpunkt für Linke. An diesem Abend hat ein Eisenacher einen Vortrag über Neonazi-Strukturen in seiner Heimatstadt gehalten, jetzt sitzt man noch zusammen. Dichter Zigarettenqualm, junge Männer und Frauen, denen man das Linkssein ansieht. Mittendrin sitzt Lothar König, 64 Jahre, grauer Rauschebart, wie Karl Marx. Ob man über die politische Lage reden könnte? „In Jena ist es gut, drumherum ist alles Naziland“, sagt König.


Mit am Tisch sitzt Katharina König-Preuss, Tochter des Pfarrers und Landtagsabgeordnete für die Linkspartei. Von einem Rechtsruck in der Bevölkerung könne nicht die Rede sein, sagt sie, die AfD habe nur die Einstellungen sichtbar werden lassen, die Studien schon lange zeigten. Ein Grund für die Fremdenfeindlichkeit sei, dass es keine Fremden gebe. Der Osten brauche deshalb mehr Ausländer, sagt König-Preuss. Natürlich seien auch die Sorgen vieler Ostdeutscher berechtigt, zu kurz zu kommen, wenn es um Renten, Löhne, Strukturen geht. Aber vielleicht ließen sich diese Themen ja verbinden. „Die Länder müssen etwas dafür tun, dass sich ,People of Color‘ hier wohl fühlen, erst dann gibt es Geld.“


„Die Länder müssen etwas dafür tun, dass sich ,People of Color' hier wohl fühlen, erst dann gibt es Geld.“
KATHARINA KÖNIG-PREUSS

König-Preuss muss weiter, ihr Vater bittet nach unten in sein Büro. Überall Bücher und Papierkram, dazwischen volle Aschenbecher. Mit dabei ist Georg, 29 Jahre, aufgewachsen in Lobeda, Hartz-IV-Empfänger aus Prinzip: „Ich habe ein moralisches Problem damit, wenn jemand mit mir Geld verdient.“ König spricht vorwiegend in Zitaten, Wolf, Tolstoi, Lenin. Jetzt Siegfried Lenz: „Jeder wollte das Beste - für sich“, das könne einmal auf dem Grabstein der Erde stehen. Georg erklärt, warum die AfD seiner Meinung nach so erfolgreich ist. „Im Grunde geht es doch darum: Selbst ich als kleiner Hartz-IV-Empfänger kann mich einem Volkskörper zugehörig fühlen.“ Das verspreche einen Schutzraum. König bemüht einen Vergleich mit den Nazis: erniedrigtes Volk, angebliche Heilsbringer.

Und was ist heute die Erniedrigung? „Hartz IV“, sagt Georg. „Das ist richtig eklig. Du machst dich nackt. Und wenn dir die Menschenwürde genommen wird, dann ist dir die der anderen auch egal.“ Was die Linke der erstarkten Rechten entgegensetzen könnte, wissen Georg und König nicht zu sagen. „Der Linken fehlt eine Vision, genauso wie den bürgerlichen Parteien“, sagt Georg. König sagt: „Vergasen darf man sie nicht, erschießen will ich sie nicht.“ Hilft vielleicht Reden? „Ich setze mich nicht mit einem Nazi auf ein Podium.“

Plattenbau im Jenaer Stadtteil Lobeda Foto: Philip Eppelsheim

Auch König verabschiedet sich jetzt, Georg bittet noch auf ein Bier auf den Stufen zur Kirche. Dann erzählt er von seiner Jugend im Plattenbauviertel. Sieben Neonazis habe es allein in seiner Jahrgangsstufe gegeben. Er sei der einzige gewesen, der den Mund aufgemacht habe. Dafür hätten ihn die Neonazis schon mal in die Papiertonne gestopft oder eine Treppe hinuntergestoßen. Der Loser sei in jedem Fall er gewesen, auch was Markenklamotten und Frauen betrifft. Georg sagt: „Wenn ich cooler gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht auch ein Fascho geworden.“

N euer Tag, neues Bundesland. Sachsen ist traditionell CDU-Gebiet. Seit der Wende haben die Christdemokraten im Freistaat ununterbrochen den Ministerpräsidenten gestellt. Doch nach jüngsten Prognosen reicht es jetzt vielleicht nicht einmal mehr für ein Dreierbündnis gegen Linkspartei und AfD. Auf Lars Rohwers Tisch im sächsischen Landtag liegt das ganze Elend seiner Partei: die Tageszeitung mit der aktuellen Wahlkreisprognose. Die Karte Sachsens zerfällt grob in zwei Teile: Im Westen ist die Mehrheit der Wahlkreise schwarz eingefärbt, die CDU führt; im Osten überwiegt das Blau der AfD. Mittendrin liegt Dresden, schwarz bis auf den Wahlkreis ganz im Osten - den von Rohwer. „So eine Umfrage wirft mich nicht aus der Bahn“, sagt er.

Lars Rohwer ist Abgeordneter der CDU in Sachsen. Foto: Andreas Nefzger

Rohwer ist 47 Jahre alt. Er hat in seinem Wahlkreis schon vier erfolgreiche Wahlkämpfe bestritten. Die Themen, die die Leute beschäftigen, kenne er sehr genau, sagt er. Und anders als von der AfD behauptet, sei das viel mehr als nur Flüchtlinge. Das Thema sei für viele nur ein Ventil, um ihrem Ärger Luft zu machen, glaubt Rohwer. Denn bei den Problemen, die sie eigentlich umtreiben, könnten sie sich nur schwer Gehör verschaffen, etwa bei Hochwasserschäden. Rohwer baut darauf, näher am Wähler zu sein als sein Gegenkandidat von der AfD. „Für mich zählt, was ich als Kandidat einbringen kann.“


Auch was die Gesamtpartei angeht, zeigt sich Rohwer zuversichtlich. Die CDU habe Fehler gemacht, der Frust der Wähler sei nicht grundlos - „aber wir haben den Hebel umgelegt“. Rohwer erzählt dann von der neuen Energie, die Ministerpräsident Michael Kretschmer entfacht habe, vom Personalabbau bei der Polizei, der rückgängig gemacht worden sei, von „Anpassungen“ in der Flüchtlingspolitik und von Breitbandanschlüssen und öffentlichen Verkehrsmitteln für die Menschen auf dem Land. Die Botschaft ist eindeutig: Wir haben verstanden! Die Hoffnung, die CDU könne die AfD wieder in die Bedeutungslosigkeit drängen, macht sich Rohwer aber nicht: „Die Partei hat sich etabliert.“ Auch das Dunkeldeutschland-Stigma, das Sachsen inzwischen anhaftet, werde so schnell nicht wieder verschwinden: „Das wieder aus den Köpfen zu bekommen, wird eine Generationenaufgabe sein.“

Man kann tatsächlich schwer durch Sachsen fahren, ohne immer wieder daran erinnert zu werden, was sich hier in den vergangen Jahren zugetragen hat. Freital, Heidenau, Bautzen - schon die Hinweisschilder auf der Autobahn rufen zuverlässig Erinnerungen wach, eine rechtsextremistische Terrorgruppe hier, eine brennende Flüchtlingsunterkunft dort. Auch Chemnitz ist so ein Ort.

Ein Zettel am Eingang zeigt, das Chinarestaurant in Heidenau bei Dresden ist geschlossen. Foto: Andreas Nefzger

An diesem Freitagabend aber geht es hier nicht um die AfD oder Neonazi-Aufmärsche. Die Grünen haben zur Landesdelegiertenkonferenz in die Uni-Mensa geladen. Am Eingang steht ein Liegestuhl, der Platz an der Sonne, es gibt Mate-Tee, und auf der Bühne steht: „Das alles. Und noch viel mehr.“ Bei Rio Reiser geht es weiter: „Würd' ich machen, wenn ich König von Deutschland wär.“ Ein bisschen zumindest fühlen sich die Grünen so. Es gibt so viele Neumitglieder wie noch nie, man darf im Herbst auf ein zweistelliges Ergebnis hoffen. Im Osten, wo die Grünen nie so richtig Fuß fassen konnten, wäre das eine Sensation.


„Wir erleben wirklich einen neuen Aufbruch in Sachsen“, sagt die Landesvorsitzende Christin Melcher. Man spüre eine neue Offenheit im Land. Viele Leute aus der Zivilgesellschaft wachten auf und wollten „etwas tun vor diesen entscheidenden Zäsurwahlen“. Melcher sagt: „Ich glaube, dass die Leute auch spüren, dass man mit Hass und Hetze nicht die Welt verändern kann.“ Am wichtigsten sei es, dass das, was die AfD in kleinen Städten und Gemeinden mache, nicht unwidersprochen bleibe, dass die Leute auf dem Land nicht das Gefühl hätten, allein zu sein. Natürlich seien die Menschen unzufrieden, wenn der Krankenwagen zu lange brauche, wenn der Bahnhof verrotte. „Wenn wir da Antworten finden, glaube ich, dass viele Menschen dann auch wissen, dass die AfD keine Alternative ist.“

Auf der Fahrt von Chemnitz nach Dorfchemnitz und Clausnitz, noch so ein Ort, kann man erahnen, wie das Gefühl sein muss, allein zu sein. Manche Dörfer im Erzgebirge haben keine Bürgersteige, die Straßen sind durchlöchert, die Bushaltestellen halb zerfallen. Der Versuch, ein offenes Wirtshaus zu finden, scheitert. Es ist Freitagabend, aber der einzige Laden, der weit und breit auf hat, ist eine Dönerbude. Eine Wirtin, die auch Fremdenzimmer anbietet, sagt, dass es nichts bringe, die Gaststätten zu öffnen. Es gebe zu wenig Durchgangsverkehr. „Das Licht anzumachen wäre nur Stromverschwendung.“

I n der Oberlausitz werden die Dörfer wieder lebendiger, vielerorts wird gebaut. Doch manches ist Schein. „Einen Kredit kriegt heute schließlich fast jeder“, sagt Martin Just. Gerade hat er aber andere Sorgen: Der Wolf war in der Nacht da. Der Schäfer steht gemeinsam mit Jäger Friedrich Noltenius auf einer Wiese bei Spohla und untersucht Spuren im Ackerboden. Sie wissen, was die Spuren direkt neben der Schafweide bedeuten. Jede Nacht kann es nun so weit sein. Manchmal warten die Wölfe eine Woche oder zwei, aber dann kann sie auch ein Elektrozaun nicht mehr aufhalten. Just sagt: „Als Schafhalter hier in der Gegend musst du bekloppt sein.“

Martin Just in Schäfer. Wölfe haben hundert seiner Tiere gerissen. Foto: Andreas Nefzger

Vor fünf Jahren rissen die Wölfe das erste Mal eines seiner Schafe. Seitdem sind gut hundert hinzugekommen. Aber Just, 36 Jahre alt und hauptberuflicher Ingenieur, ist trotzdem dabeigeblieben. Das Schäferdasein ist seine Passion. Wenn es einem Tier nicht gut geht, dann treibt es ihm die Sorgen ins Gesicht. Die Hoffnung, dass die Sache mit dem Wolf irgendwann wieder besser wird, hat er aufgegeben. Er hat aber auch aufgegeben, deshalb verzweifelt zu sein. „Die Politik will uns augenscheinlich nicht helfen. Alle können wunderschöne Reden halten. Aber es bringt doch nichts, mehr Geld zu versprechen, wenn es nicht ankommt“, sagt Just. So gebe es zwar eine zusätzliche Prämie von 100 Euro pro Hektar. Nur hätten die Schäfer davon nichts, weil das meiste Land gar nicht ihnen gehört, sondern Großbetrieben. Kretschmer, der im Sommer bei ihm war, sagt Just, sei „ein feiner Mensch, der sich aufreibt“. Aber rausgekommen sei nach dem Besuch nichts.

Stattdessen wurden die Wölfe immer mehr. In der Gegend gebe es kaum jemanden, der nicht schon am helllichten Tag einen Wolf gesehen hat, sagt Noltenius. In Cunnewitz, Justs Wohnort, jagten Wölfe einen Hirsch mitten durchs Dorf. Am Morgen lag das Tier tot in einem Garten. Seitdem lassen Mütter ihre Kinder nicht mehr allein zur Bushaltestelle. Jedenfalls nicht, wenn es dunkel ist. „Zu Recht“, sagt Noltenius. „In Finnland holt der Schulbus die Kinder wegen der Wölfe ja auch direkt vor der Haustür ab, und die Finnen haben Erfahrung.“ Gehe es so weiter, dann werde es in ein paar Jahren mehr als 500 Wolfsrudel in Deutschland geben, sagt Noltenius. Natürlich müsse man den Bestand regulieren - auch wenn das „die Wolfsfreunde aus den westdeutschen Großstädten“ nicht verstehen wollen. „Wer ohne Einschränkungen für den Wolf ist, der ist gegen die Natur.“

Noltenius und Just sind sich sicher, dass der Wolf bei den Landtagswahlen hier in der Gegend viele Stimmen mit sich nehmen wird. Die Stimmen von denen, die sich vergessen und übergangen fühlen, die wie Just das Gefühl haben, dass Politiker zwar reden, aber nichts tun. Die politische Unzufriedenheit sei in der Gegend weit verbreitet, sagt er. Viele fühlten sich in Stich gelassen, hätten schon längst resigniert. „Und wir reden nicht über Migranten und so einen Blödsinn. Es geht um unsere Arbeit.“ Noltenius sagt: „Leute, die sich nicht ernst genommen fühlen, werden anfällig für Fliegenfänger. Es muss sich etwas tun, sonst gibt es ein ganz grausames Ergebnis.“

S chließlich führt die Reise nach Brandenburg. Was die CDU in Sachsen ist, ist hier die SPD. Alle Ministerpräsidenten seit 1990 waren Sozialdemokraten. Doch aktuell liegt die SPD bei rund zwanzig Prozent, etwa gleichauf mit CDU und AfD, nicht weit vor dem Koalitionspartner Linkspartei. Für eine Erklärung, wie das passieren konnte, geht es vorbei an Cottbus bis nach Oranienburg vor den Toren Berlins. Dort wartet Hans-Joachim Laesicke im Schlossrestaurant. Fast ein Vierteljahrhundert lang war Laesicke Bürgermeister von Oranienburg, seit 14 Monaten ist er im Ruhestand, seit sechs Monaten nicht mehr in der SPD.

Hat die SPD verlassen: Hans-Joachim Laesicke, früherer Bürgermeister Oranienburgs Foto: Andreas Nefzger

Für einen Mann, der stolz darauf ist, zu seinen Überzeugungen zu stehen, war der Parteiaustritt nur konsequent. Als man ihm als jungen Juristen zu DDR-Zeiten nahelegte, in die SED einzutreten, weigerte sich Laesicke. Als sich 1990 die SPD in der DDR gründete, trat er bei, weil die Partei von Brandt und Schmidt bei ihm zu Hause schon als die gute galt, als sein Vater noch die Bundestagsdebatten im Westfernsehen schaute. Und als die SPD im Herbst 2018 die Beförderung des Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen zum Staatssekretär mittrug, um den Koalitionsfrieden zu wahren, da sagte sich Laesicke, dass das „oberfaule Scheiße“ sei, und gab das Parteibuch ab.


Die Causa Maaßen war aber nur der Anlass. An seiner Partei gelitten hatte Laesicke vorher schon: kein charismatischer Anführer mehr seit Gerhard Schröder, das verschämte Bedauern der nötigen Hartz-IV-Reformen, der unverbindliche Pragmatismus in der großen Koalition - kein Wunder, dass die Bundespartei abgerutscht sei und die Landesverbände gleich mitgerissen habe. Jetzt scheine es aber, sagt Laesicke, als hätten die Genossen den Schuss gehört. Seit einiger Zeit seien sie wieder um eine klare Linie bemüht. Ob die SPD zu alter Stärke finden könne, hänge aber von der AfD ab. Und an dieser Stelle gehen Laesicke die klaren Antworten aus.

Teils kann sich Laesicke die Anziehungskraft der AfD mit Ost-Vergangenheit erklären. Nicht jeder habe wie er Böll und Grass lesen und Westfernsehen schauen können. Viele seien deshalb mit falschen Vorstellungen in die Demokratie gegangen, nicht wissend, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet. Aber es ist ihm ein Rätsel, woher der breite Unmut in der Bevölkerung kommt, die Systemkritik und die Abstiegsängste. Es sei doch unglaublich, was in den bald dreißig Jahren seit der Wiedervereinigung geschafft worden sei. Auch jetzt gehe es stetig voran, bei Arbeitsplätzen oder beim Kita-Ausbau. „Das Schlimme ist, dass immer nur vom Schlechtesten ausgegangen wird“, sagt Laesicke. „Die Begeisterung und die Offenheit der Nachwendezeit sind ein Stück weit auf der Strecke geblieben.“

Man findet in Brandenburg leicht Menschen, die sich der Sicht Laesickes anschließen. Marco zum Beispiel, der in der Innenstadt von Frankfurt (Oder) eine Studentenkneipe führt. Die Stadt hat einen heftigen Strukturwandel durchlebt. Kurz vor der Wende hatte Frankfurt 88.000 Einwohner, 2017 waren es um ein Drittel weniger. Auch drei Viertel seiner Freunde hätten die Stadt verlassen, erzählt Marco. Er aber wollte etwas aufbauen, auch wenn das schwierig sei, weil die jungen Leute fehlen. Doch es bewege sich etwas, die Stadt werde wieder lebendiger. „Man muss die kleinen Schritte sehen“, sagte Marco. Man findet in Brandenburg aber auch genauso schnell Leute, die das nicht können.

Das Dorf, das um seine Zukunft bangt. Heinersbrück liegt im Süden Brandenburgs und hat etwa 600 Einwohner. Fast alle sind vom Kohleabbau abhängig. Foto: Andreas Nefzger

Die letzte Station der Reise führt in den Südosten Brandenburgs. Hier liegt das Dorf Heinersbrück. 600 Einwohner hat es, bei der letzten Bundestagswahl erhielt die AfD mehr als 40 Prozent. Das Dorf sieht aus, wie man sich ein abgehängtes Dorf vorstellen würde. Am Horizont rauchen die Kühltürme des Kraftwerks Jänschwalde, direkt neben dem Ort beginnt der Tagebau, und auf den Straßen ist Leere.

D och plötzlich stehen da ein Drache, ein Wikinger, ein Indianer und eine Banane. Und ein Dutzend andere. Es ist die erweiterte Dorfjugend. „Das geht bis ungefähr 35“, sagt die Banane. Gemeinsam ziehen sie von Hof zu Hof, sammeln Eier und Speck, um am Abend Rührei zu machen. Es ist ein sorbischer Brauch. Sie vertreiben den Winter. Und trinken Pfeffi.

Der Drache ist 22 Jahre alt und arbeitet im Tagebau. Wie so viele hier. Und er hat die AfD gewählt. Das sei die einzige Partei, die für die Kohle eintrete, sagt er. „Und wenn die Kohle weg ist, dann geht hier nichts mehr. Es gibt ja sonst keine Industrie.“ Ohne die Kohle werde er keinen Arbeitsplatz mehr haben, kein Geld. Der Drache sagt: „Ich werde dann wohl in den Westen gehen.“

Der Indianer arbeitet als Fahrzeugmechaniker in Cottbus. Er sagt, auch bei ihm im Betrieb werde man den Kohleausstieg merken. Weniger Arbeitsplätze, weniger Menschen, weniger Autos, die man reparieren kann. Der Wikinger, er ist Feuerwehrmann in Berlin, sagt: „In zehn Jahren ist es hier vorbei!“

Der Mann im Bananen-Kostüm sagt, dass er zuletzt AfD gewählt habe. Foto: Philip Eppelsheim

Zumindest der Drache hat die AfD nicht nur wegen der Kohle gewählt, sondern auch wegen der Flüchtlinge. „Deutschland wird islamisiert“, sagt er. Viele Flüchtlinge wollten nicht arbeiten. Messerstecher wie in Chemnitz gehörten nicht zu Deutschland. Die Banane, ebenfalls AfD-Wähler, sagt: „Man kann kaum noch weggehen.“ Der Esel sagt: „Gerade in der Stadt hat man schon Angst.“ Immerhin sagt das Hühnchen: „Die sind nicht alle so.“

Einig sind sich alle, dass es in ihrem Dorf eigentlich ganz schön ist. „Solange es Arbeitsplätze gibt, gibt es keinen Grund, wegzuziehen“, sagt der Indianer. „Wir haben immer noch uns“, sagt die Banane.

Quelle: F.A.Z. Woche

Veröffentlicht: 19.03.2019 11:01 Uhr